Praxis

Kirche sein mit aktiver Beteiligung

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Kirche sein mit aktiver Beteiligung

Gottesdienst S. Michael 2016 thumbWenn die Schwestern und Brüder wirklich zu Schwestern und Brüdern werden

Was wir uns vorstellen, verändert uns und zuweilen auch andere. Wie die Imagination bei den Einleitungsformeln der Pauluslesungen wirksam werden kann …

Zwei kleine Veränderungen im neuen Lektionar

Mit dem neuen Lektionar hat sich die Adressierung der paulinischen Gemeinden geändert und die auch bisher schon mögliche und übliche Anrede der Schwestern und Brüder steht jetzt vor jeder Lesung aus einem Paulusbrief. In beiden Fällen werden mögliche Missverständnisse beseitigt: Bei der früheren Anrede z.B. „Brief des Apostels Paulus an die Römer“ hätte man denken können, es seien alle Römer angeredet, obwohl Christen eine verschwindende Minderheit waren, und es seien nur Männer angeredet. Dass die Angeredeten sich als Kirche verstehen, eine Gemeinde bildete, kam nicht zum Ausdruck. Die neue Formulierung ist nicht nur sachgerechter, sie ist konkreter und theologisch gefüllter.

Der Gedanke an Urlaub …

Die beiden Einleitungsformeln bieten darüber hinaus für den Vortrag der Lesung eine besondere Chance. Sie beruht auf der menschlichen Vorstellungskraft. Vorlesende, die mit ihren eigenen inneren Bildern eine Lesung vortragen, sprechen nämlich Hörende stärker an. Was für die Vorlesenden konkret ist, gewinnt für die Hörenden eine stärkere Präsenz. In vielen Lektorenkursen gehört die Arbeit mit den Bildern der Lesungen deshalb dazu. Jede und jeder weisst, dass der Gedanke an ein besonders schönes Urlaubserlebnis in eine andere Stimmung versetzt als der an die auszufüllende Steuererklärung – obwohl beides gerade nicht real ist, sondern nur in der Vorstellung abläuft. Zuweilen lässt sich eine innere Vorstellung sogar am Gesichtsausdruck ablesen.

Imagination für die Liturgie nutzen

Die Änderungen der Einleitungsformeln haben meines Erachtens über die Imagination das Potential, die Anredesituation der Lesung zu verändern - das setzt selbstverständlich Übung, also vielfache Wiederholung im Vollzug der Liturgie voraus. Ich habe dazu für Einführungskurse in das neue Lektionar eine kleine Imaginationsübung entwickelt, die ich gerne weitergebe. Sie lässt sich auch bei Treffen von Lektorengruppen einsetzen. Eine Arbeit mit der Vorstellung kann nicht den Anspruch erheben, historisch exakt zu sein – die Vorstellung ist etwas Subjektives.

Die Imaginationsübung

Weil Bewegung in Bewegung bringt, wird die Übung gehend in einem genügend grossen Raum durchgeführt.

1. Schritt: Die Bedeutung der Vorstellungskraft mit eigenen Beispielen kurz erläutern.

2. Schritt: Paulus hat an Gemeinden geschrieben. Wir gehen mit unserer Vorstellung in eine frühchristliche Gemeinde. Die Christinnen und Christen haben sich in einem Privathaus versammelt. Nach aussen sieht es nicht anders aus als andere Häuser. Ausser einem Eingang ist das Haus nach aussen abgeschlossen. Eintretend gelangt man in einen offenen Hof. Vom Hof gehen Räume ab, kleinere und grössere, Treppen führen ins erste Stockwerk. Es ist Sonntag, aber es ist nicht arbeitsfrei. Vielleicht geht eine Sklavin nach dem Gottesdienst zum Markt und hat Gefässe für den Einkauf im Hof abgestellt. Was sehe ich noch im Hof? Und wer ist heute da? Frauen … Kinder … Ist der alte Mann da, der mir beim letzten Mal auffiel? Ist eine Gesandtschaft aus einer anderen Gemeinde angekommen? Welche Hautfarbe haben die Menschen, die hier zusammenkommen? … – Alle werden eingeladen langsam im Raum herumzugehen und sich vor dem inneren Auge eine solche Hauskirche vorzustellen. Es wird nicht gesprochen.

3. Schritt: Die urchristliche Gemeinde besteht aus Frauen und Männern, aus Schwestern und Brüdern. Auch hier im Raum sind Frauen und Männer, sie sind als Christinnen und Christen hier, als Schwestern und Brüder. Wir leben viele Jahrhunderte später, aber als Kirche zusammengerufen sind wir immer noch Schwestern und Brüder. – Alle werden eingeladen langsam in Raum umherzugehen und jede und jeden, der entgegenkommt, anzusehen und ohne Worte zu grüssen als Schwester oder Bruder. Die Umhergehenden beginnen meist sehr schnell, sich gegenseitig anzulächeln. Gemeinschaft wird erfahrbar.

4. Schritt: Wechsel auf die Erfahrungsebene mit Fragen an die Anwesenden zu den beiden Schritten der Imagination. Zuerst mit einer Frage wie z.B.: Was haben Sie erlebt in der Hauskirche? Was war überraschend? Es ist nicht notwendig und meines Erachtens auch nicht hilfreich, die inneren Bilder preiszugeben. Kurzer Austausch (nicht jede oder jeder muss etwas sagen). Die zweite Frage richtet sich auf das Erleben der Schwestern und Brüder hier und jetzt, z.B.: Wie war es für Sie, die anderen auf diese Weise zu grüssen? Was haben Sie beobachtet? Kurzer Austausch.

5. Schritt: Wechsel auf die Meta-Ebene mit dem Hinweis auf die beiden Einleitungsformeln im Lektionar. Die Imagination der urchristlichen Gemeinde lässt sich verbinden mit dem Weg der Lektorin oder des Lektors zum Ambo. Am Ambo angekommen dreht er oder sie sich zu den Versammelten um und schaut sie in einem kurzen Augenblick mit dem inneren Auge als Schwestern und Brüder an, umfasst sie dabei als Gemeinschaft, an die jetzt das Wort ergeht. Dann spricht sie oder er die beiden Einleitungsformeln und verkündet die Lesung.

Wie damals so auch heute

Die Imaginationsübung ist ein Schritt zu einer ars celebrandi der Lektorinnen und Lektoren: Was sie mit den beiden Einleitungsformen der Lesung aussagen, vollziehen sie innerlich und verleihen ihm Präsenz. Sie bilden mithilfe ihrer Vorstellungskraft eine Brücke von der biblischen Urzeit zur gegenwärtigen Versammlung. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, dass die Hörenden die Erfahrung machen, wie es damals war, so ist es auch heute. „Machen“ können sie das nicht, aber: „Das im Gottesdienst fortwährend verkündete Wort Gottes ist durch die Kraft des Heiligen Geistes immer lebendig und wirksam und bezeugt so die immer tätige Liebe des Vaters zu den Menschen.“ (Pastorale Einführung in das Messlektionar Nr. 4) Dann stimmt auch die jetzt unter jeder ersten und zweiten Lesung abgedruckte Schlussformel „Wort des lebendigen Gottes.“

Gunda Brüske (1.7.2019)

Liturgisches Institut
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