alte Messlektionare thumbWohin mit den "alten" Lektionaren?

Der erste Band der neuen Lektionare ist noch nicht erschienen, doch die Frage, was mit den bisherigen Bänden des Lektionars geschehen soll, wird bereits gestellt. Was macht sie "alt"? Ihre Gebrauchsspuren oder die revidierte Einheitsübersetzung? Welchen Charakter hat dieses Buch und was heisst das für den Umgang mit den "alten" Lektionaren?

 

 

"Ich öffne das schwere Buch. ... Langsam lege ich die Seiten um. Die Geste ist uralt. Eine Wendung meiner Hand, und zugleich ist es das Buch selbst, das sich bewegt - als öffnete es die Augen und würde sich gerade in diesem Moment wieder daran erinnern, was es enthält, und nun lese ich das vor, und das Buch wird ruhig und froh über dem, was in ihm ist. ...

Kein anderes Buch kenne ich, so schwer und so groß wie diese Bibel. Ich muss daran denken, wie es mit den Jahren noch stockfleckiger werden wird in der feuchten Kirchenluft oder wie es bei enem Kerzenunfall brennen könnte, wie verletzlich es ist. Fast ein lebendiges Wesen - alle Sorge steht ihm zu wie einem Kind. Dabei ist es nicht einmal von Hand geschrieben ... Viele Lektoren hat es überlebt. Drei sind mir noch bekannt. ...

Was würde ich tun, wenn das Buch einmal nicht mehr taugen sollte? Wenn es zerfiele oder ersetzt werden müßte durch eine neue Ausgabe? Sollte ich es auf dem Friedhof begraben? Oder ins Regal stellen zu den alten Kirchenbüchern, wo es dann schliefe und träumte und vergessen würde?"

(Christian Lehnert, Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet. Berlin 2017, 141-143)

 

Der evangelische Pfarrer und Lyriker Christian Lehnert spricht nicht von einem Lektionar, sondern von einer alten Altarbibel. Was beide Bücher verbindet, ist der langjährige Gebrauch durch viele Menschen, die aus diesem Buch das Wort Gottes verkündet haben. Es hat aus diesem Buch etwas gemacht, das anders ist als die Bücher bei mir im Büro oder im Wohnzimmer. Gesegnet wurde es nicht, wie etwa Kelch und Patene. Die Frage nach dem Verbleib der bisherigen Lektionare lässt dennoch eine gewisse Ehrfurcht vor diesem Buch erkennen. Es scheint unmöglich, es einfach mit dem Altpapier zu entsorgen. Der gottesdienstliche Gebrauch hat es verändert, obwohl es doch nur ein Buch ist. Und so stellt sich die Frage: Was tun mit den "alten" Lektionaren?

 

Grundsätzliche Aspekte

  • Je ein Exemplar der bisherigen Lektionare sollte archiviert werden.
  • Bis zum Erscheinen des letzten Bandes der neuen Lektionare werden einige Jahre vergehen. Soll bereits jetzt eine Entscheidung über den Umgang mit den bisherigen Lektionaren getroffen werden oder erst wenn alle erschienen sind?
  • Diskutieren Sie doch einmal die Frage nach dem Verbleib der Lektionare mit jenen, die sie oft in Händen hatten: die Sakristan*innen, Lektor*innen, Priester, Diakone, Pastoralassisten*innen.
  • Ein ökologischer Aspekt: Die Lektionare sind in Kunstleder gebunden. Je nachdem, welchen Verbleib oder welche Weiterverwendung Sie ins Auge fassen, muss der Buchblock vom Einband getrennt werden.

 

Möglichkeiten für den Umgang mit weiteren Exemplaren

  • Verschenken von Bänden an Lektor*innen, Sakristan*innen und andere Personen, denen diese Bücher etwas bedeuten.
  • Grabbeigabe für verstorbene Lektor*innen, Sakristan*innen, kirchliche Mitarbeiter*innen und andere Personen, die sich das gewünscht haben. Das Einverständnis ist rechtzeitig zu erfragen.
  • Herauslösen von Seiten mit besonderen Texten (auch Lieblingstexten) zur Gestaltung dieser Seiten z.B. im Stil mittelalterlicher Handschriften mit einem Schmuckrand, hervorgehobenen Anfangsbuchstaben oder auf andere Weise (Vorschlag aus "Gottes Wort neu verkünden")
  • Umwandeln in Briefumschläge, die für besondere Anlässe verwendet werden, z.B. besondere Einladungen der Pfarrei oder für Glückwunsche zu besonderen Jubiläen. Lesen Sie auf jeden Fall die Texte vorher, um unerwünschte Nebenwirkungen durch ein ungünstiges Zusammenspiel von Bibeltext und der Lebenswirklichkeit des Adressaten zu vermeiden.
  • weitere Vorschläge auf Bibelwerken.ch
  • ...

 

Verabschieden, vergraben, recyceln?

Ein Vergraben (begraben?) von heiligen Schriften kam in der Antike vor, was viel späteren Generationen wertvolle Quellen dieser Zeit bescherte. Torarollen werden auch heute noch beigesetzt. Sie durchlaufen nach jüdischem Verständnis einen regelrechten Lebenszyklus, so dass am Ende eine Beisetzung steht.

Und wie steht es mit einem Lektionar? Es unterscheidet sich vom Gebrauch einer Torarolle, wird z.B. nicht in einem Toraschrein, sondern in einem normalen Sakristeischrank aufbewahrt, der nicht einmal verschlossen ist. Und dennoch gibt es dieses Empfinden, dass es nicht irgendein Buch ist. Christus spricht, wenn aus den Schriften gelesen wird. Deshalb ist es nicht angebracht, das Lektionar in der Feier im Fach unter dem Ambo verschwinden zu lassen, als wäre nichts gewesen. Deshalb auch kann das sichtbare, aufgeschlagene Lektionar in einer Wort-Gottes-Feier auf eine Gegenwart verweisen, die es nicht selber gewährt. Rechtfertigt das einen Akt einer rituellen Verabschiedung oder eine Beisetzung? Mir will scheinen, dass das nicht der Fall ist.

In der Buchgeschichte gibt es einen weiteren Umgang mit Exemplaren, die nicht mehr verwendet werden konnten. Weil das Material wertvoll war, Pergament z.B., wurde es wiederverwertet, indem ein neuer Text darüber geschrieben wurde. Oder Seiten wurden beim Binden eines anderen Buches wiederverwendet. Wenn man nun den Buchblock vom Einband lösen und ins Altpapier geben würde, wäre es dann nicht (über ein paar Zwischenstufen) ein ähnlicher Vorgang der Wieder- und Weiterverwendung?

 

Gunda Brüske (2.10.2018)