Das juengste_GerichtDies irae

Eine Botschaft aus dem finsteren Mittelalter?

Kaum ein liturgischer Text hat so stark auf Kunst und Kultur eingewirkt wie das „Dies irae". Seit 1970 ist die Sequenz nicht mehr Bestandteil der Totenmesse – als ein Opfer ihrer eigenen Wirkungsgeschichte?

 

 Einem Kritiker erläutert der französische Komponist Gabriel Fauré 1902 zu seinem 15 Jahre zuvor vollendeten Requiem, seinem bis heute bekanntesten Werk: „Mein Requiem, so sagt man, drücke nicht die Schrecken des Todes aus; jemand hat es sogar ein Wiegenlied in den Tod genannt. Aber so empfinde ich den Tod eben: wie eine glückliche Befreiung, ein Einhauchen der Glückseligkeit, nicht als leidvollen Weg." Und er fügt hinzu: „Ich war bestrebt, aus der Konvention auszuscheren, zumal ich lange auf der Orgel die Sterbeämter begleitet habe! Davon habe ich genug; ich wollte es hier anders machen." Besieht man sich das Werk näher, so wird deutlich, dass für Fauré die Konvention, die allzu sehr die Schrecken des Todes betont, nicht zuletzt in der Sequenz der Totenmesse greifbar wird: Das „Dies irae – Tag des Zorns", von anderen Komponisten in teilweise grellen Farben auskomponiert (man denke etwa an die Vertonungen von Mozart, Berlioz oder Verdi), lässt er kurzerhand entfallen. Mit dieser Entscheidung nimmt Fauré musikalisch vorweg, was später im Zuge der Liturgiereform auch offiziell vollzogen wird: Unter der Massgabe von Artikel 81 der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils („Der Ritus der Exequien soll deutlicher den österlichen Sinn des christlichen Todes ausdrücken") wird das „Dies irae" aus dem Begräbnisritus gestrichen. Zu Recht?

 

Der Tod als Übergang

Was ist gemeint, wenn das Konzil vom „österlichen Sinn" des Todes spricht? Der lateinische Name des Osterfestes, „pascha", ist vom jüdischen Paschafest (hebräisch „Pesach") übernommen. „Pascha" bedeutet „Übergang" und bezeichnet damit die Grundaussage des biblischen Glaubens: Der Gott der Bibel ist ein rettender und befreiender Gott. Er führt aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus dem Dunkel zum Licht, vom Tod zum Leben. Für Israel nimmt diese Grunderfahrung im Ur-Ereignis des Exodus, des Auszugs aus Ägypten, Gestalt an. Tod und Auferstehung Jesu vermitteln nach christlicher Überzeugung dieselbe Grunderfahrung: Befreiung von dem, was alles Leben existentiell bedroht und in Frage stellt. Der österliche Sinn des Todes besteht demnach in seinem Übergangscharakter. Er ist nicht einfachhin das Ende des Lebens, sondern er markiert den Übergang „aus dieser Welt zum Vater" (Johannes 13,1). Man hat dem Christentum vorgeworfen, es entwerte die diesseitige Wirklichkeit, indem es die Menschen auf das Eigentliche im Jenseits vertröste. In Wahrheit zeugt jedoch nicht zuletzt der Gerichtsgedanke davon, wie ernst der biblische Glaube das Leben nimmt: Der Tod als ultimativer Übergang ist für den Menschen mit der Notwendigkeit verbunden, vor Gott Rechenschaft über sein Leben abzulegen.

 

„Der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten"

Ohne Zweifel neigte das Mittelalter dazu, die Bedrohlichkeit des Jüngsten Gerichts auf eine Weise zu übersteigern, die das zuversichtliche Vertrauen auf die von Gott geschenkte Erlösung überlagern konnte. Dass als Richter Christus erwartet wird – derselbe Christus, der zum Heil der Menschen sein Leben hingab –, hätte dieses Vertrauen nähren müssen. Tatsächlich aber gab es insbesondere im Frühmittelalter (als Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Arianismus, der die Gottheit Christi bestritten hatte) die Tendenz, die unendlich erhabenen und überlegenen Seiten des Christusbildes zu Ungunsten seiner menschlichen Züge überzubetonen. Eine zu ausgeprägtem Sündenbewusstsein und starker Heilsangst neigende Mentalität kultivierte daher die Furcht vor dem strengen Richter. Die ersten sechs Strophen des „Dies irae" lassen sich als Ausdruck dieser Haltungen verstehen: Mit anschaulichen Bildern zeichnen sie in Anlehnung an biblische und heidnische Vorstellungen („teste David cum Sibylla") das Weltende als kosmische Katastrophe. Deren furioser Ablauf ist Ausdruck des Zorns des zum Jüngsten Gericht rufenden göttlichen Richters. Angesichts dieser Schreckensvision fragt sich der Beter des „Dies irae" in Strophe 7, was er dereinst vor Gottes Richterstuhl wird vorbringen können, wenn schon der Gerechte bangen muss (vgl. 1 Petrusbrief 4,18).

 

Rettung aus Gnade

Für das rechte Verständnis des Textes ist ausschlaggebend, dass der entscheidende Teil nun erst beginnt. Die Rezeptionsgeschichte des „Dies irae" verstellt weithin den Blick auf diese Tatsache, da sie sich mit schauriger Faszination auf die ersten Strophen konzentriert hat. In der inneren Logik des Textes aber bilden diese nur den Hintergrund, vor dem der mit Strophe 8 beginnende Hauptteil Profil gewinnt. Dabei handelt es sich nicht, wie man auf den ersten Blick denken könnte, um den Entwurf einer Verteidigungsrede für den Jüngsten Tag. Vielmehr entspinnt sich ein intimer Gebetsprozess, in dem der Beter sein Leben schon im Hier und Jetzt dem Richter, dessen Identität spätestens mit der Anrede in Vers 9,1 „Iesu pie" enthüllt wird, sein Leben hinhält.

 

Gleich zu Beginn (Strophe 8) folgt die zentrale Weichenstellung: Der angeredete „König von schreckenerregender Majestät" ist zugleich die „Quelle der Güte"; er rettet – gleich dreimal fällt das Stichwort „salvare" (retten) – nicht aufgrund von Verdienst, sondern aus Gnade („gratis"). Deshalb kann der Beter es wagen, im Bewusstsein seiner Schuld seine Bitten an ihn zu richten (Strophe 12 und 14). Der Anker seiner Hoffnung macht sich fest an der im Neuen Testament verbürgten Erfahrung mit dem irdischen Jesus, der gekommen ist, um den Verlorenen nachzugehen (Strophe 9), der um ihretwillen – also auch um des Beters willen – sein Leben hingegeben hat (Strophe 10). Dass er Maria (gemeint ist die mit Maria Magdalena identifizierte Sünderin in Lukas 7,36-50) vergeben und den Schächer erhört hat (Lukas 23,39-43), schenkt auch dem Beter Zuversicht (Strophe 13). In den Strophen 15 und 16, die sich auf die grosse Prophetie in Matthäus 25,31-46 beziehen, klingt nochmals die ganze Dramatik des Gerichts an. Der Beter weiss, dass seine Werke den dort formulierten Kriterien nicht genügen: Alles, was er vorzuweisen hat, ist sein in Reue „zerriebenes Herz" (Strophe 17; vgl. Psalm 51,19).

 

Die letzten beiden Strophen geben sich schon durch ihre abweichende Reimstruktur als späterer Zusatz zu erkennen. Sie adaptieren durch den Wechsel in die fürbittende Sprechweise die Ich-Du-Redesituation des ursprünglich ausserliturgischen Gebets für den Gebrauch beim Requiem, wo die Sänger dem Verstorbenen ihre Stimme leihen.

 

Ad acta gelegt?

Das „Dies irae" befasst sich in grosser Ernsthaftigkeit mit dem Tod als dem Übergang in das für menschliche Erfahrung Ungewisse. Trotz der christlichen Heilszusage bleibt in der Erfahrung der Lebenden die Offenheit und Brüchigkeit dieses Übergangs bestehen. Indem es dieses Skandalon ernst nimmt, ist das „Dies irae" ein bleibend aktueller Text. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil diese Offenheit auch mit der Beschaffenheit der Heilszusage selbst zusammenhängt, die nach Ausweis der Bibel mit einem hohen Anspruch an ihre Empfänger verbunden ist – und auch sein muss, soll das Leben, zumal angesichts des enormen Leids in der Welt, nicht nur ein zynisches Spiel sein.

 

Alexander Zerfaß

Stichwort

  • Urfassung im 12. Jahrhundert als Reimgebet entstanden, d. h. als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit
  • ab dem 13. Jahrhundert, zunächst nur im Franziskanerorden, als Sequenz der Totenmesse belegt; erst in dieser liturgischen Fassung treten die Strophen 11, 18 und 19 sekundär hinzu
  • fester Bestandteil der Totenliturgie im römischen Ritus durch das Missale Romanum von 1570
  • im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1970 aus dem Requiem gestrichen; heute im deutschen Stundenbuch fakultativ als zweite Lesung der Lesehore an Allerseelen (Latein)

Wider-Worte

„Dass geistliche Obrigkeiten, Volksprediger, Beichtväter, Katecheten, statt das Jüngste Gericht selber zu fürchten, es dazu gebraucht haben, andere in Furcht und Schrecken zu halten, ist leider wahr. Wer aber das Dies irae schlankweg als Paradigma einer solchen Schreckenspastoral klassifiziert und deshalb eliminiert, hat seine grammatische und logische Struktur vielleicht doch nicht genau genug angesehen. ... Im Gang der Rede, des Gebets entwickelt sich eine Apologia pro vita sua höchst eigener Art, die die Hl. Schrift zum Repertoire argumentativer Selbstreflexion macht. Sie wischt den existentiellen Schrecken definitiven Heilsverlustes nicht um eines österlich-freudigen Christenglaubens vom Tisch, sondern arbeitet sich durch ihn hindurch. ... Das Moderne daran ist der Ernst der Subjektivität, die emotionale Intensität, in der ein einzelner, zur letzten Verantwortung gerufen, sein Leben mit Hilfe der Schrift im Angesicht Christi durchspricht."

 

Alex Stock (2001)

 

Geistlicher Impuls

Herr, gedenke doch der Namen
derer, die gestorben sind,
und vergiss nicht, wie sie kamen:
Schritt für Schritt, im Gegenwind,
übers Feld der langen Leiden,
durchs Gehölz der Einsamkeit,
sehnlich immer hoffend, ihnen
sei ein Vaterhaus bereit.

 

Herr, gedenke, wie sie lauschen,
wie sie im Verlies der Nacht
Rufe mit der Leere tauschen,
ohne Anwalt, ohne Macht.
Du kannst in Gesichtern lesen:
Narben, Runzeln, bis ins Grab
schuldzerrissne Menschenwesen.
Wisch doch Schuld und Tränen ab.

 

Der Maria hat vergeben
und den Räuber hoffen ließ:
Lass die Toten mit dir leben,
nimm sie auf ins Paradies.
Herr, gedenke ihrer Namen.
Wenn du richtest, sprich sie los.
Decke alle ihre Schulden,
birg ihr Haupt in deinen Schoß.

 

Wohin soll der Mensch sich kehren,
wenn er, ins Gericht gestellt,
deine Liebe muss entbehren,
weil der Zorn das Urteil fällt?
Sieh die Angst in seinen Augen,
hör, wie ihm die Stimme bricht.
Herr, lässt du dich nicht bewegen –
einen Andern hat er nicht.

 

Jürgen Henkys, nach Mattheus Verdaasdonk: Heer, herinner U de namen
(Quelle: Stimme, die Stein zerbricht. Geistliche Lieder aus benachbarten Sprachen ausgewählt und übertragen von Jürgen Henkys, München 2003, Nr. 39)

 

Ablauf

1 Tag des Zornes, Tag der Zähren!
Wirst die Welt in Asche kehren,
Wie Sibyll' und David lehren.

 

2 Welch ein Graus wird sein und Zagen,
Wenn der Richter kommt, mit Fragen
Streng zu prüfen alle Klagen;

 

3 Wenn in der Posaune Tone
Er die Toten jeder Zone
Dann entbietet seinem Throne!

 

4 Schaudernd sehen Tod und Leben
Sich die Kreatur erheben,
Rechenschaft dem Herrn zu geben.

 

5 Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Treu darin ist eingetragen
Jede Schuld aus Erdentagen.

 

6 Sitzt der Richter dann und richtet,
Wird auch Heimlichstes gelichtet,
Keine Schuld bleibt ungeschlichtet.

 

7 Weh, was wird' ich Armer sagen,
Welchen Anwalt mir erfragen,
Wenn Gerechte selbst verzagen!

 

8 König schrecklicher Gewalten,
Frei ist Deiner Gnade Schalten;
Gnadenquell, laß Gnade walten.

 

9 Guter Jesus, wollst erwägen,
Daß Du kamest meinetwegen.
Tritt mir nicht zu streng entgegen.

 

10 Hast gesucht mich unverdrossen,
Hast am Kreuz Dein Blut vergossen:
Das sei nicht umsonst geflossen.

 

11 Richter Du gerechter Rache,
Nachsicht üb in meiner Sache,
Eh zum Letzten ich erwache.

 

12 Seufzend steh' ich schuldbefangen,
Schamrot glühen meine Wangen,
Laß mein Bitten Gnad' erlangen.

 

13 Der vergeben einst Marien,
Der dem Schächer hat verziehen,
Hoffnung hast auch mir verliehen.

 

14 Wenig gilt vor Dir mein Flehen,
Doch aus Gnade laß geschehen,
Daß ich mag der Höll' entgehen.

 

15 Zu den Böcken nicht, den Schlechten,
Stell mich zu den treuen Knechten,
Zu den Schafen auf der Rechten.

 

16 Wenn Verworfnen ohne Schonung
Flammenpein wird zur Belohnung,
Ruf mich zu der Sel'gen Wohnung.

 

17 Sieh zermalmt mein Herz, die Hände
Ringe ich nach Dir; so spende
Gnädig mir ein gutes Ende.

 

18 Tag der Tränen, Tag der Wehen,
Da vom Grabe wird erstehen
Zum Gericht der Mensch voll Sünden.

 

19 Laß ihn, Gott, Erbarmen finden.
Milder Jesus! Herr, das tu:
Allen gib die ew'ge Ruh. Amen.

 

Übersetzung U. Bomm 1947


Links

Lateinischer Text