Neues LektionarLektionar

Ein Blick ins Buch

Lektor*innen, Sakristan*innen, Vorstehende nehmen es regelmässig in die Hand, das Lektionar. Die Mitfeiernden sehen es nur von ferne. Ein Blick ins Buch ist zugleich ein Einblick in das Wirken des biblischen Wortes, in die Geschichte der Liturgie und natürlich in seine Inhalte.

 

Das Ganze im Fragment

Ein Lektionar ist ein Lesebuch für den Gottesdienst. Wie viele Lesebücher enthält es Auszüge aus grösseren Werken, in diesem Fall aus den Büchern der Heiligen Schrift. Weil in jedem Lektionar Texte aus unterschiedlichen Büchern des Alten und des Neuen Testament verzeichnet sind, kann man auch sagen, dass ein Lektionar das Ganze der Heiligen Schrift im Fragment enthält.

 

Weil Christus gegenwärtig wird, wenn aus den Schriften (im Plural und ohne Einschränkung auf das Evangelium) verkündet wird (Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium Nr. 7), ist die dinghafte Grundlage dieses Sprechens, das Buch, nicht ganz belanglos. Welche Wertschätzung spricht aus den Worten des evangelisches Pfarrers und Lyrikers Christian Lehnert: "Archaische Bewegung, ich hebe die Heilige Schrift hoch, öffne sie und lese. Das Buch ist stolz wie ein geschützter Salamander in einem Teich. So leiht es sich meine Stimme." (Der Gott in einer Nuß ... 2017, 143)

 

Sollte das nicht in ähnlicher Weise für ein Lektionar gelten? Legt es nicht den materiellen Grund dafür, dass die biblische Zeit und das Heute der Mitfeiernden sich im Hören des Wortes berühren können? Wird es nicht geheiligt durch den Gebrauch, wenn aus ihm immer wieder das "Wort des lebendigen Gottes" erklingt? Voller Worte und ohne Stimme ist das Lektionar, ein ohnmächtiges Ding. Mit der menschlichen Stimme aber und dem Heiligen Geist, der Anwesende in Hörende verwandelt, bewahrt es als Medium die Message, die Botschaft, auch nach dem Verklingen der Lesung. Es ist ein Buch zum praktischen Gebrauch - und darum muss es jetzt gehen -, aber eines mit einer ganz eigenen Würde.

 

Geschichte eines Buchtyps

Zunächst wurden Lesungen von Lektoren direkt aus der Bibel vorgetragen. Dazugehörige Listen verzeichneten die Stellen. Praktischer waren Bücher, die nur die vorzutragenden Textabschnitte enthielten: die Lektionare. Dieser Buchtypus findet sich bereits vor der Wende zum 2. Jahrtausend. Lektoren, die nicht zum Klerus gehörten, gab es dagegen nicht mehr.

 

Für die Lektionare folgenreich war die Entstehung von sogenannten Plenarmissalien im Mittelalter. Plenarmissalien waren Messbücher, die zusätzlich zu den Gebeten auch die Lesungen und die Gesänge für die Messen boten – all inclusive sozusagen. Es gab zwar weiterhin Lektionare, Epistolare (Sammlungen der Epistel-, also Brieflesungen) und Evangeliare; diese waren jedoch für feierliche Anlässe und nicht für den normalen Gebrauch bestimmt. Das liturgische Buch schlechthin war somit das Messbuch, also das liturgische Rollenbuch für den Priester. Schliesslich war es für die Gültigkeit der Messe sogar erforderlich, dass der Priester die Lesungen selber (still) sprach, wenn sie laut und in der Volkssprache verkündigt wurden, wie es in der Zeit der Liturgischen Bewegung (1909 bis zum II. Vatikanischen Konzil) geschah.


Ein Rollenbuch für Lektor*innen

Die nachkonziliare Erneuerung kehrte zur Aufteilung in zwei Bücher zurück: Lektionare enthalten nur die biblischen Lesungen, das Messbuch nur Gebete und anderes für die Eucharistiefeier Notwendige. Den liturgischen Rollen in der Eucharistiefeier entsprechen nun auch die Bücher: das Lektionar für die Lektor*innen und den Diakon, der das Evangelium vorträgt (wenn kein Diakon mitfeiert, dann der Priester), das Messbuch für den Priester. So spiegeln die liturgischen Bücher ein Liturgieverständnis, das mit mehreren liturgischen Rollen rechnet.


Der Inhalt des liturgischen Lesebuchs

Nachdem die neue Leseordnung feststand, wurde ein Lektionar für das deutsche Sprachgebiet herausgegeben. Seit Herbst 2018 erscheinen neue Bände. Die Abschnitte aus den biblischen Büchern folgen bei den Sonntags- und Werktagsmessen (und gegebenenfalls Wort-Gottes-Feiern) der Leseordnung der Messe. Beginnend mit dem Kirchenjahr sind im Sonntagslektionar fortlaufend die Lesungen verzeichnet. Das Lektionar für Werktage beginnt mit der ersten Woche im Jahreskreis. Daneben gibt es Lektionare, die Lesungen für bestimmten Feiern, wie z.B. für ein Begräbnis etc. abdrucken und ein Lektionar für Marienmessen.


Für jeden Sonn- oder Werktag enthält das Lektionar:

  • die erste Lesung,
  • den Antwortpsalm,
  • die zweite Lesung,
  • das Halleluja/den Christusruf mit einem biblischen Vers,
  • das Evangelium.


Vor der ersten und zweiten Lesung sowie vor dem Evangelium findet sich die Angabe der Bibelstelle und ein kurzer, den Hauptgedanken der Lesung zusammenfassender Satz. Diese beiden Angaben werden im Gottesdienst nicht vorgetragen.

 

Lektionar Lesung

Gesprochen wird nur, was schwarz und fett gedruckt ist:


Die Lesungen sind selber noch einmal gegliedert: Am Anfang steht eine einleitende Formel, z. B. «In jenen Tagen». Der dann folgende biblische Text ist in Sprechzeilen gegliedert. Wie ein Bogen umfassen sie einen Gedanken. Sie bilden eine Sinneinheit. Damit stellen die Sprechzeilen oder Sinnzeilen eine verlässliche Hilfe für den mündlichen Vortrag dar.

 

Ein Blick in das Lektionar

 

Gunda Brüske (23.10.2018)


 

Stichwort

  • genaue Bezeichnung: «Messlektionar» Kurzform: «Lektionar».
  • Buch mit den Texten der biblischen Lesungen für die Messe (und die Wort-Gottes-Feier am Sonn- und Feiertag)
  • In der Schweiz gibt es sprachregional unterschiedliche Lektionare in Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
  • Die erste deutschsprachige Ausgabe auf der Basis der nachkonziliaren Leseordnung erschien ab 1969. Nach einer römischen Zweitauflage und dem Erscheinen der Einheitsübersetzung wurden sie mit diesem Text neu ediert (ab 1982). Beginnend im Herbst 2018 erscheint eine Neuauflage der Lektionare mit dem Text der revidierten Einheitsübersetzung von 2016.

Praxis-Tipp

Tipps für Lektor*innen

Schott Messbuch

Über den Umgang mit alten Lektionaren

 

Geistlicher Impuls

Aus der Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum:

 

"Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht. ... In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf. Und solche Gewalt und Kraft west im Worte Gottes, daß es für die Kirche Halt und Leben, für die Kinder der Kirche Glaubensstärke, Seelenspeise und reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens ist. Darum gelten von der Heiligen Schrift in besonderer Weise die Worte: "Lebendig ist Gottes Rede und wirksam" (Hebr 4,12), "mächtig aufzubauen und das Erbe auszuteilen unter allen Geheiligten" (Apg 20,32; vgl. 1 Thess 2,13)." (Nr. 21)

 

Inhalt der 8 Bände

Bände der Lektionare mit dem Text der revidierten Einheitsüberetzung mit voraussichtlichem Erscheinungstermin:

 

  • Band I Die Sonntage und Festtage im Lesejahr A (Herbst 2019)
  • Band II Die Sonntage und Festtage im Lesejahr B (Herbst 2020)
  • Band III Die Sonntage und Festtage im Lesejahr C (Oktober 2018)
  • Band IV Geprägte Zeiten (Herbst 2020)
  • Band V Jahreskreis 1 (Herbst 2021)
  • Band VI Jahreskreis 2 (2022)
  • Band VII Sakramente und Sakramentalien. Für Verstorbene (Herbst 2019)
  • Band VIII Messen für besondere Anliegen. Votivmessen (2021)
  • Evangeliar (Herbst 2020)

"Nahe Verwandte"

Medien, die der Vorbereitung auf die Lesung oder dem persönlichen Gebet dienen, die jedoch keine liturgischen Bücher sind:

  • «Der Schott» heisst mit vollem Titel «Schott-Messbuch für … (z.B. die Sonn- und Festtage des Lesejahres C)». Es enthält alle Texte für die Messe, also Lesungen und Gebete. Die Lesungen sind in dieselben Sprechzeilen gegliedert wie im Lektionar. Der Schott ist kein Einmal-Produkt, da die Sonn- und Wochentage nicht mit einem Datum verknüpft sind. Er trägt den Namen des Benediktiners Anselm Schott, der die lateinischen Texte 1884 für das Volk übersetzte («Volksmessbuch»).
  • Jährliche erscheinende Messbücher für die Vorbereitung: Sie bieten über die Lesungen und Gebete hinaus zusätzliches Material wie Kyrierufe, Erläuterungen zu den einzelnen Lesungen, Fürbitten etc. Die Texte werden in der Abfolge der Kalendertage gesetzt. Damit haben diese Bücher gewissermassen ein Verfallsdatum: den 31.12.
  • Die monatlich erscheinenden Zeitschriften Magnificat und Te Deum bieten für jeden Tag ein Morgen- und Abendgebet, einige Texte der Messe, darunter immer die Lesungen der Messe mit kurzen Einleitungen, sowie weiteres Material.

Links

Pastorale Einführung in das Messlektionar