Himmlisches JerusalemAllerheiligen und Allerseelen

Die Vision des offenen Himmels

„Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf" (W. Willms). An Allerheiligen und im Totengedächtnis von Allerseelen wird dieser Kanonvers zur liturgischen Feier: Die Kirche tritt in die weite Perspektive einer unbegrenzten Hoffnung.

 

Das Rätsel der Vergänglichkeit

Von einer unsäglichen, wehmütigen Schönheit kann der Gang durch die sterbende Natur des späten Jahres sein. Wen schon einmal der Weg einer Wanderung durch einen mit Herbstlicht durchfluteten Laubwald im Oktober geführt hat, weiss, was gemeint ist. Auch manche Werke der Kunst atmen diese Stimmung, in der uns die Schönheit besonders berührt, gerade weil sie mit dem Bewusstsein verbunden ist, dass auch sie der Vergänglichkeit unterworfen ist, dass auch sie - sterben muss. So wird sie zum Gleichnis menschlichen Abschieds und rufen dennoch die Einstimmung in etwas Unabwendbares in uns wach.

 

Aber dieses Erleben ist von einer tiefen Doppeldeutigkeit und Gefährdung. Wenn einmal nicht mehr das stille Licht herbstlicher Verklärung über der Szenerie leuchtet, wenn Vergänglichkeit, des schönen Scheins beraubt, in der Brutalität der Zerstörung erlebt werden muss, der Zerstörung: des Leibes, der Seele, wenn solche Zerstörung den nahen, den geliebten Menschen trifft, dann wird aus wehmütiger Melancholie stille oder laute Verzweiflung. Dann wird aus Einstimmung Protest - und muss es werden. Denn hier geht es keineswegs mit rechten Dingen zu: Something is wrong in this picture. Solcher Protest hat mehr recht und ist tiefer bei den Dingen als jede noch so eindringliche Beteuerung, dass dies eben der Gang der Natur sei. „Wir sind Protestleute gegen den Tod" (Blumhardt).

 

Die Frage nach dem Sinn, die im Protest aufscheint, die gestellt wird, ohne aus sich heraus eine Antwort finden zu können, wird also auch durch Natur und Kunst nicht beantwortet. Und dennoch: Beinhaltet das Licht, das die Vergänglichkeit zu verklären scheint, beinhaltet die tröstende Einstimmung, die manches Werk der Kunst in uns wachzurufen vermag, nicht doch einen Fingerzeig der Hoffnung, der mehr ist als eine Form der Selbstvertröstung, die nötig ist, um eine sonst unerträglich brutale Wirklichkeit aushalten zu können? Aber wohin weist er uns? Hier bleibt alles in der Schwebe.

 

Über einer sterbenden Natur die Welt der Vollendung

An dieser Stelle formuliert die Liturgie der Kirche eine sanfte Antwort, sanft, weil sie sich denen, die Trauer tragen, nicht mit einer allzu lauten und deshalb vielleicht als wohlfeil empfundenen Rede aufdrängt, sondern weil sie einfach die Hoffnung feiert, derer sie im Glauben gewiss ist. Sie lässt dies alles zu: die Schönheit und die Zerstörung, die sanfte Wehmut der Einstimmung und den verzweifelten Protest, sie lässt diese ganze durch Tod und Sterben gezeichnete Wirklichkeit zu - mit ihrer unauflösbaren Vieldeutigkeit und ihren unbeantwortbaren Fragen. Aber indem sie einfach ihre Liturgie feiert, indem sie Allerheiligen feiert und am folgenden Tag das grosse Totengedächtnis begeht, öffnet sich in der Symbol- und Bildwelt der Liturgie eine andere Welt, die der Glaube als Wirklichkeit, ja als die eigentliche und letzte Wirklichkeit bejaht: Über der vergehenden Natur werde die unvergängliche Welt der Heiligen sichtbar.

 

Worte, die sehen lassen

Wo aber etwas sichtbar wird, da gibt es was zu sehen! Wo findet solche Schau statt? Dort wo es dem Glauben, der noch nicht unmittelbar von Angesicht zu Angesicht schaut und der dennoch nicht blind ist, gemäss ist: im Wort der Liturgie selbst, die wesentlich und entscheidend vom Wort der Schrift genährt wird. Die Wortwelt der Schrift ist aber eine Welt voller Bilder, die uns, wenn wir auf sie hören, etwas zu sehen gibt. Sprich zu mir, damit ich dich sehen kann - so müssten wir uns der Liturgie von Allerheiligen nähern, damit sie sich erschliesst. Und es sind Bilder, die einen ganz grossen Atem spüren lassen, die uns die Liturgie an Allerheiligen zu sehen gibt.

 

Ist Allerheiligen eigentlich ein Heiligenfest?

Oft habe ich an Allerheiligen Predigten gehört, die schon gleich den Blick auf das grosse Totengedächtnis des folgenden Tages gelenkt haben oder aber die versuchten zu erklären, was ein Heiliger und was Heiligkeit ist, oft auch - seit Kindertagen erinnere ich mich daran -, dass Allerheiligen das Fest all der Heiligen des Alltags sei, die nie zur Ehre der Altäre erhoben worden wären. Dies alles ist ja wirklich gut und wichtig und richtig. Aber mir scheint, dass hier der ganz grosse Zug der Bilder in der Liturgie des Allerheiligentages doch noch nicht ausgeschöpft ist. Hier ist noch mehr zu sagen. Ohne Zweifel etwas zugespitzt, könnte man fragen: Ist Allerheiligen eigentlich ein Heiligenfest? Ja und nein, wäre wohl zu antworten: Es ist ein Heiligenfest, indem es mehr als ein Heiligenfest ist.

 

Das Hochfest des offenen Himmels

Denn Allerheiligen ist zuerst und zuletzt das Fest des offenen Himmels: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir allmächtiger Vater zu danken und dich mit der ganzen Schöpfung zu rühmen. Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind. Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel und gehen freudig dem Ziel der Verheißung entgegen. Darum preisen wir dich in der Gemeinschaft deiner Heiligen und singen mit den Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit: Heilig...".

 

Diese Festpräfation ist bis zum Rand gefüllt mit biblischen Bezügen und der wichtigste, zentrale unter ihnen gibt dem Fest seine Mitte, indem er das Festgeheimnis prägnant auf den Punkt bringt; das also ist die Vision von Allerheiligen: „Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem."

 

Das Jerusalem der Vollendung

Ja, es ist wie Balthasar Fischer es gesagt hat: Über der vergehenden, sterbenden Natur öffnet sich der Himmel und wie der Seher Johannes schauen wir das Jerusalem der Vollendung, in dem Gott schon alles in allem ist, in dem die Herrschaft seiner Liebe sich schon endgültig durchgesetzt hat gegen Hölle, Tod und Teufel, dort wo alle Tränen abgewischt werden. So ist die Liturgie des Allerheiligentages denn auch ganz durchtränkt von den Texten und visionären Bildern aus der Offenbarung des Johannes, von Worten, die in besonders intensiver Weise „zu sehen geben". Dies beginnt schon in den Lesungen und Antiphonen der Tagzeitenliturgie und hat seinen Höhenpunkt in der grossen ersten Lesung aus Offenbarung 7 in der Eucharistiefeier. Das sind Bilder nicht des Schreckens, sondern des Trostes, der Bewahrung und Vollendung. Ihre Mitte aber haben sie in der Vision des himmlischen Jerusalems am Schluss der Johannesoffenbarung. Mit diesem Schluss ist die Festlesung aus Kapitel 7 eng verwandt, die Festpräfation nimmt ihn auf und spiegelt zugleich in sich die vielfältigen weiteren biblischen Traditionen in denen das Bild der himmlischen Stadt eine wichtige Rolle spielt: z.B. im Hebräerbrief, bei Paulus im Galater- und Philipperbrief, im Epheserbrief - und manche Bibelwissenschaftler meinen mit guten Gründen, dass es auch schon in der Vorstellungswelt Jesu präsent war.

 

Die neue Schöpfung

„Gott, du allein bist heilig" sagt das Schlussgebet. Aber dieser Gott schenkt sich selbst und wo dies geschieht, wächst das Jerusalem der Vollendung bei dessen Gastmahl „du selbst die Vollendung der Heiligen bist." Die Kirche blickt also an Allerheiligen auf den vollendenden Gott, indem sie gleichzeitig auf die Vollendeten schaut. Die Vollendung, die Gott schenkt, indem er sich selbst schenkt, verwandelt aber die ganze Wirklichkeit: Sie ist neue Schöpfung. Von daher wird auch das Bild der himmlischen Stadt erst ganz verständlich. Denn für den antiken Menschen ist die Stadt der Inbegriff des wohlgeordneten Kosmos und tatsächlich gehen am Ende der Offenbarung des Johannes die Bilder des neuen Himmels und der neuen Erde, des himmlischen Jerusalems und der Braut des Lammes nahtlos ineinander über und interpretieren sich gegenseitig.

 

Ein gewaltiges, universales Hoffnungsbild scheint also an Allerheiligen vor uns auf: Das Bild der neuen Schöpfung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie unmittelbar ist zu Gott, denn einen Tempel kennt das neue Jerusalem nicht: Gott selbst ist ihr Tempel, er und das Lamm. So aber wohnt er inmitten seines Volkes: „Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er Gott wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wir nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen." (Offenbarung 21,3c-4)

 

Die Kirche pilgert nach Jerusalem

Der zweite Gedanke aber der Festpräfation: Dorthin, zu dieser Vollendung, ist die Kirche pilgernd unterwegs - und zwar nicht aus eigener Kraft: Der Himmel geht über allen auf - und auf alle über. Die Kirche pilgert also in der Kraft dessen, der ihr vorangegangen ist und der im Hl. Geist an jenem österlichen Geheimnis Anteil gibt, durch das er selbst vom Tod in das Leben der Vollendung eingegangen ist. Die erste Lesung drückt dies in zwei starken Bildern aus: Die 144000 werden versiegelt: Schon hier, wie dann in der ganzen weiteren Tradition der Kirche, wenn vom Siegel und von Versiegelung die Rede ist, ist dies eine Anspielung auf die Taufe, die uns Gott übereignet, der uns in der letzten Bedrängnis, von der unser Text redet, behütet und bewahrt. (Aber natürlich ist auch hier im Hintergrund der weitere Horizont von Gottes erwählendem Gnadenhandeln im Blick, das über die Zahl der Getauften hinausgeht, aber in der Taufe leibhaftig zu sich kommt und kommen soll.)

 

Im zweiten Teil der Lesung dann ein noch stärkeres, weil paradoxes Bild: die Scharen derer, die vor Gott eine ewige, himmlische Liturgie feiern, haben ihre Gewänder - Zeichen ihrer Gottfähigkeit - im Blut des Lammes weiss gemacht. Das heisst aber nichts anderes, als dass sie in das ganz und gar „eingetaucht" worden sind, was man „Paschamysterium" nennt, Christi Hinübergang vom Tod zum Leben. In der Perspektive der Hoffnung auf Vollendung sind damit alle Christinnen und Christen gemeint, nicht nur die Märtyrer. Eben so wenig wie das Festevangelium der Seligpreisungen nur ein Bild der Heiligkeit zeichnet, sondern vielmehr auch so etwas wie die Magna Charta des Pilgerns der Kirche auf dem Weg zum Jerusalem des Himmels angibt. Unter diesem Gesetz kann sie pilgern, weil ihr Jesus auch jetzt noch den Himmel zu-spricht, wenn sie diesem Grundgesetz zu ent-sprechen sucht: „... denn ihrer ist das Himmelreich". So könnte man auch sagen, dass wir in den Bildern des Allerheiligentags Anfang, Weg und Vollendung der Gottesherrschaft schauen, die in Jesus schon jetzt nach uns greift und uns in ihr neues, endgültiges Leben hineinziehen will.

 

Und schliesslich: Durch die Gabe des Geistes ist die Dynamik der Vollendung schon verborgen in uns und unter uns wirksam, sind wir fähig in der Symbolwirklichkeit der Liturgie schon hinzuzutreten zum himmlischen Jerusalem. Was wir also an Allerheiligen in den Bildern der Liturgie schauen, ist nichts anderes als das endgültige Sichtbarwerden, die Epiphanie von Pfingsten. In der Hoffnung aber, die diese Bilder schenken, dürfen wir dann im grossen Totengedächtnis der Kirche an Allerseelen alle unsere Toten einbeziehen.

 

Martin Brüske

 

Stichwort

  • Sammelfeste für Heilige seit dem 4. Jh. bezeugt zunächst österlich-pfingstlicher Zusammenhang
  • 1. November kelto-gallischer Jahresbeginn (Halloween: Hintergrund Jahreswechsel)
  • Halloween: „All Hallows eve"; Hallows: Die Heiligen; also „Vorabend von Allerheiligen"
  • Durchsetzung dieses Festdatums im 9. Jh.
  • Anfügung eines Gedächtnisses aller Toten am folgenden Tag 998 durch Odilo von Cluny

Praxis-Tipp

Wenn Allerseelen am Sonntag ist ...

 

Allerseelen steht in der Rangordnung der liturgischen Tage auf gleicher Stufe wie die Hochfeste des Herrn und der Heiligen. Das bedeutet, dass er einen "normalen" Sonntag im Jahreskreis verdrängt.
In vielen Pfarreien ist es üblich, am Festtag von Allerheiligen auch das Totengedächtnis für die Verstorbenen zu halten. Wenn Allerseelen auf einen Sonntag fällt, bietet sich die Chance, diesem Gedenken ein eigenes Gewicht zu geben, in Weiterführung und Entfaltung des Allerheiligenfestes. Die österliche Hoffnung, die wir mit dem Gedächtnis der Verstorbenen verbinden, passt auch sehr gut zur Bedeutung des Sonntags als Tag der Auferstehung.
Wo in der Gemeinde an diesem Sonntag Laudes oder Vesper gefeiert werden, kann zwischen dem Formular für Verstorbene oder jenem des Sonntags gewählt werden.

 

Wider-Worte

«Ich komme ins Paradies, in den Himmel, ins ewige Leben oder zu Gott», antworteten 13,7 Prozent von 1026 repräsentativ ausgewählten Schweizerinnen und Schweizern.
Ein weiterer Siebtel äussert allgemeine Vorstellungen über eine Weiterexistenz nach dem Tod. Je ein Viertel macht sich keine Gedanken über die Existenz nach dem Tod oder meint, mit dem Tod sei alles aus. Weniger als einer von zehn bekannte sich zur Wiedergeburt im Sinn der Reinkarnation.

 

RNA/sda/kipa

 

Geistlicher Impuls

Karl Rahner zu Lesung Offenbarung 7,2ff:

 

„Wir hoffen, daß wir zu diesen Besiegelten und Bezeichneten gehören, daß das Zeichen des unsichtbaren Gottes unsichtbar auf unserer Stirn steht und daß so jeder von uns durch seine eigene Weltgeschichte geht als der schon Bezeichnete und daß wenn wir auch Seher wären und wenn wir auch schon alles durchschauen könnten bis zu seinem Ende wir uns auch dort vor dem Throne des Lammes und Gottes erblicken und schon hören könnten den Lobgesang, den wir einmal anstimmen werden.

 

So müssen wir den Text des heutigen Tages lesen. Für uns, für jeden von uns und für die, die wir lieben, die Toten, die lebendig sind, und die Lebenden, für die Fernen und die Nahen, für die, die mit uns Christen sind, und die, deren sich Gott auch sonst erbarmt und erbarmen kann, lesen für alle: denn allen gibt Gott seine Gnade, daß sie Bezeichnete sein können."

 

Karl Rahner, Das Grosse Kirchenjahr, Freiburg/Basel/Wien 1987, 525f.


Links

Liturgische Texte Allerheiligen

 

Liturgische Texte Allerseelen