Maria AusschnittUnbefleckte Empfängnis 8.12.

Erwählt und wahrhaft schön

Wie gehen Unbeflecktsein und Sex zusammen? Gedanken zu einem häufig missverstandenen Fest.

 

 

 

Die Luzerner Zeitung verkündete im Sommer 2015: „Unbefleckte Empfängnis bei Sägerochen“. Und erklärte dann gleich: „Wissenschaftler haben bei einer Sägerochenart in Florida jungfräulich gezeugte Nachkommen gefunden. Es ist das erste Mal, dass auf diese Weise geborene, lebensfähige Jungtiere in freier Wildbahn nachgewiesen wurden.“ Dies ist zweifellos interessant, hat aber mit einer unbefleckten Empfängnis nichts zu tun. Denn anders als immer wieder zu lesen ist, geht es bei der unbefleckten Empfängnis Marias nicht um die jungfräuliche Geburt Jesu. Es geht an diesem Fest nicht darum, dass Maria deshalb unbefleckt war, weil sie nie Sex hatte – und damit auch nicht darum, dass die Sexualität den Menschen grundsätzlich befleckt. Denn es geht ja nicht um das Werden Jesu, sondern um das Werden seiner Mutter, Maria, und sie war eine ganz und gar natürliche Tochter ihrer Eltern, die in der kirchlichen Tradition Anna und Joachim heissen.

 

Unsere Erfahrung: verstrickt in Schuld

Aber was ist dann gemeint mit der „Unbefleckten Empfängnis“ Marias? Auf die Spur bringt uns die korrekte deutsche Bezeichnung dieses Festes in der Liturgie „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Gemeint ist also, dass Maria von ihrem Anfang an ohne Erbsünde war. Dann stellt sich aber gleich die nächste Frage: Was ist denn Erbsünde? Viele Theologen haben sich darüber die Köpfe zerbrochen, wie genau dieser alte Begriff, der sich vor allem seit Augustinus in der kirchlichen Tradition findet, genau definiert werden kann. Das wieder zu geben, würde hier den Rahmen sprengen. Letztlich versucht dieser Begriff die Erfahrung des Menschen zu fassen, dass er sowohl gemeinschaftlich als auch individuell immer wieder in Schuld verstrickt ist und sich selbst verstrickt. Das ist auch unsere Erfahrung: wir entdecken z.B. immer wieder Strukturen in unserer Wirklichkeit, die böse oder sündig sind, die wir nicht direkt zu verantworten haben, an denen wir aber allein durch unser Sein mitwirken. Oder wir machen die Erfahrung, dass es uns einfach nicht gelingt, trotz vielleicht bester Vorsätze und gutem Willen, immer und überall gut zu handeln. Wir müssen ganz nüchtern feststellen: die Sünde und das Böse in dieser Welt sind mächtig und unsere Kraft und unser Wille zum Widerstand und zum Engagement z.B. für mehr Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind begrenzt. Wir müssen immer wieder umkehren, weil wir uns immer wieder abkehren. Die Möglichkeit der Umkehr, die Verkündigung eines barmherzigen Gottes und letztlich auch die Befreiung aus der Verstrickung in Schuld und Sünde und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit haben uns die Menschwerdung, das Leben und die Predigt, das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi gebracht. Damit sind wir nicht mehr nur „Erben“ der Sünde, sondern auch und in erster Linie Kinder und Erben Gottes, Miterben Christi (vgl. Röm 8,12), nicht mehr nur verstrickt in Schuld, sondern vor allem vereint im dreifaltigen Gott (vgl. Joh 17,20ff).

 

Maria: eben keine Göttin

Das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria feiert nun Gott, der Maria von dieser menschlichen Gegebenheit der Verstrickung in Sünde seit ihrem ersten Ursprung befreit und bewahrt hat. Maria, die Mutter Jesu, der die Befreiung aus der verzweifelten Verstrickung in Schuld gebracht hat, war selbst von Anfang an aus dieser Verstrickung befreit. Dass sie dies nicht aufgrund eigener Vollmacht, eigener Kraft oder eigenen Verdienstes war, wird mit der Rede von Befreiung vom ersten Augenblick ihres Seins, im Moment ihrer Empfängnis, wunderbar ausgedrückt. Maria ist vor allem Begnadete, mehr als alle Frauen, mehr als alle Menschen, aber Begnadete (vgl. Lk 1, 28.30), wie uns das Evangelium vom Hochfest in Erinnerung ruft. Gott, schaut auf die Niedrigkeit seiner Magd, und es ist sein Werk, dass alle Geschlechter sie selig preisen, wie es im Magnifikat heisst (Lk 1,46-55). Maria ist eben nicht die vielleicht ersehnte Göttin neben der Dreifaltigkeit, sie garantiert eben nicht ein weibliches Prinzip in Gott selbst. Gott, der alles in allem ist, braucht das nicht (nur wir müssen uns daran erinnern, dass Gott weder Mann noch Frau ist). Maria ist keine Göttin, sie ist Erwählte und Begnadete. So lautet übrigens eine moderne und verbreitete Bezeichnung des Festes vom 8.12. „Mariä Erwählung“

 

An Maria zeigt sich Gottes Heilswillen für uns alle

Die Kirchenväter mussten nun allerdings lange darüber nachdenken, warum denn dann noch Jesus auf die Welt kommen musste, wenn Gott Maria einfach so von dieser Erbsünde bewahren konnte. War dann das Kommen Jesu überhaupt noch nötig? Und die Kirchenväter antworteten: Ja, denn mit Hinblick auf das Grosse, das ihr Sohn sein und bewirken würde, wurde Maria von Anfang an vorbereitet. Nur aus der Kraft des späteren Lebens und der Hingabe Jesu konnte Maria schon im Vornherein bewahrt werden. Man kann das als theologische Spitzfindigkeit abtun. Man kann darin aber auch das Bekenntnis dazu erkennen, dass der Wille Gottes, dem Menschen vom Bösen zu befreien, nicht nur Maria galt, sondern allen Menschen. Auf das Grosse, das Jesus Christus später sein und bewirken würde, wurde Maria von Anfang an vorbereitet. Nur aus der Kraft des späteren Lebens und der Hingabe Jesu konnte Maria schon im Vornherein befreit und bewahrt werden – für uns. Hätte die Erwählung Marias keine Bedeutung für uns, bräuchten wir sie nicht zu feiern.

 

Was Maria ist, das werden wir!

Maria ist Erwählte und Begnadete. Sie ist dies auf besondere Weise. Aber sie bleibt nicht allein. Das Gabengebet vom 8.12. macht deutlich, dass auch wir Begnadete sind:


„Herr, unser Gott,
in deiner Gnade
hast du die selige Jungfrau Maria auserwählt
und vor jeder Sünde bewahrt.
An ihrem Fest feiern wir das Opfer,
das alle Schuld der Menschen tilgt.
Befreie uns auf ihr Fürsprache
aus der Verstrickung in das Böse
damit auch wir heilig und makellos vor dir stehen.“


Maria ist „nur“ deshalb erwählt und begnadet, damit auch wir aus der Verstrickung in das Böse befreit werden. Was Maria war und ist, das sind und werden wir. Jeder und jede von uns darf von sich sagen, dass er oder sie „voll der Gnade ist“. Wir dürfen hoffen und schon jetzt feiern, dass Gott uns befreit von Sünde und Schuld. Auch wir haben die Berufung, Gott durch unsere Verkündigung, aber mehr noch durch unser Handeln auf die Welt zu bringen. Wir haben die Hoffnung, dass es am Ende der Tage auch für uns eine „Aufnahme in den Himmel“ geben wird. Das ist gemeint, wenn von Maria als dem Urbild der Kirche, die wir sind, gesprochen wird. Wir haben die gleiche Berufung wie Maria. Ihr Vorbild und ihre Fürbitte helfen uns auf dem Weg dieser Berufung (vgl. Präfation vom Hochfest).

 

 

 

Martin Conrad 

Stichwort

  • Hochfest am 8. Dezember
  • Vorläufer: seit dem 8. Jh. byzantinisches Fest der Empfängnis der heiligen Anna am 9.12.
  • Papst Sixtus IV. erlaubt 1476 das Fest der "Empfängnis der unbefleckten Maria" für bestimmte Regionen
  • Papst Clemens XI. führt es 1708 in der gesamten lateinischen Kirche ein
  • Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Marias 1854 durch Papst Pius IX.

Facts

"Die seligste Jungfrau Maria wurde im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, rein von jedem Makel der Erbschuld bewahrt."

 

aus der Bulle "Ineffabilis Deus" des Papstes Pius IX. 8. Dezember 1854

 

Anstoss

"Weil im Reiche Gottes, im Reich der Liebe jedem alles in je seiner Weise mitgeteilt wird, alles in allem webt und waltet, ist jedes der Geheimnisse dieses Reiches unerschöpflich. Man hat es erst ganz begriffen, wenn man alles verstanden hat. Das Ganze aber ist die Unerschöpflichkeit des unendlichen Mysteriums Gottes. Darum kann man auch das Geheimnis des Festes der Unbefleckten Empfängnis unter unübersehbar vielen Aspekten betrachten. Und es ist keinem verwehrt, den sich zu suchen, der ihn am besten und erfülltesten in dieses Geheimnis Gottes so einführt, dass er bei Gott selbst ankommt."

 

Karl Rahner

 

Geistlicher Impuls

Der folgende biblisch inspirierte Hymnus geht auf das 4. Jahrhundert zurück und ist in dieser Form seit dem 14. Jahrhundert verbreitet. Einige der lateinischen Messgesänge und der Antiphonen der Tagzeitenliturgie am 8.12. sind davon inspiriert:

 

Tota pulchra es, Maria
et macula originalis non est in te.
Vestimentum tuum candidum quasi nix, et facies tua sicut sol.
Tota pulchra es, Maria,
et macula originalis non est in te.
Tu gloria Hierusalem, tu laetitia Israel, tu honorificentia populi nostri.
Tota pulchra es, Maria.

 

Ganz schön bist du, Maria,

und der Makel der Urschuld

ist nicht in dir.

Deine Kleider sind weiss wie Schnee,

und dein Gesicht wie die Sonne.

Ganz schön bis du, Maria,

und der Makel der Urschuld

ist nicht in dir.

Du Ehre Jerusalems, du Freude Israels, du Ehrerweisung deines Volkes.

Ganz schön bist du, Maria.

 

Vertonung des Hymnus von Maurice Duruflé (1902-1986)

 

 

Links

 

Liturgische Texte am Hochfest

 

Erklärung des Festes auf katholisch.de

 

Artikel in der Luzerner Zeitung über "Unbefleckte Empfängnis bei Sägerochen"