Zeitschrift Gottesdienst thumbGottes Gegenwart im Wort ernst genommen

Artikel aus der Zeitschrift "Gottesdienst" vom 05.01.2015 von Eduard Nagel, Deutsches Liturgisches Institut, Trier

 

 

 


Ist es ein Zufall, dass Papst Franziskus, zwei Wochen nachdem das neue Schweizer Buch "Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag" vorgestellt wurde, einer Meldung von Radio Vatikan vom 1. Dezember zufolge den Schweizer Bischöfen ins
Stammbuch schrieb: "Die Sendung der Laien in der Kirche hat einen bedeutenden Stellenwert, denn sie tragen zum Leben der Pfarreien und der kirchlichen Einrichtungen bei", so der Papst wörtlich. Es sei "gut, ihr Engagement zu würdigen und zu
unterstützen, allerdings unter klarer Wahrung des Unterschieds zwischen dem gemeinsamen Priestertum der Gläubigen und
dem Priestertum des Dienstes".

 

Tatsächlich tragen Laien wesentlich zum Leben der Kirche in der Schweiz bei: Gerade auch zum liturgischen Leben, indem Frauen und Männer im kirchlichen Dienst dem Sonntagsgottesdienst der Gemeinde in der Form der Wort-Gottes-Feier vorstehen. Die Erfahrungen damit sind der Hintergrund, vor dem im Auftrag der Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz eine Arbeitsgruppe das neue liturgische Buch erarbeitet hat, das seinen Vorgänger "Die Wortgottesfeier" von 1997 ablöst. Diesen Erfahrungen wurde in der Erarbeitung des Buches ein hoher Stellenwert eingeräumt. In der Arbeitsgruppe waren alle Bistümer außer Lugano sowie alle kirchlichen Berufsgruppen vertreten, und die neue Form wurde in mehreren Pfarreien sowie bei speziellen Anlässen wie Tagungen und Arbeitstreffen erprobt. Damit ist das Buch kein Schreibtischprodukt und kein von oben verordnetes Werk, sondern ein gemeinsames Werk von Fachleuten aus der Praxis, Theologen und Kirchenleitung. Gottes Gegenwart im Wort ernst genommen.

 

Während das alte Buch ein erster Schritt auf dem Weg zu einer neuen Gottesdienstform war und seine Herkunft aus dem Wortgottesdienst der Eucharistiefeier des Sonntags – erweitert um Friedensgruß und "Feierliches Lob", Gebet des Herrn und Schlussgebet, in der Praxis oft auch mit Kommunionspendung – noch gut erkennen ließ, präsentiert die neue Ausgabe

eine eigene Grundform, die im Buch selbst so charakterisiert wird:

 

"Die Grundform besteht aus vier Teilen:

  • Eröffnung: Die Feiernden treten in die Gegenwart Gottes. Sie sammeln sich, um das Wort Gottes zu hören. Das zentrale Element der Eröffnung ist das Litaneigebet.
  • Verkündigung: Die Feiernden hören das Wort Gottes. Durch die Prozession mit dem Lektionar vor der ersten Lesung wird die Aufmerksamkeit auf die Verkündigun gelenkt.
  • Zeichenhandlung und Lobpreis: Die Feiernden antworten auf das Wort Gottes im Wort und im Tun. Die Vorsteherin oder der Vorsteher wählt eine Zeichenhandlung aus.
  • Abschluss: Die Feiernden werden entlassen, um das Wort Gottes hinauszutragen und danach zu handeln."

Vergleicht man diese Grundform mit dem im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, der Österreichischen Bischofskonferenz und des Erzbischofs von Luxemburg herausgegebenen Werkbuch "Wort-Gottes-Feier" (Trier 2004), so fällt als erstes der stärkere Akzent "In die Gegenwart Gottes treten" in Gestalt eines (längeren) Litaneigebets oder eines geistlichen Textes auf.

 

Der zweite deutliche Unterschied ist die Einrichtung eines eigenen "Ortes des Buches". Von ihm führt die Prozession mit dem

Lektionar vor der Ersten Lesung zum Ambo, begleitet von einem gesungenen Kehrvers und einem Spruch, z. B. "Sei gegrüsst, du Wort, das der Welt den Anfang gab. Sei gegrüsst, du führst dein Volk durch die Zeit. Sei gegrüsst, du bleibst in Ewigkeit. Sei gegrüsst, Gottes Wort: Wirke in uns." Nach den Lesungen und Gesängen gemäß dem Mess-Lektionar wird das Buch zu diesem Ort zurückgetragen, worauf in Richtung des aufgeschlagenen Buches ein Lobpreis gesprochen wird: "Gepriesen bist
du, Herr, unser Gott, denn heute hast du zu uns gesprochen durch das Wort des Evangeliums. Dein Wort fordert uns heraus, dein Wort festigt unsere Hoffnung. Gepriesen sei dein heiliger Name, Vater, Sohn, und Heiliger Geist. – Amen."

 

Auf die Verkündigung folgt dann eine Zeichenhandlung und ein Lobpreis (evtl. mit Darbringung von Weihrauch). Als Zeichenhandlungen sind vorgesehen: Verehrung des Wortes – Zuspruch eines biblischen Wortes – Taufgedächtnis – Bußakt mit Versöhnungszeichen – Unter Gottes schützendem Wort stehen. Gegebenenfalls vorgesehene Benediktionen haben ebenfalls hier ihren Platz. Zu den einzelnen Zeichenhandlungen enthält das Buch jeweils ein eigenes Kapitel mit entsprechenden Hinweisen und Texten,z. B. zur Verehrung des Wortes: Prozession mit Kerzendarbringung oder Prozession mit Verneigung vor dem Buch oder Zuspruch eines biblischen Wortes: Prozession zum Ort des Wortes, wo die Einzelnen ein Kärtchen mit einem Bibelwort empfangen.

 

Nach Mitteilungen und Kollekte schließt die Feier mit der Segensbitte und der Entlassung. 

 

Eigene Kapitel gibt es auch zu einer Feier mit Bußakt und Versöhnung, mit Lichtdanksagung/Luzernar, mit Kommunionspendung, mit Familien. Unter den Anhängen mit Gebeten und Gesängen fällt eine Überschrift auf; da gibt es auch Texte für eine „Feier mit Kirchenfernen".


Noch stärker fällt auf, dass das Kapitel VII "Feier mit Kommunionspendung" nur aus einer kurzen Einführung und einer Übersicht über den Ablauf besteht, aber keinerlei Texte enthält. Die entsprechenden Texte sind Inhalt einer eigenen Publikation: Feierliche Kommuniongebete für die Wortgottesfeier mit Kommunion. Ergänzungsheft zum Feierbuch Die Wortgottesfeier, Freiburg/Schweiz: Paulusverlag 2007. (Die darin enthaltenen Gebete zu den Zeiten des Kirchenjahres und zu anderen Anlässen eignen sich auch für den Kommuniondank in der Eucharistiefeier oder bei der Krankenkommunion.)


Die Entscheidung, in das Feierbuch selbst keine Texte für die Kommunionfeier aufzunehmen, ist eine Konsequenz der erklärten Absicht, den eigenen Wert hervorzuheben und der Wort-Gottes-Feier ihr eigenes Profil zu geben – nicht aus irgendwelchen pragmatischen Gründen, sondern aus der tiefen theologischen Überzeugung der realen Gegenwart des Herrn in der Feier des Wortes Gottes heraus. Eine ausführliche Grundlegung dazu bietet die Pastorale Einführung in das Buch in einem Text, der in seiner theologischen Tiefe und spirituellen Dichte und in seiner Prägnanz kaum zu übertreffen ist – ein Text freilich, der an die Leser einen hohen Anspruch stellt.


Vergleicht man das neue Buch mit seinem Vorgänger von 1997 und dem deutsch-österreichischen Pendant von 2004, so ist
eine klare Entwicklung zu erkennen von einer Notlösung in Form eines etwas erweiterten Wortgottesdienstes der Eucharistiefeier über eine stärkere Profilierung der Wort-Gottes-Feier als eigenständiger Gottesdienstform zu einer vom Glauben an die Gegenwart Gottes in seinem Wort her konzipierten und rituell konsequent durchgestalteten Form.

 

Einer Form, die nicht vom Makel der Abwesenheit eines ordinierten Vorstehers gekennzeichnet ist, sondern von Laien geleitet wird und darum dem "bedeutenden Stellenwert" entspricht, den die Laien nach dem eingangs zitierten Wort des Papstes "im Leben der Pfarreien und der kirchlichen Einrichtungen" heute tragen.

 

Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag. Hg. vom Liturgischen Institut in Freiburg im Auftrag der Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz, Freiburg/Schw.: Paulusverlag 2014; ISBN 978-3-7228-0862-8   Buchshop

 

Gottes Gegenwart im Wort ernst genommen (Gottesdienst 1/2015)

 

(Stand: 03.02.2015)