SKZ-logo thumbWort-Gottes-Feier – ein neues liturgisches Buch

Artikel in der Schweizerischen Kirchenzeitung vom 13.11.2014 von Gunda Brüske, Mitarbeiterin des Liturgischen Instituts

 

 

 


Eine Lektorin trägt eine biblische Lesung vor, eine zweite liest aus einem Paulusbrief. Der Vorsteher sitzt, leicht nach vorne geneigt, ein wenig zum Ambo gedreht; es fehlt nur wenig, dass er die Hand ans Ohr legt. Die ganze Körperhaltung zeigt, hier ist einer, für den gerade nichts anderes zählt, als Gottes Wort zu hören. Gott ist gegenwärtig, Jesus spricht aus den Worten der Schrift.


Das Gewicht des biblischen Wortes

Diese Szene habe ich vor Jahren in Freiburg i. Ü. erlebt. Der Horchende und die Mitfeiernden richten sich innerlich aus, sie erwarten, dass etwas passiert. Doch was kann da schon passieren? Es könnte sein, dass Menschen anders aus der Kirche herauskommen, als sie hineingegangen sind. Es sollte so sein, denn «Gottes Wort ist Tatwort, das die Wirklichkeit verändert», 1 es ist «Liebesanrede, die uns zu Freundinnen und Freunden Gottes machen will», es ist «Verheissung, durch die sich (...) ein Weg öffnet», es «formt Leben», aber es wird auch «zum heilsamen Gericht», «wo sich Leben in purem Drang nach Selbsterhaltung verhärtet, wo es sich selbst genügen will und Gott vergisst». Die Bedeutung des Wortes Gottes für das christliche Leben lässt sich nicht leicht überschätzen. Deshalb wird diesem Wort in der Liturgie viel Raum eingeräumt. Es gibt Gottesdienste ohne die Feier der Sakramente, aber es gibt keine ohne Wortverkündigung. Liturgische Bücher verändern sich im Laufe der Zeit, doch die Bibel bleibt. Sie ist das wichtigste liturgische Buch. Die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung wagt eine Spitzenaussage: «Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht» (Dei Verbum Nr. 7).
Auch wer nicht zum Pessimismus neigt, wird die Frage stellen, wie tief diese Aussagen zur Bedeutung des Wortes Gottes im Bewusstsein katholischer Christinnen und Christen verwurzelt sind. Doch können sie Gottesdienste so erleben, dass das Wort Gottes zur Nahrung für die kommenden Tage oder Wochen wird? Diese Frage stellt sich für alle Gottesdienste, für die sonntägliche Wort-Gottes-Feier ist sie elementar. Sie fordert diese Feier mit entsprechenden liturgischen Texten. Hier setzt das neue Buch für Wort-Gottes-Feiern am Sonntag an.


Die Entstehung eines neuen Feierbuchs

Über einen Zeitraum von vier Jahren erarbeitete eine Gruppe mit Vertretern aller Bistümer und aller Berufsgruppen, die mit Wort-Gottes-Feiern zu tun haben, das neue Buch. Am Ende einer intensiven ersten Reflexionsphase – Bewertung von Erfahrungen mit dem Vorgängerbuch, theologische Auseinandersetzung, Forderungen an die liturgische Qualität und immer wieder Fragen nach der pastoralen Situation – stand ein Entwurf für einen Ablauf mit alten und neuen Elementen. Das Besondere im Entstehungsprozess ist, dass dieser Entwurf in einer zweiten Phase mit Fachpersonen und mit Frauen und Männern in Pfarreien erprobt, evaluiert und weiterentwickelt werden konnte. Einen solchen Praxistest erleben liturgische Bücher äusserst selten. In der dritten Phase wurden weitere Zeichenhandlungen und Gebetstexte hinzugefügt sowie – erstmals in einem liturgischen Buch – Anregungen für eine Feier mit Familien zusammengestellt. In der letzten Phase stand mit erfolgter Approbation das Buch als Medium im Zentrum: die Feinarbeit an den Rubriken und eine auf den Gebrauch möglichst optimal abgestimmte Gestaltung. Am 7. November 2014 konnte die neue «Wort-Gottes-Feier am Sonntag» in einer Vernissage präsentiert werden.


Die neue Grundform

Die Entwicklung, die Wort-Gottes-Feiern in den letzten fünfzig Jahren im deutschen Sprachgebiet durchlaufen haben, führte dem Aufbau und den Elementen nach zu einer immer eigenständigeren, von der Eucharistiefeier unabhängigen Gestalt. Das Deutschschweizer Feierbuch aus dem Jahr 1997 war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. 2 Neu war damals ein feierlicher Lobpreis, der allerdings häufig nicht verwendet wurde. Das neue Feierbuch setzt die Profilierung als eigene Feierform fort, indem sie der Gegenwart Christi im verkündeten Wort 3 zu entsprechen versucht. Sie hat vier Teile: 4

  1. In die Gegenwart Gottes treten – Eröffnung: «Hören setzt Aufmerksamkeit voraus. In der Liturgie heisst das, aufmerksam zu werden für Gott und sich bewusst in seine Gegenwart zu stellen. Das setzt voraus, dass der Alltag zurücktritt, die Mitfeiernden innerlich gesammelt sind, eine Gemeinschaft vor dem in ihrer Mitte gegenwärtigen Gott bilden. Sie rufen ihn mit seinem Namen an. Das Eröffnungsgebet der Wort-Gottes-Feier ist daher [neu] ein Litaneigebet.»
  2. Gottes Wort hören – Verkündigung: «Gegenwärtig ist Christus im Wort der Heiligen Schriften. Seine Präsenz wird in Gestalt des Buches mit den Lesungen symbolisch inszeniert. Das Lektionar wird [neu] in einer Prozession mit einem Zeigegestus und einem Gebetsgruss in feierlicher Weise präsentiert. Auf diese Weise tritt das Wort Gottes im Zeichen des Buches symbolisch in die Mitte der Versammlung. (...) Als Zeichen dafür, dass Gott aus allen Schriften der Bibel spricht, hat die Prozession mit dem Lektionar ihren Ort in dieser Feier vor der Verkündigung der ersten Lesung.»
  3. Auf das Wort antworten – Zeichenhandlung und Lobpreis: «Die Feiernden antworten (...) mit verschiedenen [sämtlich neuen] Zeichenhandlungen: einer Verehrung des Wortes, dem Zuspruch eines biblischen Wortes, einem Taufgedächtnis, durch einen Bussakt (...). Desgleichen antworten sie ihm, wenn sie ihren Dank, das Bekenntnis zu Gott, die Freude über das Wort des Lebens in einen feierlichen Lobpreis münden lassen.»
  4. Gottes Wort hinaustragen – Abschluss: «Was die Gläubigen empfangen haben, die Verwandlung, die sich an ihnen vollzogen hat, geht nach der Feier weiter. Dazu werden sie gesegnet und gesendet. Der Gottesdienst des Lebens beginnt.»

Die Erprobungsphase hat gezeigt, dass Aufbau und Elemente tatsächlich zu einem eigenen, von der Eucharistiefeier unterscheidbaren Profil führen. Wiederholt haben Mitfeiernde geäussert, dass sie das Wort Gottes jetzt als Mitte erleben.

 

Neue Zeichenhandlungen

Alle Zeichenhandlungen haben Prozessionscharakter. Das neue Feierbuch reagiert damit auf eine Erfahrung der letzten Jahrzehnte: Reine Wort-Gottes-Feiern werden als wortlastig empfunden. Ihnen fehlte ein sinnliches, buchstäblich bewegendes Element.
Die sieben Zeichenhandlungen können zu unterschiedlichen Zeiten im Kirchenjahr eingesetzt werden, sodass Wort-Gottes-Feiern auch in dieser Hinsicht abwechslungsreicher werden:

  • Im Advent und in der österlichen Busszeit kann eine Feier mit Schuldbekenntnis, Versöhnungswort und Friedenszeichen gewählt werden. 5
  • Die Lichtdanksagung hat ihren natürlichen Ort in der Zeit von Allerheiligen/Allerseelen über den Advent bis zum Aschermittwoch.
  • Die Wort-Gottes-Feier in der Osterzeit kann als Taufgedächtnis mit Glaubensbekenntnis, Lobpreis und einem Wasserzeichen wie einem Kreuz auf die Stirn oder in die Hand begangen werden. Das Taufgedächtnis eignet sich auch für den Sonntag in der Gebetswoche für die Einheit der Christen 6 und andere ökumenische Gottesdienste.
  • In einer Feier mit Familien kann das Lektionar zum Symbol werden, dass wir unter Gottes schützendem Wort stehen, wenn Kinder und andere unter dem zum Dach erhobenen, geöffneten Buch hindurchziehen.
  • An allen Sonntagen ist eine Prozession zum Ort des Buches mit einer Kerzendarbringung oder einer Verneigung möglich.
  • Desgleichen für Sonntage im Jahreskreis, aber auch Anlässe wie den Beginn des Jahres eignet sich die Feier mit Zuspruch eines biblischen Wortes. Gerade diese Form lässt den Charakter des Wortes als Nahrung auf dem geistlichen Weg erfahrbar werden und hat in der Erprobung viele positive Rückmeldungen erhalten.

 

Neue Texte

Eine immer wieder geäusserte Forderung an die Liturgie bezieht sich auf ihre Sprache. Sie soll modern sein, unverbraucht, konkret, bildlich, stark. Geschmacksfragen und unterschiedliche geistliche Beheimatung spielen hinein. Für ein liturgisches Buch gilt vor allem, dass Gebete wiederholbar sein müssen und unterschiedlichste Menschen ansprechen. Die Quadratur des Kreises also. Die Arbeitsgruppe hat sich nichtsdestotrotz bemüht, Texte ausfindig zu machen, zu bearbeiten oder auch zu formulieren, mit denen Menschen heute gerne beten. Zu einem Lobpreis, der auf der Basis eines neuen geistlichen Liedes formuliert wurde, gab es besonders viele positive Rückmeldungen, eine Christuslitanei, die mit den Worten beginnt: «Du bist der Atem der Ewigkeit, / du bist der Weg in die neue Zeit. / Du bist das Leben, das Licht, / du bist die Fülle, das Angesicht.» Zugleich biblisch und ökumenisch klingt eine Strophe in einem anderen Lobpreis: «Sein Wort ist frohe Botschaft. Sein Wirken ist gerecht und barmherzig. Er ruft Frauen und Männer in seine Nachfolge, verbindet uns mit allen Christen. In ihm sind wir ein auserwähltes Geschlecht, ein heiliges Volk, ein königliches Priestertum.»
Immer handelt es sich um Sprechtexte, die gestaltet werden müssen. Im Experimentieren mit den Lobpreisgebeten zeigte sich, wie lebendig sie werden, wenn sie von zwei Personen wie der Vorsteherin oder dem Vorsteher und der Lektorin oder dem Lektor gesprochen werden. Sie müssen durch gesungene oder gesprochene Akklamationen unterbrochen werden, damit alle in die Gebetsbewegung hineinfinden. Das Liturgische Institut hat unter www. liturgie.ch fünf Hörbeispiele aufgeschaltet. Gerade die Lobpreisgebete als eigenständiges Element der Wort-Gottes-Feier verdienen mehr Beachtung, als sie bisher gefunden haben.


Wort-Gottes-Feier und Kommunionspendung

Die Frage nach einer Wort-Gottes-Feier mit oder ohne Kommunionspendung wird immer wieder diskutiert – nicht ohne Leidenschaft. Das bisherige Feierbuch sah die Feier mit Kommunionspendung nur für Ausnahmefälle vor. Das neue Feierbuch hält daran fest: «Das neue Buch setzt den Akzent noch stärker als bisher darauf, das Wort Gottes nicht nur zu hören, sondern wahrhaft zu feiern und es so zum tragenden Fundament jeder Wort-Gottes-Feier zu machen. Sie wird deshalb ohne Kommunion begangen.» 7 – «So wird die Einheit dieser liturgischen Form bewahrt und die Bedeutung der Heiligen Schrift betont: die Gegenwart Christi in seinem Wort. Die Spendung der Kommunion vermag die Eucharistiefeier als Auftrag Jesu nicht zu ersetzen.» 8 Diese Entscheidung ist biblisch und theologisch begründet. Es geht deshalb darum, die Integrität der eucharistischen Feier als Mahl- und Gedächtnisfeier zu schützen und den Eucharistieempfang, die Kommunion, nicht davon zu isolieren.
Angesichts der weit verbreiteten Praxis der Kommunionspendung in der Wort-Gottes-Feier ist an dieser Stelle mit Widerständen zu rechnen. Mit dem Kommunionempfang sind für alle Christinnen und Christen tiefe spirituelle Erfahrungen verbunden. Das betrifft die Herzmitte des Glaubens. Doch gerade deshalb stellt die Wort-Gottes-Feier mit Kommunionspendung eine Notlösung dar, die die Not allerdings nicht löst, da sie eben keine Eucharistiefeier ist. Die Wort-Gottes-Feier steht damit unter einem negativen Vorzeichen. Der Reichtum einer Feier des göttlichen Wortes wird so schwerlich erlebbar. Auch wenn Wort-Gottes-Feiern aus der Not heraus entstanden sind, dürfen sie nicht als «B-Sortierung» verkauft werden, denn das entspricht nicht der Würde des Wortes Gottes. Das neue Feierbuch ist eine Chance, die geistliche Kraft des Wortes tiefer zu erfahren und daraus zu leben. Die Mitfeiernden sind eingeladen zum «Hochzeitsmahl des Wortes» (Ambrosius von Mailand), wo sie Christus in der Gestalt des Wortes empfangen dürfen als «Wortkommunion».

 


1 Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag. Hrsg. vom Liturgischen Institut in Freiburg im Auftrag der Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz. Freiburg i. Ü. 2014 (= WGF 2014). Dieses und die folgenden Zitate sind der Pastoralen Einführung entnommen.

2 Die Wortgottesfeier. Der Wortgottesdienst der Gemeinde am Sonntag. Vorsteherbuch für Laien. Hrsg. vom Liturgischen Institut Zürich im Auftrag der deutschschweizerischen Bischöfe. Freiburg i. Ü. 1997.

3 Vgl. Konstitution über die heilige Liturgie «Sacrosanctum Concilium» Nr. 7.

4 Die folgenden Zitate sind wieder der Pastoralen Einführung (WGF 2014) entnommen.

5 Ein Beispiel ist unterwww.liturgie.ch zu finden.

6 Auch dazu gibt es einen Gestaltungstipp auf www.liturgie.ch.

7 Geleitwort WGF 2014, 3. Falls doch eine Kommunionspendung vorgesehen ist, wird das Ergänzungsheft «Feierliche Kommuniongebete für die Wortgottesfeier mit Kommunion» (Freiburg i. Ue. 2007) verwendet.

8 Pastorale Einführung WGF 2014, Nr. 22.

 

Wort-Gottes-Feier – ein neues liturgisches Buch (Schweizerische Kirchenzeitung Nr. 46/2014)

 

(Stand: 19.11.2014)