kipa-logo thumbHandbuch "Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag" neu aufgelegt
Gunda Brüske: Weniger Priester, mehr Wort-Gottes-Feiern

Ein Kipa-Interview von Georges Scherrer  mit Gunda Brüske, Mitarbeiterin des Liturgischen Instituts

 

 

 


Freiburg i. Ü., 30.10.14 (Kipa) Neue "Zeichenhandlungen", Gebete in moderner Sprache, Anregungen für Feiern mit Familien und die stärkere Beteiligung der Lektoren sind Teil des neuen liturgischen Feierbuchs "Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag", das ab kommendem Jahr in der Deutschschweizer in Kraft tritt. Angesichts des Priestermangels in der Schweiz wird der Anteil an solchen Feiern und ihre Bedeutung steigen, sagt Gunda Brüske, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz in Freiburg, im Interview mit der Presseagentur Kipa. Die Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz haben das Buch bereits approbiert.


Frage: Warum eine Neufassung des Buches? Hätte eine Neuauflage nicht genügt?


Gunda Brüske: Vor gut 50 Jahren besagte die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass eigene Wortgottesdienste zu fördern seien. Seitdem hat sich Schritt für Schritt ein eigenes Profil für Feiern an Sonntagen herausgebildet. Ein grosser Schritt in der Entwicklung war das Deutschschweizer Feierbuch von 1997 als erstes liturgisches Buch für sonntägliche Wort-Gottes-Feiern. 2007 erschien ein Feierbuch, das die deutschen und österreichischen Diözesen verwenden. Dort wurden Zeichenhandlungen eingefügt. Der Titel beider Bücher - Wort-Gottes-Feier statt Wortgottesdienst - signalisierte, dass es um eine besondere Feier geht. Pastorale und theologische Fragen drängten immer wieder dazu, die Feierform zu überprüfen und weiter zu entwickeln. In dieser Linie muss die neue Schweizer Wort-Gottes-Feier gesehen werden.


Frage: Was sind die bedeutendsten Änderungen?


Brüske: Neu sind die Zeichenhandlungen, die vielen Gebete in moderner Sprache, der modifizierte Ablauf, Anregungen für eine Feier mit Familien, Anhänge mit weiterem Material, die stärkere Beteiligung der Lektoren. Die grundlegende Frage war dabei: Wie geht das? Wie kann das Wort Gottes feiert werden? Worte sind flüchtig, sie verklingen schnell. Worte können aber Wirklichkeit verändern - besonders Worte, die von Gott kommen. Gott teilt sich den Feiernden im Wort mit: eine Wortkommunion. Das neue Feierbuch schafft dafür Raum.
Im ersten Teil der Feier unterstützt eine Litanei die innere Sammlung. Eine Prozession mit dem Lektionar, also jenem liturgischen Buch, das die biblischen Lesungen im Ablauf des Kirchenjahres enthält, steigert die Erwartung. Das Wort wird inszeniert und zwar vor der ersten Lesung, denn alles Folgende ist Wort Gottes.
Nach der Verkündigung antworten die Mitfeiernden durch die neuen Zeichenhandlungen: eine Verehrung des Wortes, der Zuspruch eines biblischen Wortes, ein Taufgedächtnis oder ein Bussakt mit Versöhnungszeichen. Sie antworten mit Gebet, insbesondere mit einem feierlichen Lobpreis. Die neue Wort-Gottes-Feier bietet einerseits einen gleichbleibenden Ablauf und andererseits viele Gestaltungsmöglichkeiten.


Frage: Hat sich der Stellenwert der Laien angesichts des grassierenden Theologen- und Priestermangels gewandelt?


Brüske: Sie sprechen da ein wichtiges Thema an. Wir haben nicht nur zu wenig Priester, sondern auch immer weniger Frauen und Männer mit Theologiestudium für die Arbeit in Pfarreien. Und wir haben in unseren Pfarreien viele engagierte Laien ohne Studium. In Bezug zum Stellenwert der Laien und der Wort-Gottes-Feier möchte ich zwei Punkte hervorheben: Im Entstehungsprozess des neuen Feierbuchs habe ich seitens der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK), in welcher die Vertreter der Bistümer einsitzen, ein grosses Interesse erlebt. Man hat sich dafür Zeit genommen und das angesichts vieler anderer Projekte und Probleme.
Ich sehe darin auch eine Wertschätzung der vorstehenden Laientheologinnen und Laientheologen. Im Geleitwort des neuen Buchs wird ihnen dafür gedankt, dass sie sich um eine lebendige, pastoral und theologisch verantwortete Praxis bemühen. Der andere Punkt betrifft die Laien ohne Theologiestudium. Hier und da senden Liturgieverantwortliche diese Personen in Kurse, die zur Leitung von Wort-Gottes-Feiern in bestimmten Situationen befähigen. Ich denke da besonders an "Liturgie im Fernkurs". Hier zeigt sich die Anerkennung des bisherigen Engagements dieser Frauen und Männer für die Liturgie.


Frage: Wie wird im neuen Feierbuch die Predigt und Austeilung von geweihten Hostien geregelt? Besteht ein Verbot in der sonntäglichen Gottesfeier?


Brüske: Eine Wort-Gottes-Feier kann wie bisher mit Kommunionspendung gefeiert werden. Aber wie im bisherigen Buch wird die Feier ohne Kommunionspendung empfohlen. Mit der Kommunionspendung in der Wort-Gottes-Feier ist der Auftrag Jesu "Tut dies zu meinem Gedächtnis" nicht erfüllt. Sie ist keine Mahlhandlung. Die Feier mit Kommunionspendung kann eine Eucharistiefeier nicht ersetzen. Wie die Messe eine eigene Feierform darstellt, so hat auch die Wort-Gottes-Feier eine spezifische Gestalt.
Das neue Feierbuch setzt den Akzent noch stärker als bisher darauf, das Wort Gottes nicht nur zu hören, sondern wirklich zu feiern, und es so zum tragenden Fundament zu machen. Deshalb wird die Wort-Gottes-Feier ohne Kommunion begangen. Wo in bestimmten Fällen eine Feier mit Kommunionspendung vorgesehen ist, wird dann das Ergänzungsheft "Feierliche Kommuniongebete für die Wortgottesfeier mit Kommunion" (2007) zusammen mit dem neuen Buch verwendet.
Was die Predigt anbelangt, so setzt sie die Missio Canonica voraus, die mit der Leitung der Liturgie beauftragte Frauen und Männer haben. Bei Personen, die keine Missio Canonica haben und in Notsituationen einer Feier vorstehen können, tritt an die Stelle der Predigt ein Glaubenszeugnis oder ein geistlicher Impuls.


Frage: Nimmt die Bedeutung des Buches zu angesichts dessen, dass es in der Schweiz immer mehr Wort-Gottes-Feiern und immer weniger Eucharistiefeiern geben wird?


Brüske: Das Schweizerische Pastoralsoziologische Pastoralinstitut (SPI) hat kürzlich eine Statistik veröffentlich, wonach an Sonntagen 2300 Messen und rund 300 Wort-Gottes-Feiern gefeiert werden. Das sind schon jetzt viele Wort-Gottes-Feiern, auch wenn die Verteilung regional sehr unterschiedlich ist. Es gibt Pfarreien, in denen an drei Sonntagen im Monat eine Wort-Gottes-Feier stattfindet, und solche, die noch jeden Sonntag eine oder sogar mehrere Messen anbieten können. Ich sage "noch", denn angesichts des Priestermangels wird der Anteil an Wort-Gottes-Feiern und ihre Bedeutung steigen. Bedeutung bekommt sie aber nicht, wenn sie unter das Vorzeichen des Mangels gestellt wird: "Wir haben nur noch eine Wort-Gottes-Feier." Bedeutung hat sie, wenn das Wort Gottes Nahrung ist und die Gegenwart Christi im Wort der Verkündigung wahrnehmbar wird. Hier setzt das neue Feierbuch an mit seinen Zeichenhandlungen und neuen Gebetstexten. Die Gemeinde, die sich am Sonntag zu einer Wort-Gottes-Feier versammelt, begegnet Christus. Deshalb kann ich sagen: Ja, das neue Buch gewinnt an Bedeutung, weil die Wort-Gottes-Feier mit ihrem neuen Profil ganz darauf ausgerichtet ist.

(kipa/gs/rp)