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Das Gebet auf der Bettkante

Der späte Abend hat eine besondere Atmosphäre. Die Anregungen und Impulse von aussen werden weniger. Irgendwann wird der Fernseher abgestellt, Computer und Radio ausgeschaltet, das Handy zur Seite gelegt. Und dann?

 

Mit der Dunkelheit und Stille der Nacht geht oft eine Schärfung der Sinne einher, nicht nur für das Äussere, sondern auch für das Innere. Und oft drängt sich der Tag mit seinen Erlebnissen ins Bewusstsein. Das ist die Zeit für die Komplet.
Wunderbar drückt die Stimmung dieser Tageszeit (oder besser Nachtzeit) Eduard Mörike in seinem Gedicht „Um Mitternacht“ aus:

 

Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

 

Der personalisierten Nacht werden bis in den Schlaf hinein die Erlebnisse des Tages „vorgesungen“. Eduard Mörike beschreibt die Erfahrung von Vielen. Wenn die notwendigen Beschäftigungen oder die gewünschten Ablenkungen des Tages abnehmen, dann ist Zeit. Und wer dann nicht besinnungslos müde im Schlaf versinkt, der hat einige Augenblicke der Stille zum Hinhören in sich selbst und auch des Ausgeliefertseins an sich selbst, an die eigenen Grenzen, an die eigenen Schwächen und Fehler, die eigene Schuld, die eigenen Ängste. Da sind es dann nicht mehr die Dämonen der Kindheit, die unter dem Bett oder im Schrank lauern, aber manch einem erstehen am Abend dann doch Dämonen, die im Laufe des Tages genährt wurden, jetzt den Schlaf rauben oder sich in Träumen in den Schlaf stehlen.
Aber auch solche, die diese Sorgen nicht kennen, hören das Rauschen der Quellen, die "vom heute gewesenen Tage" singen. Sie freuen sich über das Erreichte und sind stolz auf das Geleistete. Und in die wohlige Müdigkeit nach der Arbeit des Tages mischt sich dann vielleicht das Gefühl des Ausgeliefertseins im Schlaf. Am Tag hatte man alles im Griff, aber in der Nacht muss dieser Griff gelockert werden. Will man schlafen, und zwar ohne Tabletten, muss man loslassen, sich diesem Schlaf übergeben und ausliefern – machen kann man ihn nicht. Weil wir im Schlaf nichts bewirken können, weil er uns hilf- und wehrlos macht, weil wir ihm ausgeliefert sind und uns ihm irgendwann ausliefern müssen, ob wir wollen oder nicht, wurde er schon vor über 2000 Jahren von Cicero als „Bild des Todes“ bezeichnet, und der Barockdichter Johann Franck besang den Tod als des „Schlafes Bruder“.

 

Schon immer ein Gebet auf der Bettkante

Angst, Gefährdung, Grenzen, Schuld, Tod sind Themen, die sich in den Hymnen, Lesungen, Psalmen und Gebeten des kirchlichen Nachtgebets, der Komplet, finden. Diese entwickelte sich im Schatten des Abendgebets, der Vesper, weniger feierlich und weniger lang. Wohl schon die ersten Christen kannten ein privates Gebet vor dem Schlafen. Allmählich bildete sich daraus v.a. in der klösterlichen Tradition ein gemeinschaftliches Gebet. Basilius der Grosse ordnete schon im 4. Jahrhundert in seinen Grossen Regeln an: „Ferner sollen wir bei Anbruch der Nacht beten, damit wir eine vorwurfslose und von Traumbildern freie Ruhe geniessen“ (Gr R 37).

In der Regel des Heiligen Benedikt aus dem 6. Jahrhundert ist der Aufbau der Komplet dann schon sehr genau beschrieben (täglich mit den Psalmen 4, 91 und 134). Die Mönche beteten sie übrigens als einzige Hore nicht in der Kirche, sondern im Schlafsaal. Danach, so schärfte Benedikt seinen Mönchen ein, durfte nicht mehr gesprochen werden. Die Komplet war also schon sehr früh das, was sie gemäss der heutigen Allgemeinen Einführung in das Stundengebet sein soll: „Die Komplet ist das letzte Gebet des Tages und soll unmittelbar vor der Nachtruhe gehalten werden, gegebenenfalls auch nach Mitternacht.“ (AES 84). Die Beendigung des Tages und unmittelbare Vorbereitung auf die Nachtruhe gab der Komplet auch ihren Namen, der im Lateinischen u.a. „beendet, vollendet“ bedeutet. Der Zeitansatz direkt vor der Bettruhe war z.B. dem Zisterzienserorden in seinen ersten Jahrhunderten (ab Mitte des 12. Jahrhunderts) so wichtig, dass er in seine Kirchen eine Treppe baute, die unmittelbar in den Schlafsaal führte.

 

Gewissenserforschung, Schuldbekenntnis und Vergebungsbitte

Es ist nicht nur die Erfahrung Eduard Mörikes, dass sich der "heute gewesene Tag" am späten Abend ins Bewusstsein drängt oder sich im Schlaf aus dem Unterbewusstsein im Traum bemerkbar macht. Die Komplet lädt mit einer Gewissenserforschung und dem Schuldbekenntnis dazu ein, den vergangenen Tag bewusst Revue passieren zu lassen, nicht zuletzt mit der Frage, wo wir gesündigt haben. Im gemeinschaftlichen Vollzug kann dann im Schuldbekenntnis, das wir heute normalerweise aus der Messliturgie kennen, gegenseitig die Schuld bekannt werden. Spuren des abendlichen Schuldbekenntnisses (wohl in der Vesper) finden sich übrigens schon in den Grossen Regeln des Basilius im 4. Jahrhundert. Mindestens seit dem 9. Jahrhundert ist das gegenseitige Schuldbekenntnis dann fester und täglicher Bestandteil der Komplet. In der Messe ist es erst im 11. Jahrhundert nachgewiesen.

Offenbar war man lange Zeit der Meinung, dass der Abend, das Ende des Tages, die Zeit vor dem Schlafen der Moment sei, an dem man auf den Tag zurückschauen und auch das Nichtgelungene und die Schuld in den Blick nehmen sollte. Dies nicht, um sich ein schlechtes Gewissen einzureden oder sich selbst schlecht zu machen, sondern mit Blick auf Besserung (Basilius: „Es ist von grossem Nutzen, das Vergangene zu überdenken, um nicht wieder in ähnliche Sünde zu fallen“) und in der Hoffnung, dass der barmherzige Gott die Sünde vergeben möge. Diese Hoffnung drückt sich in der Vergebungsbitte aus, die auf das Schuldbekenntnis folgt. Gleich zu Beginn der Komplet wird also bewusst auf den vergangenen Tag geschaut und Gott um Vergebung für alle Unzulänglichkeiten gebeten.

 

Geborgenheit gegen alle Gefahren

Die Hymnen, die Psalmen, die Lesungen und die abschliessende Oration haben neben manch anderen Motiven zwei grosse Themen. Zunächst die Bedrohung, die Gefahr, die Angst. Da ist von den Nachstellungen des Feindes die Rede, von den Schrecken der Nacht, der Schlinge des Jägers, von Pest und Seuche, Löwen und Nattern, von Not, der Rotte der Gewalttäter, dem Gericht, der Finsternis, der Tiefe, dem Leid, der Dunkelheit, usw. Das zweite grosse Thema, das sich in diesen Texten findet, ist die Hoffnung, das Vertrauen, dass Gott aus dieser Bedrohung und Gefahr rettet. Der Herr der Welt wird angerufen, uns zu bewahren, er ist der Retter, der Raum schafft, wenn uns angst ist, er handelt wunderbar, er erhört, er segnet, seine Engel mögen uns im Frieden bewahren, Jesus Christus ist das Licht, das unsere Nacht erhellt, usw.

Was Abt Georg Holzherr in seinem Kommentar zur Benediktsregel über die Psalmen der Komplet sagt, gilt eigentlich auch für die übrigen Texte und ist die „Grundstimmung“ der Komplet: „Mit den Psalmen der Komplet erbitten sich die Mönche für die Nacht gegen alle Gefahren eine Geborgenheit, wie sie letztlich nur von Gott kommen kann.“ Und es gilt nicht nur für die Mönche, sondern für jede Beterin und jeden Beter der Komplet. Dabei sind die Texte nicht nur Gebet, sondern auch wirksame Erinnerung. Sie erinnern daran, dass Gott sich offenbart hat als jemand, der den Menschen in der Bedrohung und durch die Not hindurch beschützt, begleitet und rettet. So ist die Komplet nicht nur Bitte um Geborgenheit, sondern sie vermittelt selbst diese Geborgenheit.

 

Tod und Vertrauen

Der Ernstfall der Hoffnung ist die Erinnerung an den Tod. Die Komplet erinnert explizit an den Tod, dessen Bild wir ja im Schlaf vor uns haben. „Der Schlaf, des Todes sanftes Bild, führt uns dem Grab des Schlummers zu“ heisst es in einem Hymnus der Komplet. Auch andere Hymnen handeln vom Tod und auch einige Psalmen, nicht zuletzt der Totenpsalm „par excellence“ 130: „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir – De Profundis“, der am Mittwoch Abend vorgesehen ist. Das Responsorium nach der Lesung lässt uns dreimal mit dem sterbenden Jesus am Kreuz einen Vers aus dem 31. Psalm beten: „In deine Hände lege ich mein Leben.“ Und nicht zuletzt das Canticum aus dem Evangelium, der Gesang des greisen Simeon, ist eine Anspielung auf die Vollendung des Lebens: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden ...“ (Lk 2,29).

Aber auch hier wird der Tod nicht thematisiert, um uns zu verunsichern, sondern um uns unser Angewiesensein auf Gott deutlich zu machen. Bei aller Erinnerung an die Sterblichkeit des Menschen ist die Komplet doch durchdrungen von der Hoffnung auf Rettung aus dem Tod, was nicht zuletzt im Antwortgesang seinen Ausdruck findet: "Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben. Lass leuchten über deinem Knecht dein Angesicht, hilf mir in deiner Güte.". Die Hilflosigkeit des Erleidens des Todes wird aktiv vorweggenommen, indem der Beter oder die Beterin das eigene Leben in die Hände Gottes legt. Dies macht aber nur in der Hoffnung Sinn, dass Gott es so bewahren möge, wie er das Leben seines Sohnes Jesus Christus bewahrt hat. In Gott und angesichts des auferstandenen Christus verliert der Tod und damit auch sein Bild, der Schlaf, den Schrecken. Diese Hoffnung spricht schliesslich auch aus dem abschliessenden Segen der Komplet, der den Schlaf und das eigene Sterben nochmals in den Blick nimmt: „Eine ruhige Nacht und ein gutes Ende gewähre uns der allmächtige Herr. Amen.“

 

 

Martin Conrad

 

Hinweise zur Gestaltung der Komplet finden Sie unter der Rubrik "Tagzeitenliturgie" in unserer Liturgiepraxis.

Ablauf

Eröffnungsvers

 

Gewissenserforschung

Schuldbekenntnis

Vergebungsbitte

 

Hymnus

 

Psalm

 

Lesung und Responsorium

 

Nunc dimittis (Canticum aus dem Neuen Testament)

 

Oration und Segensbitte

 

Marianische Antiphon

 

 

Geistlicher Impuls

Schon wirft die Erde sich zur Nacht
des dunklen Mantels Falten um.
Der Schlaf, des Todes sanftes Bild,
führt uns dem Grab des Schlummers zu.

 

Wenn uns die schwarze Nacht umhüllt,
sind wir von Traum und Wahn bedrängt,
bedroht von Zweifel und von Angst,
der Macht des Bösen ausgesetzt.

 

Christus, du Leben, Wahrheit, Licht,
wachsamer Hüter, sei uns nah,
dass hell der Glaube in uns wacht,
auch in des Schlafes dunkler Zeit.

 

Den Sohn und Vater bitten wir
und auch den Geist, der beide eint:
Dreiein’ge Macht, die alles lenkt,
behüte uns in dieser Nacht. Amen.

 

Hymnus der Komplet am Mittwoch

 

Facts

„Die Komplet soll so eingerichtet werden, dass sie dem Tagesabschluss voll entspricht."

 

Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils: Sacrosanctum Concilium Nr. 89b


Zitat

Vom Liturgiewissenschaftler Heinrich Rennings stammt ein kleiner Aufsatz über „Die Psychohygiene der Komplet“, in dem er zu zeigen versuchte, dass die Komplet viele Elemente enthält, die die medizinische und psychologische Schlafforschung für eine gute Vorbereitung des Schlafes empfiehlt. Er schliesst seine Überlegungen:

 

„Die Komplet ist nicht die beste Schlaftablette, die es jemals gab. Aber als eine Anleitung und Hilfe zu einer den Schlaf fördernden Weise, den Tag zu beenden und die Nacht zu beginnen, die aus der im Glauben erfassten Wirklichkeit gestaltet ist, bietet sie ein Verhalten an, das auch in psychohygienischer Sicht als musterhaft anerkannt werden muss. [...] Eines hat die Komplet freilich mit den Schlaftabletten gemeinsam. Wie diese nur wirken können, wenn man sie einnimmt, kann auch die Komplet nur wirken, wenn man sie betet, wenn man sie vollzieht. Gönnen Sie sich die Wohltat der Komplet!“

 

Heinrich Rennings: Die Psychohygiene der Komplet. Kleiner Kommentar zum kirchlichen Nachtgebet, in: Ders: Gottesdienst im Geist des Konzils. Pastoralliturgische Beiträge zur Liturgiereform [Hrsg. von Martin Klöckener], Freiburg i. Br. 1995, 210-231, hier 230f

 

Psalm 88: Sonder- und Ernstfall

In vielen Psalmen, die für die Komplet vorgesehen sind, werden Not, Verfolgung, Bedrohung und Angst beklagt. Aber alle diese Psalmen enthalten auch den Dank darüber, dass Gott hilft und schützt. Alle? Es gibt eine Ausnahme. Am Freitag, dem Tag des Gedächtnisses des Todes Jesu, ist Psalm 88 vorgesehen. Er ist Verzweiflung pur. Er schafft es nicht, anders als alle anderen Klagepsalmen, Gott am Ende doch noch Lob und Dank entgegen zu bringen. Im Gegenteil: der letzte Satz des Psalms ist sogar der bitterste: „Du hast mir meine Freunde und Gefährten entfremdet; mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.“ Die einzigen Lichtblicke dieses Psalms sind wohl sein Beginn, die Anrede Gottes als „Herr, du Gott meines Heils,“ und die Tatsache, dass der Beter nicht verstummt ist in seiner Not. Es ist wunderbar, dass auch dieser Psalm, der grösster Verzweiflung eine Stimme gibt, in der Liturgie seinen Platz findet. In der Komplet ist er eingebettet in die Grundstimmung der Geborgenheit in Gott und des Vertrauens auf ihn. Man könnte das Beten des Psalms 88 mit seiner ganzen Verzweiflung als Ernstfall unseres Glaubens an den rettenden und errettenden Gott deuten.

 

Musik

Playlist auf youtube mit verschiedenen Elementen der Komplet

 

Links

Allgemeine Einführung in das Stundengebet

 

Die Texte der Tagzeitenliturgie online

 

Komplet online

 

Benediktiner von St. Ottilien (live)

 

Laudes und Komplet von Domradio (live)

 

Komplet in der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen (Aufnahme)