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Der Sack vor der Tür
und ein lateinischer Hymnus

„Sie können das nicht wie einen Sack vor der Tür stehen lassen,“ so antwortete Mutter Laetitia, die Äbtissin der Zisterzienserinnenabtei Waldsassen, kürzlich auf die Frage eines Fernsehteams, ob sie nach einem arbeitsreichen Vormittag im Mittagsgebet ganz abschalten und sich auf Gebet und Gesang konzentrieren könne.

 

„Sie können das nicht wie einen Sack vor der Tür stehen lassen.“ Damit beschreibt Mutter Laetitia treffend, um was es unter anderem in der Tagzeitenliturgie geht: das Leben mit allen seinen Facetten ins Gebet nehmen und vor Gott bringen, eine Verbindung zwischen Alltag und Gebet herstellen. Das gilt besonders für das Mittagsgebet. Es ist eine der sogenannten „kleinen“ (weil kurzen) Gebetszeiten, die traditionell zur dritten Stunde am Tag (tertia hora – Terz) um 9 Uhr, zur sechsten Stunde am Tag (sexta hora – Sext) um 12 Uhr und zur neunten Stunde am Tag (nona hora – Non) um 15 Uhr gefeiert werden. Neben dem Gedenken an die Passion Jesu, der zwischen der dritten und der neunten Stunde gekreuzigt wurde, nimmt in diesen Gebetszeiten, vor allem im Mittagsgebet, die Aufmerksamkeit auf die Stimmung der Tageszeit eine wichtige Rolle ein.

 

„Sie können das nicht wie einen Sack vor der Tür stehen lassen!“ Im Mittagsgebet ist das nicht nötig. Schon ein uralter Hymnus des Mittagsgebets, der dem hl. Ambrosius (339-397) zugeschrieben wird, versucht das gar nicht erst. Er wurde über Jahrhunderte in Klöstern und von Klerikern jahraus jahrein täglich gesungen oder gebetet. Poetisch thematisiert er die Mitte des Tages und nimmt deren Stimmung auf. Als eine Annäherung an die Bedeutung des Mittagsgebets sei das Lied hier in drei Versionen wiedergegeben und kurz interpretiert. Es wird jeweils zuerst eine freiere liturgische Übertragung wiedergegeben, die sich in der deutschen Ausgabe des Stundenbuches findet und dann eine eigene wörtlichere Übersetzung ohne künstlerischen Anspruch, die aber ebenfalls versucht, den Rhythmus des Hymnus beizubehalten. Die lateinische Originalfassung findet sich in der rechten Randspalte.

 

Ordnung im Chaos

O Gott, du lenkst mit starker Hand

den wechselvollen Lauf der Welt,
machst, dass den Morgen mildes Licht,
den Mittag voller Glanz erhellt.

 

Du starker Lenker, wahrer Gott,
beherrschst den Wechsel aller Ding,
du führst herauf des Morgens Glanz,
die Feuer in der Mittagszeit.

 

Gemäss dem klassischen Viererschritt des liturgischen Betens (Anrufung Gottes, Gedenken seiner Taten, Bitte, Lobpreis Gottes) wird der Hymnus eröffnet mit einer Anrufung Gottes als mächtiger Lenker und wahrer Gott und einer Erinnerung seiner grossen Taten. Die Tat, der hier gedacht wird, ist die Schöpfung. Allerdings wird die Schöpfung nicht als abgeschlossener Akt betrachtet, sondern Gott bringt an jedem Morgen den Glanz hervor und am Mittag das feurige und heisse Sonnenlicht. Wir sind Zeugen dieser täglichen Schöpfung und loben Gott als den, der Ordnung in die wechselvollen, tendenziell chaotischen Dinge bringt.
Die Erfahrung der Natur am Mittag wird Grund und Anlass, Gottes Grösse und Macht zu loben.

 

Interessanterweise kann hier nicht davon gesprochen werden, dass die Tagzeitenliturgie diese Tageszeit heiligt, also in Beziehung zu Gott setzt, der der Heilige ist. Die Tageszeit mit ihrem Licht und ihrer Wärme gehört von Anfang an zu Gott, der ihr Schöpfer und Erhalter ist. Die Zeit ist schon heilig! Darauf lenkt der Hymnus die Aufmerksamkeit, dessen erinnert sich seine Sängerin oder sein Sänger.

 

Gefährdungen im Laufe des Tages

Lösch aus die Glut der Leidenschaft

und tilge allen Hass und Streit;
erhalte Geist und Leib gesund,
schenk Frieden uns und Einigkeit.

 

Lösch aus die Flammen uns‘res Streits
nimm weg die Hitze, die uns quält,
gewähre Heilsein uns‘rem Leib,
und Frieden uns‘ren Herzen gib.

 

Die zweite Strophe des Hymnus enthält nun die eigentlichen Bitten, klar im Imperativ formuliert. Auch sie gehen auf besondere Befindlichkeiten der Mittagszeit ein und es werden die Beziehungen in den Blick genommen. Der Mensch macht die Erfahrung, dass dort, wo miteinander gearbeitet wird, Differenzen entstehen, die nicht immer friedlich gelöst werden können. Die Atmosphäre kann sich aufheizen und es kommt zum Streit. Im Hymnus wird darum gebetet, dass Gott die Flammen des Streits löschen möge. Ist es Erbsenzählerei, wenn man feststellt, dass hier nicht um die Bewahrung vor Streit gebetet wird, sondern um das Löschen dessen, was uns im Streit verbrennen und schaden kann, eben die Flammen des Streits. Streit mag manchmal nötig sein, aber er darf nicht zerstören.

 

In der zweiten Zeile ist dann die Rede davon, dass es Hitze gibt, die gefährlich ist und schadet. Gott wird angerufen, dass er diese schädliche Hitze wegnehme. Nichts hindert uns, vor allem angesichts der ersten Strophe, daran, diese Bitte zunächst einmal wörtlich zu nehmen. Nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch in unseren Breiten kann die Mittagshitze quälend werden und wird sie mit dem Klimawandel immer mehr. Aber auch im metaphorischen Sinn kann diese Bitte gelesen werden. Der Tag mit seiner Arbeitslast, seinem Stress und Druck, nicht zuletzt in Zeiten, in denen der Arbeitsplatz immer wieder bedroht ist, heizt uns auf, soweit, dass manche in der Gefahr sind, auszubrennen. Auch diese Hitze ist es, die Gott wegnehmen soll. Ein Mangel der offiziellen Übertragung des Textes ins Deutsche ist das Bild der Glut der Leidenschaft. Das lateinische Original spricht nicht von Leidenschaft, die ja im Arbeitsleben durchaus ihren Platz haben kann und vielleicht sogar sollte. Die schädliche Hitze kann hier eher als eine lähmende verstanden werden, die die Energie raubt und die Freude an der Arbeit nimmt. Das Bild des „Mittagsdämons“ der antiken und mittelalterlichen christlichen Askese liegt nahe. Seine Gefahr ist nicht die Leidenschaft, sondern Lähmung, Lustlosigkeit, Überdruss und Niedergeschlagenheit.

 

Es folgen ganz konkrete Bitten um Heil und Gesundheit für den Körper und um Frieden für die Herzen. Diese Bitten um Gesundheit und Frieden für Körper und Herz erinnern an den alttestamentlichen Schalom, dem ganzheitlichen Heil und Frieden als Geschenk Gottes. Sie nehmen ernst, dass der Mensch als Geschöpf nicht nur aus Geist und Seele besteht, sondern auch als Leib. Der Wunsch des Friedens für die Herzen kann auch gedeutet werden als Frieden unter den Herzen – wiederum eine Bitte, die die gemeinsame Arbeit betrifft und von der Gefährdung des Friedens beim gemeinsamen Arbeiten weiss. Frieden muss allerdings nicht unbedingt Einigkeit bedeuten, wie es die liturgische Übertragung ins Deutsche nahelegt. Wir wissen alle, dass Differenzen zum Leben gehören. Unsere Bitte in der Mitte des Tages muss, wie der Hymnus, nicht die Einigkeit anvisieren, wohl aber die Bewahrung des Friedens und den Schutz vor Schaden durch Streit.

 

Der grosse und liebevollste Gott

Du Gott des Lichts, auf dessen Reich
der helle Schein der Sonne weist,
dich loben wir aus Herzensgrund,
Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist. Amen.

 

Dies schenk uns guter Vater, du
und du, des Vaters einz‘ger Sohn,
regierend mit dem Tröster Geist
jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

 

Der Hymnus schliesst mit einer Doxologie, einem Lob des dreieinigen Gottes. Mit dieser Strophe schliessen auch die traditionellen Hymnen der übrigen kleinen Horen. Dem mächtigen und Respekt einflössenden Wort „herrschend/regierend“ stehen die vertraulichen Anreden „liebevollster, gütigster Vater“ und „Beistand/Anwalt/Tröster Geist“ gegenüber. Gott wird als der Grosse und Mächtige und gleichzeitig als der Gute und Liebende anerkannt, angerufen und gelobt.

 

Der Sack muss nicht vor der Tür bleiben

„Sie können das nicht wie einen Sack vor der Tür stehen lassen.“ Der Hymnus des Mittagsgebets tut das jedenfalls nicht. Er spricht nicht nur die spirituelle Dimension des Menschen an, sondern den Menschen in seiner Ganzheit als Wesen aus Fleisch und Blut, Seele und Geist. Und er spricht ganz reale und unangenehme Situationen an, die der oder die Betende aus dem Vormittag in das Gebet am Mittag mitbringt.

 

In vielen Orten in der Schweiz gibt es Mittagsgebete, die zum Innehalten am Mittag einladen. In kaum einem wird der Hymnus „Rector potens“ gesungen, weder in Latein noch auf Deutsch – und das ist auch nicht nötig. Aber in fast allen wird etwas von seinem Inhalt übernommen: Gott, der schafft und erhält, wird gelobt und es wird die Befindlichkeit in der Mitte das Tages vor Gott gebracht. Der Sack, den die Teilnehmenden jeweils mit sich bringen, muss nicht vor der Tür stehen gelassen werden, sondern darf mit hineingenommen und auch geöffnet werden, nicht zuletzt um Gott um Hilfe zu bitten beim Tragen.


Das tun auch die Schlussorationen, die in der offiziellen Tagzeitenliturgie für das Mittagsgebet vorgesehen sind. Beispielhaft sei die Oration vom Mittwoch im Jahreskreis zitiert:


Allmächtiger, gütiger Gott,
in der Mitte des Tages
lässt du uns innehalten und zur Ruhe kommen.
Schau gnädig auf unsere Arbeit.
Mache gut, was wir falsch gemacht haben,
und gib, dass am Abend
unser ganzes Tagewerk dir gefallen kann.
Darum bitten wir
durch Christus, unseren Herrn.


Martin Conrad

 

 

Lateinischer Text

Rector potens, verax Deus,
Qui temperas rerum vices,
Splendore mane instruis,
Et ignibus meridiem.

 

Extingue flammas litium,
Aufer calorem noxium,
Confer salutem corporum,
Veramque pacem cordium.

 

Praesta Pater piisime,
Patrique compar Unice,
Cum Spiritu Paraclito,
Regnans per omne saeculum. Amen.

 

Geistlicher Impuls

Erdenmittag! Wir blicken auf unsere Arbeit. sie ist halb getan und zeigt ihre Mängel; auf unseren Leib: er ist müde; auf unsere Seele: der Leib beschwert sie. Da schaut das Pneuma in uns auf und sucht den himmlischen Mittag: Ubi pascis, ubi cubas in meridie? „Wo weidest du, wo rastest du am Mittag?“ Das ist die Frage der Hirtin im Hohen Liede an den Geliebten: sie will mit ihm rasten und Mittag halten. Das ist auch die Frage der Hirtin und Braut Ekklesia im Gebete der sechsten Stunde: sie sucht ihren Bräutigam Christus am Mittag

 

Sr. Aemiliana Löhr OSB, Abend und Morgen, ein Tag : die Hymnen der Herrentage und Wochentage im Stundengebet, Regensburg 1955, 488.


 

Wider-Wort

Wie halten Sie es mit der Mittagspause? Sie bleiben am Bildschirm kleben, lüften ihr Büro nicht, schlingen ein Sandwich hinunter und checken nebenbei Ihre E-Mails? Eine weit verbreitete, aber denkbar schlechte Variante. Nicht oder nur halbherzig pausieren, zahlt sich weder für Mitarbeiter noch fürs Unternehmen aus. Im Gegenteil: Wer zu lange am Stück arbeitet und es nicht schafft, mal abzuschalten, büsst Konzentration und Leistung ein und macht mehr Fehler. [...] Arbeitspsychologen und Ernährungsberater sind sich einig: Pausen sind unverzichtbar, um frisch durch den Arbeitstag zu kommen. Und von zentraler Bedeutung ist die Mittagspause. [...] Rückzugsorte zum Dösen oder Meditieren sind in Schweizer Firmen noch nicht die Regel, aber im Kommen. So hat etwa die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers Ruheräume eingerichtet. IBM Schweiz verfügt über einen Ruheraum schon seit vielen Jahren. Er steht Mitarbeitern den ganzen Tag zur Verfügung und wird rege genutzt. Kontrolliert werde nicht, jeder könne die Ruheinsel nach seinem Gusto nutzen – zum Abschalten, Entspannen oder fürs Nickerchen zwischendurch.


Vera Sohmer, Kräfte tanken in der Mittagspause, in: Handelszeitung. 29.01.2008 http://www.handelszeitung.ch/management/kraefte-tanken-der-mittagspause (abgerufen am 11.11.2015) 

 

Facts

Nach uralter Überlieferung pflegten die Christen auch tagsüber zu verschiedenen Stunden private Gebete zu verrichten, auch während der Arbeit, um die Kirche der Apostel nachzuahmen. Im Lauf der Zeit entstanden daraus verschiedene liturgische Feiern.
Die Liturgie des Ostens wie des Westens behielt davon die Terz, Sext und Non bei, vor allem deshalb, weil sich mit diesen Horen das Gedenken an bestimmte Ereignisse in der Leidensgeschichte des Herrn und an die erste Ausbreitung des Evangeliums verbindet.


Allgemeine Einführung in das Stundengebet Nr. 74f

 

Ablauf der Sext

Eröffnungsvers

 

Hymnus

 

Psalmodie:
drei Psalmen oder Psalmabschnitte

 

Kurzlesung und Versikel

 

Schlussoration

 

Entlassung

 

Tipp

Die Übertragungen des Hymnus ins Deutsche lassen sich gut singen auf die Melodie des Lieds "Nun lobet Gott im hohen Thron" (KG 534 - GL 393)

 

 

Links

Mittagsgebet im Bonner Münster
Mittagsgebet in St. Peter und Paul, Zürich
Mittagsgebet in der Zürcher Predigerkirche