schickling fensterschweigen

Die Seelen zu einer Schale formen

Jugendliche, die in Taizé waren, sind oft beeindruckt von der Stille. Stille ist elementar - auch im Gottesdienst. Aber gemeinsam schweigen ist gar nicht so einfach.

 

Sehnsucht nach Stille

In den kurzen Pausen in einem Konzert fängt es fast immer zu husten und zu räuspern an. Ist die Stille dieser Pausen so etwas wie ein Loch, in das jemand ein Geräusch hineinfüllt? Ist es eine unbehagliche Leere, die schnell überbrückt werden soll?

Im Gottesdienst kann man bisweilen auf die Idee kommen, die Pausen seien tatsächlich peinlich und es wäre doch besser, die Organistin spielt noch etwas oder jemand könnte einen meditativen Gedanken vortragen. Zu schweigen, und zwar gemeinsam zu schweigen mit den Nachbarn in der Bank und denen da vorne im Altarraum – und nicht bei einer Bergtour allein oder zu zweit –, ist ungewohnt. In Taizé gelingt das, denn hier lebt eine Gemeinschaft von Brüdern, die aus dem Schweigen und dem Wort Gottes lebt und dies auch den Mitfeiernden anbietet. Vielleicht liegt auch die Anziehungskraft mancher Klosterliturgie darin, dass ganz normale Christen mit ihrer inneren Unruhe hier zur Sammlung finden können. Das Bedürfnis nach Stille ist gross – je lauter die Welt wird, desto grösser scheint die Sehnsucht nach Stille zu sein. Die Stille suchen und das Schweigen lernen, das Schweigen üben und die Stille finden: Schweigen und Stille gehören zusammen, aber sie sind nicht dasselbe. Sie gehören zum Menschen und sie gehören zu Gott.

 

Schweigen des Alls

„Sei still vor dem Herrn und harre auf ihn! Erhitze dich nicht über den Mann, dem alles gelingt, den Mann, der auf Ränke sinnt." (Psalm 37,7). Dieser Vers scheint auf den Punkt zu bringen, was das Problem ist: Ränkespiele, Neid, Zorn, die kleinen oder grösseren Qualen des Alltags und der Verlust der Gelassenheit. In dieser Situation ruft der Psalm zu Stille und dem beharrlichen Vertrauen auf Gottes neues rettendes Kommen. Zum Kommen Gottes gehört in der Bibel an vielen Stellen das Schweigen und die Stille:

 

      • „Der Herr aber wohnt in seinem heiligen Tempel. Alle Welt schweige in seiner Gegenwart." (Habakuk 2,20)
      • „Alle Welt schweige in der Gegenwart des Herrn. Denn er tritt hervor aus seiner heiligen Wohnung." (Sach 2,17)
      • „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron ..." (Weisheit 18,14-15)

Der Gegenwart Gottes entspricht nicht nur der Gesang der Engel, sondern auch das Schweigen. Aus dem Schweigen des Alls heraus wird er offenbar. Ignatius von Antiochien (2. Jahrhundert) hat diese Stelle auf Christus bezogen: Er ist das aus dem Schweigen hervorgegangene Wort. Jene liturgische Zeit, die das Kommen Gottes besonders intensiv meditiert und feiert, Advent- und Weihnachtszeit, hört bei "Mitte der Nacht" die Weihnachtsnacht mit und bei "Kommen des Wortes vom Himmel her" Jesu Kommen von Gott her zu uns in der Menschwerdung.

 

„Gott ist gegenwärtig, alles in uns schweiget"

So beginnt ein evangelisches Kirchenlied von Gerhard Tersteegen (siehe auch: Links). Das Motiv der Gegenwart Gottes im Tempel und das Schweigen angesichts seiner alles erfüllenden Gegenwart ist im Gesang des Liedes transformiert in einen evangelischen Gottesdienst. Das Schweigen in der christlichen Liturgie ist also mehr als eine Antwort auf die Unruhe moderner Menschen, mehr als die Erfüllung von Bedürfnissen: "mehr als", das heisst: sie dürfen und sollen ihren Ort finden in der Erfüllung von Sehnsüchten, aber sie sollen aus der Tiefe schöpfen, aus der Gegenwart Gottes. Dass dies gelingt, können Menschen aber nicht machen. Es ist Ereignis von Gott her. Dem Aufruf zum Schweigen, wie er im Alten Testament erklingt und wie er auch in manchen alten Liturgien den Feiernden zugerufen wurde, dem können sie aber folgen. Dazu braucht es keine langen Schweigemeditationen auf schwarzen Sitzkissen.

Momente des schweigenden Innehaltens oder des Nachklingen-Lassens dürfen und sollen den ganzen Gottesdienst – eine Messe, einen Wortgottesdienst, eine Vesper, einen Kindergottesdienst ... – durchweben: ein Innehalten beim Bussakt oder beim schweigenden Beginn der Karfreitagsliturgie, die Sammlung oder das kurze stille Gebet nach der Einladung "lasset uns beten", der Augenblick vor und nach einer biblischen Lesung, ein kurzes Memento für die Verstorbenen, die Ruhe nach dem Empfang der Kommunion und viele andere kurze und wiederkehrende Momente der Stille.

 

Aus der Stille eine Schale formen

Schweigen ist nicht verstummen. Im Schweigen geschieht etwas mit den Feiernden: Etwas fällt ab von ihnen, etwas das ihre Sammlung in die Gegenwart Gottes gestört hatte, das sie auch voneinander getrennt hatte. Im gemeinsamen Schweigen vor Gott entsteht eine besondere Art von Gemeinschaft. In Taizé ist sie wohl besonders deutlich spürbar, in manchen Klöstern auch hier und sicher immer wieder im gottesdienstlichen Alltag.

Schweigen ist nicht verstummen, aber auch nicht Wort oder gar Gerede. Es ist ein passives Tun. Etwas formt sich, etwas wird gewoben oder gebildet von woanders her: von der Gegenwart Gottes her. Denn gegenwärtig ist er in den Worten der Bibel, in den Feiern der Sakramente, im Beten und Singen ... (so die Liturgiekonstitution in Nr. 7). Im Schweigen kann Gottes Gegenwart in der Gemeinschaft ankommen: Seine Gegenwart ist die Fülle, die sich eine Schale formt aus den Seelen all jener, die sich im Schweigen offen halten für das Kommen Gottes in der Liturgie. Dazu lädt auch ein viel gesungener Kanon ein: „Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden." Die Stille ist kostbar und das Schweigen ist die Einladung sie zu verkosten.

 

Gunda Brüske

 

Stichwort

Stille und Schweigen gehören zur Liturgie

  • als Sammlung vor Gott,

  • als aufmerkendes Hören,

  • als Nachklingenlassen von Gottes Wort und seiner Nähe im Sakrament,

  • als Gebet im eigenen Herzen,

  • als persönliche Fürbitte.

Wider-Worte

"Treten Sie ein, legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen."

 

Reiner Kunze

 

Geistlicher Impuls

"So muss man das Schweigen auch um des Redens willen üben. Die Liturgie besteht ja zu einem grossen Teil aus Worten, die von Gott her und zu Gott hin gesprochen werden. Diese Worte dürfen nicht zum Gerede absinken. Das geschieht aber mit allen Worten, auch den tiefsten und heiligsten, wenn man sie nicht richtig spricht. In ihnen soll die Wahrheit aufleuchten, die Wahrheit Gottes und des erlösten Menschen. In ihnen soll sich das Herz ausdrücken, das Herz Christi, worin die Liebe des Vaters lebt, und das des Menschen, der Christus anhängt. Durch sie soll unser Inneres in den Raum der heiligen Offenheit treten, den die heilige Gemeinde und das von ihr umschlossene Geheimnis vor Gott bildet. Ja, das heilige Geheimnis selbst soll sich ja doch durch Menschenworte vollziehen, jene, die Christus den Seinen anvertraute, als er sprach: 'Tuet dieses zu meinem Gedächtnis.' So muss das alles auch in diesen Worten Raum haben. Sie müssen weit und ruhig und voll inneren Wissens sein. Das sind sie aber nur, wenn sie aus dem Schweigen kommen.

 

Die Wichtigkeit des Schweigens für die heilige Feier kann man gar nicht hoch genug einschätzen - jenes Schweigen sowohl, das sie vorbereitet, wie auch jenes, das sich immer wieder im Fortgang der Handlung einstellt. Es öffnet die innere Quelle, aus welcher das Wort kommt."

 

Romano Guardini, 1885-1968


Facts

"Auch das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden [Liturgiekonstitution Nr. 30]. Die Gläubigen werden dadurch nicht etwa zu Aussenstehenden oder zu stummen Zuschauern der liturgischen Handlung; vielmehr werden sie tiefer in das gefeierte Mysterium hineingenommen durch die innere Bereitung, die vom Hören des Wortes Gottes, der Gesänge und vorgetragenen Gebete und von der geistigen Verbindung mit dem seine Amtsgebete vortragenden Priester ausgeht."

 

Instruktion Musicam sacram (1967), Nr. 17

 

Links

Interpretation des Liedes "Gott ist gegenwärtig"