Handschrift aus IsnyGregorianischer Choral

Der ursprüngliche Gesang unserer Liturgie

Gregorianik-CDs sind Dauerseller. Aber auch die Philosophin Simone Weil fand eine „reine und vollkommene Freude" und darin Gott, als sie die Mönche in der Klosterkirche von Solesmes singen hörte. Was macht das Faszinosum aus?

 

Die bayrische Benediktinerabtei St. Ottilien gehört - wie Einsiedeln oder Engelberg in der Schweiz - zu den Klöstern, in denen der gregorianische Choral gepflegt wird. Einige der Gesänge wurden als Hörbeispiele zusammen mit dem Notentext ins Internet gestellt, z.B. der Introitus des ersten Advents; wer mag, nehme sich ein paar Minuten Zeit, dem Gesang der Mönche zu lauschen (siehe in der Seitenspalte bei Links).

 

Aufschwung

„Ad te levavi animam meam:
Deus meus in te confido, non erubescam:
neque irrideant me inimici mei:
etenim universi qui te expectant, non confundentur."
(Introitusantiphon am ersten Advent)

 

„Zu dir Herr, erhebe ich meine Seele.
Mein Gott, dir vertraue ich.
Lass mich nicht scheitern, lass meine Feinde nicht triumphieren!
Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden."
(Eröffnungsvers am ersten Advent im deutschen Messbuch)

 

Wie ein Motto sind die Eingangsverse aus Psalm 25 über den Beginn des ersten Sonntags im Advent gestellt. Schon hier kann man darüber ins Staunen geraten, mit welcher Treffsicherheit diese Verse in jener Zeit, als das älteste „Gesangbuch" unserer Liturgie entstanden ist, ausgesucht wurden. Sie bringen die Grundhaltung des Advents und seine existentielle Grundbewegung mit ganz wenigen Worten der Bibel, sinnschwer und dicht, auf den Punkt: hoffende Erwartung und der Aufschwung der Hoffnung hin auf den kommenden Gott.
Im lateinischen Text ist das noch deutlicher als in der deutschen Fassung, die den hebräischen Urtext zur Grundlage hat: Expectare - „erwarten" ist das Stichwort, das zur Verwendung dieser Verse geführt hat und zugleich ein Grundwort des Advents bildet: „Denn alle die dich erwarten, sie werden nicht zu Schanden" - so wäre der lateinische Text wörtlich zu übersetzen. Diese Verse sollen also ermutigen: Wer sich auf diese gar nicht selbstverständliche Hoffnung einlässt, wer sich aufmacht, dem kommenden Gott entgegen, der wird nicht zuschanden, der braucht nicht am Ende „schamrot" zu werden, wie es der lateinische Text sagt, sondern der ist schon jetzt bei dem Gott geborgen, auf dessen Kommen wir hoffen. Der ganze Advent lädt uns ein, über diese scheinbare Paradoxie zu meditieren. Und deshalb sind diese Verse wirklich ein Motto über die ganze Adventszeit und darüber hinaus über unser ganzes Leben.

 

Eingang

Werden diese Worte am Beginn der Eucharistiefeier gregorianisch gesungen, dann werden sie zu ihrem klingenden Portal. Der Introitus ist ein Prozessionsgesang: Der Priester und alle, die einen liturgischen Dienst übernommen haben, schreiten dabei zum Altarraum. Ursprünglich war es der Papst, der unter dem Gesang des Introitus die römische Kirche betrat, in der er an diesem Tag die Liturgie feierte. Für den ersten Advent war das die grosse Basilika S. Maria Maggiore - die Kirche, in der er dann auch die nächtliche Liturgie des Weihnachtsfestes begehen wird und die durch den Schmuck ihrer Mosaiken die Theologie des Weihnachtsfestkreises im Bild sichtbar macht.
Weil aber diese Prozession zum Altar durchaus einige Zeit in Anspruch nahm, wurden zwischen die immer wiederholten rahmenden Verse der Antiphon - in unserem Fall Ad te levavi ... - weitere Psalmverse aus dem jeweiligen Psalm eingefügt, bis die Einziehenden ihre Pätze am Altar eingenommen hatten. Dann erklang die Doxologie, der Lobpreis des dreifaltigen Gottes: „Ehre sei dem Vater..." und noch einmal die Antiphon. Deshalb ist es tatsächlich oft so, besonders an den grossen Festen, dass die Introitusantiphon sich wie ein Motto oder ein Leitspruch über das Fest wölbt, ein Motto, dass zur Verinnerlichung, zur Aneigung in der Meditation drängt, um so die ganze Sinnfülle der wenigen Worte freizugeben.

 

Choralgesang als spirituelles Erlebnis

Dass sich die Gesänge des gregorianischen Repertoires für diesen Zweck besonders gut eignen, ist auf die in ihnen verwirklichte unübertrefflich enge Verbindung von Wort und Melos zurückzuführen. Hören wir den Introitus Ad te levavi mit Blick auf die Aussage des Textes, dann können wir erleben, wie die melodischen Motive dieses einstimmigen und unbegleiteten Gesangs vollständig mit dem Bibelwort verschmelzen: Ad te („Zu dir") erklingt als plastische musikalische Geste der Verneigung vor dem Angeredeten, levavi („erhebe ich") als noch zaghafte, tastende Aufwärtsbewegung. Bei animam meam („meine Seele") belebt sich das musikalische Geschehen mit der in diesen Worten ausgedrückten zuversichtlichen Freude an der vertrauensvollen Selbsthingabe: Die Tonlage steigt, ausführlicher als am Anfang werden einzelne Silben mit mehreren Tönen ausgeschmückt; erstmals begegnet uns auch die Repetition eines Tones auf derselben Textsilbe, die als Ausdruck gesteigerter innerlicher Bewegung zu verstehen ist. Wenn die Sängerinnen oder Sänger dann bei Deus meus Gott direkt ansprechen, wird durch dieselben musikalischen Mittel die Spannung nochmals beträchtlich erhöht: Die musikalische Phrase gerät zum Ausruf, ausschwingend auf dem höchsten Ton, der gleichzeitig Spitzenton des gesamten Gesangs ist – mit freudigem Jubel wenden sich die singend Betenden an ihren Gott. Vom Anfang des Introitus bis zu diesem Punkt ereignet sich eine grosse Entwicklung aus der anfänglichen demütigen Versunkenheit heraus hin zu heller Begeisterung. Deutlich gefestigt und ermutigt kehrt der Gesang danach in die ursprüngliche tiefere Lage zurück: In te confido, non erubescam – „In dich vertraue ich, ich werde nicht erröten".

 

Armut und Reichtum im gregorianischen Gesang

Ganz ungewohnt aber möglicherweise auch erfrischend neu ist vielleicht für manche Ohren, die von der heute allgegenwärtigen elektronisch „aufgepeppten" musikalischen Dauerberieselung übersättigt sind, diese Musik: Einstimmig, im Verlauf ganz dem Sprachduktus folgend, ohne „mitreissenden" Rhythmus und ohne das „Schmiermittel" einer effektvollen Harmonik. In der Tat, die gregorianischen Choralgesänge sind „arm" - und sie wollen nichts anderes als arm sein, so nämlich wie das Evangelium zur Armut einlädt. Sie präsentieren sich dem heutigen Hörer überaus einfach und zurückhaltend hinsichtlich der zum Einsatz gebrachten musikalischen Ausdrucksmittel.
Aber diese „Armut" ist nicht nur kein Mangel, sondern sie erweist sich als grosser Reichtum: Die Musik lenkt niemals ab vom Text; sie entwickelt ihre Schönheit und dichte, gesammelte Atmosphäre, die sie unmittelbar schafft, gerade aus dem direkten Zusammenspiel mit den Worten, ja sie konzentriert sich vollständig auf den Text, und zwar – wir haben es am Beispiel gesehen – sowohl auf dessen allgemeine Bewegungsrichtung wie auch auf viele Details. Kein Metrum engt den Fluss der transportierten Sprache ein, keine Harmonik zwingt den melodischen Verlauf in ein rein musikalisch-immanentes Spannungsgefüge, keine polyphone Mehrstimmigkeit führt zu mehrfachem, zeitlich versetzten Vortrag derselben Worte. Die Musik steht ausschliesslich im Dienst des Bibelwortes, und das Bibelwort wird Musik, ohne dabei an unmittelbarer Aussagekraft zu verlieren – im Gegenteil: Die Sprache wird durch den gesungenen Vortrag erhöht, sie wächst über sich hinaus und erlangt eine neue Dimension an Wirkmächtigkeit und Plastizität.
Das liturgische Gebetswort wird im gregorianischen Singen zu einem den ganzen Menschen erfassenden Akt - jeden einzelnen und die Gemeinschaft der Feiernden. Dann aber, nachdem der Choral sich dienend ganz an die Vergegenwärtigung des Wortes wegegeben hat, ja gerade und nur von hier aus, geht er über das Wort hinaus. Der Gesang bricht aus in das wortlose Entzücken jenseits der Sprache: in den langen Passagen vieler Stücke, bei denen auf einer Silbe gesungen wird, den sog. Melismen, und in den Jubilusgesängen des Alleluia.

 

Choralgesang als Leitmodell

Aus der Mitte, aus der Fülle der Liturgie heraus, unmittelbar mit ihr verschmolzen, wurden die gregorianischen Choralgesänge einst geschaffen: Sie entstanden in grosser Zahl im ersten christlichen Jahrtausend, wurden zunächst mündlich überliefert und ab dem 9. Jahrhundert dann verschriftlicht; als während des zweiten Jahrtausends die mehrstimmige Kirchenmusik durch verschiedene Stilepochen hindurch ihren triumphalen Siegeszug antrat, geriet die Gregorianik streckenweise in den Hintergrund, um dann aber im 19. Jahrhundert nach und nach neu entdeckt zu werden.
Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts untermauerten kirchenamtliche Dokumente das wiedererwachte Interesse. Die Mönche des französischen Klosters Solesmes leisteten Pionierarbeit mit der Edition erster kritischer Notenausgaben, und es formierte sich eine Choralbewegung.
Im II. Vatikanum wurde dann die Vorrangstellung des gregorianischen Repertoires mit deutlichen Worten festgeschrieben: Die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium" nennt den Choral in Nr. 116 „den der römischen Liturgie eigenen Gesang", der in ihren liturgischen Handlungen (unter sonst gleichen Bedingungen) „den ersten Platz einnehmen" soll.
Der gregoriansiche Choral gibt also das vorbildliche Grundmodell liturgischen Singens ab. Diese Festlegung erfolgte aus dem Wissen heraus, dass die Choralgesänge aufgrund ihrer oben beschriebenen Eigenschaften auf ganz besonders intensive Weise „pars integrans", integrierender Bestandteil der Liturgie zu sein vermögen, sich also nahtlos in die gottesdienstlichen Handlungen einfügen. Sie tragen den Vollzug dieser Handlungen auf eine unmittelbarere Weise mit als jede andere Kirchenmusik. Sie steigern den Sprachleib des liturgischen Gebets in einer völlig „selbstlosen" Weise zum Klangleib und verleihen ihm so eine Gegenwärtigkeit, der ihn wiederum transparent macht für die Gegenwart des Mysteriums, in dem die Sprache sich jenseits des Wortes erfüllt.

 

Michael Wersin, Martin Brüske

Praxis-Tipp

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Bild: Schola Gregoriana der Heiliggeist Kirche Basel

 

Aus dem umfassenden Schatz der Gregorianik bietet das KG einen kleinen Bestand an Gesängen, vor allem drei Choralmessen sowie das Credo III (sie sind fast durchweg lange nach dem Jahr 1000 komponiert worden). Diese Gesänge sind auf eine alternierende Ausführung zwischen Schola und Volk hin angelegt; es ist einen Versuch Wert, eine solche Choralmesse einmal im Gemeindegottesdienst zu erproben.

 

Will man darüber hinaus mit einer Schola und auch mit einem entsprechend geschulten Kantor das Mess-Proprium in Angriff nehmen, dann ist hierfür das „Graduale Romanum" oder das „Graduale Triplex" eine zentrale Arbeitsgrundlage. Es enthält die für die Interpretation wichtigen Dirigierzeichen, die sog. Neumen.

 

Bücher, CD-Aufnahmen und Gregorianik-Kurse vermitteln unkompliziert ein anfängliches Wissen über den Umgang mit dem zunächst ungewohnten Notentext und über eine adäquate Ausführung. Eine gewisse Schwellenangst ist gut verständlich, sollte aber kein dauerhafter Hinderungsgrund bleiben – ebenso wenig wie übrigens die Sprachbarriere: Um der Gemeinde den Mitvollzug des lateinischen Textes zu ermöglichen, ist nicht mehr nötig als ein kleiner Zettel mit der deutschen Übersetzung der wenigen Worte etwa eines Einzugsgesangs oder eines anderen Teils des Messpropriums; die deutsche Version der Ordinariumsgesänge findet sich ohnehin im KG. Das ist nicht mehr als ein kleiner Kompromiss für einen sehr viel grösseren Gewinn.


Im übrigen kann man nur ermutigen, Vertrauen zu fassen in die hohe Qualität dieses altehrwürdigen und vollkommen zeitlosen Repertoires, das, wird es nach ausreichender Beschäftigung mit den musikalisch vergegenwärtigten Inhalten lebendig im Gottesdienst vollzogen, seine Wirkungskraft mit grosser Sicherheit entfaltet.

 

Geistlicher Impuls

"Im Jahre 1938 verbrachte ich zehn Tage In Solesmes, von Palmsonntag bis Osterdienstag, und wohnte allen Gottesdiensten bei. Ich hatte bohrende Kopfschmerzen; jeder Ton schmerzte mich wie ein Schlag; und da erlaubte mir eine äußerste Anstrengung der Aufmerksamkeit, aus diesem elenden Fleisch herauszutreten, es in seinen Winkel hingekauert allein leiden zu lassen und in der unerhörten Schönheit der Gesänge und Worte eine reine und vollkommene Freude zu finden. Diese Erfahrung hat mich auch durch Analogie besser verstehen lassen, wie es möglich sei, die göttliche Liebe durch das Unglück hindurch zu lieben. Ich brauche nicht eigens hinzuzufügen, dass im Verlauf dieser Gottesdienste der Gedanke an die Passion Christi ein für allemal in mich Eingang fand.

 

In meinen Überlegungen über die Unlösbarkeit des Gottesproblems hatte ich diese Möglichkeit nicht vorausgesehen: die einer wirklichen Berührung, von Person zu Person, hienieden, zwischen dem menschlichen Wesen und Gott. Ich hatte wohl unbestimmt von dergleichen reden hören, aber ich hatte es niemals geglaubt.

 

Im übrigen waren an dieser meiner plötzlichen Übermächtigung durch Christus weder Sinne noch Einbildungskraft im geringsten beteiligt; ich empfand nur durch das Leiden hindurch die Gegenwart einer Liebe gleich jener, die man in dem Lächeln eines geliebten Antlitzes liest."

 

Simone Weil, Philosophin (1909-1943)

 

Facts

Liturgiekonstitution Nr. 116:

 

"Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäss soll er in ihren liturgischen Handlungen, wenn im übrigen die gleichen Voraussetzungen gegeben sind, den ersten Platz einnehmen."


Lesetipp

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Gregor Baumhof: Gesänge der Stille

 

Bernhard K. Gröbler: Einführung in den Gregorianischen Choral, IKS Garamond 2003.

 

Luigi Agustoni: Gregorianischer Choral, in: Hans Musch (Hg.), Musik im Gottesdienst. Bd. 1. ConBrio Verlagsgesellschaft 1993.

 

Musik

Hör-Tipps:

 

  • Gregorianischer Choral – die großen Feste des Kirchenjahres. Choralschola der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, Leitung: Godehard Joppich. Deutsche Grammophon 459 573-2
  • Adorate Deum. Gregorian Chant from the Proper of the Mass. Nova Schola Gregoriana, Leitung: Alberto Turco. Naxos 8.550711
  • Resurrexit et ascendit. Ostern – Christi Himmelfahrt. Schola Gregoriana Monacensis, Leitung: Johannes Berchmans Göschl. Ars Musici AM 1318-2

Links

Ad te levavi

 

Haus für Gregorianik München

 

Internationale Gesellschaft für Studien des gregorianischen Chorals