KrankenhausKrankensalbung

Sakrament heilenden Erbarmens

Als mir während des Studiums eine Freundin erzählte, sie sei zur Krankensalbung gegangen, war ich überrascht. Sie war älter als ich, aber nicht gebrechlich oder todkrank.

 

Die nachkonziliare Feier der Krankensalbung dürfte damals gut zehn Jahre in Gebrauch gewesen sein. Der Ablösungsprozess von der jahrhundertealten Praxis einer Letzten Ölung vor dem Sterben hatte begonnen. Meine Freundin ging diesen vom Zweiten Vatikanischen Konzil begonnenen Weg mit, indem sie als junge, nicht todkranke, aber doch von schwererer Krankheit bedrohte Frau den Zuspruch und die Nähe Christi im Sakrament der Krankensalbung suchte und sicher auch fand.

 

Christus als Arzt?

Immer wieder hören wir in den Evangelien, dass die Kranken sich an Christus wenden, oder Freunde und Verwandte ihre kranken Angehörigen zu ihm bringen. Von ihm erwarten sie Heilung. Doch es geht nicht allein um die medizinisch-therapeutische Beziehung, denn Jesus spricht sie auf einer anderen Ebene an: „Dein Glaube hat dir geholfen." Es ist der Glaube an ihn als Person und an die in seiner Person neu zugesagte Nähe Gottes zu seinem Volk. So spektakulär seine Heilungen körperlicher Gebrechen waren, die Mitte ist doch der Glaube an die versöhnende und tröstende Nähe Gottes, die Jesus schenkt: „Er ist der Arzt, den die Kranken nötig haben." (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1502) Menschliches Elend wird nachhaltig gelindert oder ganz gelöst durch seine Zuwendung.
Jeder Kranke spürt auch heute noch, dass Krankheit mehr ist als eine Störung organischer Funktionen. Eine schwerere Erkrankung konfrontiert ihn unweigerlich mit der Endlichkeit und Begrenztheit seines Lebens, auch wenn er nicht unmittelbar vom Tod bedroht ist. Der ganze Mensch ist angegriffen, auf sich selbst zurückgeworfen, durch neue leidvolle Erfahrungen isoliert, gleichzeitig aber ganz auf menschliche Nähe und noch mehr auf Gottes segnenden Zuspruch angewiesen. Das ist auch angesichts erstaunlicher medizinischer Fortschritte heute nicht anders früher.
Durch diese Fortschritte ist aber eines anders geworden: Wir leben länger. Denn viele Krankheiten, die früher zum Tod geführt hätten, können geheilt oder in ihrer Entwicklung gestoppt werden. Alter ist keine Krankheit, aber ernste Krankheiten nehmen zu – und damit auch das Bewusstsein, dass es einmal mit einem selbst zu Ende gehen wird. Die heutige Praxis der Krankensalbung entspricht der heutigen Situation von Krankheit und Alter: Das Sakrament kann mehrmals emfangen werden – tatsächlich werden viele Menschen im Altersprozess mehrfach von schwerer Krankheit betroffen sein und sich vom Tod bedroht fühlen. Das Sakrament wird an vielen Orten in einer besonders für Senioren gefeiert – sie sind in unserer Gesellschaft gemeinsam am stärksten betroffen (was nicht heisst, dass alle anderen den eigenen Tod verdrängen oder verdrängen dürfen!).

 

Sakrament heilenden Erbarmens

Jesus hat den Jüngern die Weitergabe der Reich Gottes-Botschaft und damit auch die Sorge um die Kranken anvertraut (vgl. Matthäus 10,8). Bereits in der urchristlichen Gemeinde des Jakobusbriefs ist es Praxis, die Presbyter zu den Kranken zu rufen (vgl. Jakobus 5,14f). Sie sprechen dann ein Gebet über den Kranken und salben ihn mit Öl. Tun sie dies, so sagt der Jakobusbiref, dann wird Christus selber den Kranken aufrichten und ihm, wie schon den Kranken in den Berichten der Evangelien, seine Sünden vergeben. Im Handeln der Presbyter ist also Christus gegenwärtig. Er setzt durch die salbenden Hände der Presbyter fort, was er vorher leibhaftig-real den Kranken schenken konnte: Er neigt sich heute, in dieser Feier zärtlich über den Kranken wie im Gleichnis der barmherzige Samariter über den verwundeten Mann.
Die Kirche gibt die liebende Zuwendung Christi zu den Kranken bis heute weiter, wenn sie die Krankensalbung feiert. Sie ist das dichteste Zeichen der Nähe Christi zu den Kranken, sie ist Sakrament und dem Priester vorbehalten.
Was Menschen in der Situation der Krankheit dringend brauchen – menschliche Gemeinschaft und ein wirksames Zeichen göttlichen Segenszuspruchs – das erfahren sie hier. Die Feier der Krankensalbung soll immer in Gemeinschaft stattfinden. Das kann die Gemeinschaft der Familie und Freunde um das Krankenbett sein, aber auch die Gemeinschaft einer Krankenwallfahrt oder ein Gemeindegottesdienst mit Krankensalbung. Alle hören zunächst zusammen ein Wort aus der Bibel. Gemeinsam mit dem Priester beten sie dann für die Kranken, wie es schon die urchristliche Gemeinde tat. Wie sich die Kranken einst im Glauben an Christus wandten, so ist ihre Bitte um die Krankensalbung auch heute ein Zeichen ihres glaubenden Vertrauens. Und wie Christus einst Kranken die Hände auflegte so hier der Priester. Im Lobpreis über dem Krankenöl erinnert er an Gottes heilendes Handeln. Dann salbt er die Stirn des Kranken mit den Worten: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes", danach die Hände: „Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf." Wie in der urchristlichen Gemeinde gilt auch heute: Wenn der Priester den Kranken salbt und alle für ihn beten, dann wird Christus den Kranken wieder aufrichten – freilich oft auf eine unscheinbare, im Inneren geborgene, und doch ungemein starke Weise.

 

Öl der Heilung

Im Jakobusbrief wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist vom Öl die Rede. Olivenöl wurde bereits in der Antike zu Heilszwecken verwendet. Es ist also kein Wunder, dass im Gleichnis und in der Praxis der frühen Christen das Olivenöl vorkommt. Olivenöl bleibt für Jahrhunderte die Basis für die drei heiligen Öle: das Katechumenenöl, das Krankenöl und den Chrisam. Die Öle für die Sakramente waren etwas besonders, sie wurden daher eigens vom Bischof gesegnet. Zwei dieser Öle, Katechumenenöl und Chrisam, wurden für die Taufe benötigt und die fand damals vor allem in der Osternacht statt. Weil man sie Ostern brauchte, wurde sie am Donnerstag vor Ostern gesegnet. Bis heute werden am Hohen Donnerstag oder an einem der Tage vorher in der Kathedrale eines Bistums die Heiligen Öle in einer besonders feierlichen Liturgie vom Bischof und den mit ihm feiernden Priestern des Bistums gesegnet. Diese Messe ist nach einem der Öle benannt: Sie heisst Chrisam-Messe. Das Gebet zur Weihe des Krankenöls zeigt sehr schön, wie das Sakrament der Krankensalbung verstanden werden soll:
„Herr und Gott, du Vater allen Trostes.
Du hast deinen Sohn gesandt,
den Kranken in ihren Leiden Heilung zu bringen.
So bitten wir dich:
Erhöre unser gläubiges Gebet.
Sende deinen Heiligen Geist vom Himmel her
auf dieses Salböl herab.
Als Gabe deiner Schöpfung
stärkt und belebt es den Leib.
Durch deinen Segen werde das geweihte Öl
für alle, die wir damit salben,
ein heiliges Zeichen deines Erbarmens,
das Krankheit, Schmerz und Bedrängnis vertreibt,
heilsam für den Leib, für Seele und Geist."

 

Das Öl ist heute nicht mehr notwendig Olivenöl, aber es muss echtes und reines Öl sein: gute Gabe der Schöpfung. Das Gebet wird über ein grosses Gefäss mit Öl gesprochen und nicht über die kleine Dose mit dem heiligen Öl, die der Priester bei der Krankensalbung in der Hand hält. Nach der Chrisam-Messe werden die drei Öle nämlich verteilt und in den kleineren Gefässen in die Pfarreien mitgenommen. Alle Kranken, die damit gesalbt werden, sind also durch das Zeichen des Öls gewissermassen miteinander einander verbunden. In der Weihe der Öle vor Ostern kommt ausserdem der österliche Sinn der Sakramente zum Ausdruck: Sie verleihen Anteil an Christus, der lebt und nicht mehr sterben wird. Was immer im Verlauf der Krankheit noch passieren wird, diesen Anteil am Leben kann keine Krankheit auslöschen.

 

(Kirchenblatt Solothurn 7/2007)

Gunda Brüske

 

Geistlicher Impuls

Jesus macht sich die Sache Gottes zu eigen er tut, was der Vater tut: „Was jener tut, das tut in gleicher Weise der Sohn" (Joh 5,19; vgl. 10,37f). Und deshalb kann das, was im 147. Psalm von Jahwe bekannt wird, ebensogut von Jesus gesagt werden: Der Herr (Jahweh = ho kyrios) „heilt die gebrochenen Herzen und verbindet die schmerzenden Wunden" (V.3). Er ist jener Gott, der zu Israel und zu uns sagt: „Ich bin der Herr, dein Arzt" (Ex 15,26). Er ist der Gott, „der dir all deine Schuld vergibt und alle Gebrechen dir heilt; der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt; der dich dein Leben lang mit seinen Gaben sättigt; wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert" (Ps 103,3ff). Dementsprechend wendet sich der kranke Israelit und Christ vertrauensvoll an ihn: „Sei mir gnädig, Herr, ich sieche dahin, heile mich, Herr, denn meine Glieder zerfallen!" (Ps 6,3). Und wird er geheilt, so hat er ihm zu danken: „Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes (der Kranke befindet sich bereits im Machtbereich des Todes!), aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen" (Ps 30,3f). In dieser heilenden Huld zeigt sich ein Wesenszug Jahwes und Jesus': heilschaffend dazusein für die Armen und Elenden, Kleinen und Geringen: „Der Herr hilft den Gebeugten (den anawîm = den Erniedrigten und Gedemütigten) auf und erniedrigt die Frevler (bis zum Boden)" (Ps 147,6;vgl. u.a. Ps 146,7ff)."

 

Notker Füglister OSB (gestorben 1996), aus einer Auslegung zu Ps 147