Weltjugendtag Koeln_2005Beichte

Umkehren

Wer läuft schon gerne einen Weg zurück, der sich als falsch erwiesen hat? Die Beichte als Sakrament der Umkehr zum lebendigen Gott und zur Gemeinschaft hat ihre Plausibilität verloren. Das hat viele Gründe.

 

Zu ihrer katholischen Herkunft befragt, gab eine betagte prominente Persönlichkeit folgende Anekdote preis. Bei der wöchentlichen Beichte war der Pfarrer nicht zufrieden mit der ehrlichen Aufzählung der Verfehlungen des braven Mädchens. Offensichtlich glaubte er ihr nicht und wollte "schlimmere Dinge" hören. Die Gewissensnot des Mädchens gebar folgenden Ausweg aus dem Dilemma. Fortan erfand sie bei jeder Beichte die fürchterlichsten Dinge und sprach zum Schluss: " ... und ich habe gelogen" – was sie auf alles vorher Gesagte bezog und also unter dem Strich vor Gott damit im Reinen war. Zugleich hatte sie die Erwartungshaltung des Pfarrers befriedigt, und der Druck war weg.

 

Als ähnlich "krank" haben viele Gläubigen, die bis in die 60er Jahre in der katholischen Kirche gross wurden, die Praxis des "ungeliebten Sakraments" erlebt. Ist es da verwunderlich, dass sich anlässlich einer Liberalisierung, wie das Zweite Vatikanische Konzil im Zuge der allgemeinen gesellschaftlichen Umwälzungen der 70er Jahre weitgehend interpretiert wurde, fast schlagartig die Beichtstühle leerten?

 

Einmal umgekehrt – und doch immer wieder schuldig.

Das Ärgernis von Schuld und Sünde begleitet den Menschen auf Schritt und Tritt. Dass wir der Umkehr und der Vergebung nicht bedürften, wird keiner behaupten wollen, der mit offenen Augen durchs Leben geht – und in den Spiegel schaut!

 

Die Bibel ist sich von ihrer ersten Seite an dieser Problematik bewusst. Busse, Umkehr und Versöhnung stehen auch im Mittelpunkt der Botschaft Jesu. Und doch vermag auch die Taufe auf den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, die Wiedergeburt aus dem Wasser des Geistes, die Sünde nicht aufzuhalten; der Mensch bleibt frei. Schon bald haben die ersten Christen schmerzlich feststellen müssen, dass die Gemeinde schwach und ihr Zeugnis zerbrechlich ist. Die Erfahrung, dass gravierendes Fehlverhalten einzelner die schwache, unterdrückte und verfolgte keimende Gemeinschaft schädigte, hat schon Paulus beschäftigt. Er findet scharfe Worte der Ausgliederung zum Schutz der Gemeinschaft und zur Rettung des Sünders: damit er sich der Schwere der Schuld bewusst mache und also die Voraussetzungen finde, umzukehren (vgl. 1 Kor 5). Eine einheitliche Bussordnung lässt sich aber aus den Neutestamentlichen Schriften nicht ableiten. Erst gut 100 Jahre später zeichnet sich ein organisiertes kirchliches Bussverfahren ab. Der bleibend wichtige Impuls aus frühchristlicher Zeit ist die Perspektive auf die Taufe: christliche Busse ist lebenslange Aneignung der Taufe.

 

Umkehr - am Anfang öffentlich, bald privat.

"Der Hl. Joseph hat nun einmal nicht den ersten Beichtstuhl gezimmert. Es gab viele Jahrhunderte ohne Andachtbeichte. Ein Augustinus hat nie gebeichtet. Es gab Jahrhunderte, wo die heiligen Bischöfe Galliens predigten, Busse zu tun, aber erst auf dem Sterbebett zu beichten. ... Es gab Jahrhunderte, in denen man nur einmal die kirchliche Rekonziliation empfangen konnte ... Erst im 13. Jahrhundert kommt die indikative Absolutionsformel auf und lässt immer mehr eine schöne Bussliturgie zu einer nüchternen Absolution zusammenschrumpfen. Der existenzielle religiöse Gewichtsakzent im Ganzen der Busse verlagert sich in säkularen Etappen von dem handfesten Bussetun auf die innere Reue, auf das beschämende Bekenntnis, auf die priesterliche Absolution." (K. Rahner)

 

Christen, welche Kapitalsünden zu büssen hatten, mussten dies in der frühen Kirche öffentlich tun. Zu Beginn der Fastenzeit legten sie ein Bussgewand an, bekamen Asche aufs Haupt gestreut und taten Busse bis zur Osternacht, in der sie wieder in die sakramentale Gemeinschaft der Kirche eingegliedert wurden.

 

Seitdem das Christentum Staatsreligion wurde, trat die öffentliche Busse immer mehr in den Hintergrund. Ausgehend vom irischen Mönchtum verbreitete sich ab dem 6. Jahrhundert die Tarifbusse, bei welcher der Einzelne für seine Sünden eine Wiedergutmachung auferlegt bekam. Das ist im Prinzip der bleibende Kern der Einzelbeichte bis heute.

 

Umkehr. Inflationär?

Unsere vielleicht schwierigen Erinnerungen an die häufige Beichte rühren von einer Verquickung her, die erst anfangs 20. Jahrhundert ihre problematischen Wirkungen zeitigte. Schwere Sünde war immer schon ein Hindernis zum Kommunionempfang, da dieser eben die Gemeinschaft der Kirche in Christus ausdrückt, welche nun durch die Sünde verletzt ist. Aber der Kontext war lange ein ganz anderer. Während Jahrhunderten wurde – leider – selten kommuniziert, monatlich oder gar weniger oft, zudem ausserhalb der Messe, da in der Messe der Priester allein kommunizierte. Zudem ist merkwürdigerweise ausgerechnet im Zuge des Rationalismus der Aufklärung ein zunehmendes Augenmerk auf die Sünden des 6. Gebots zu verzeichnen. So ziemlich alles, was mit körperlicher ‚Unreinheit' zu tun hatte, wurde nun unter schwerer Sünde eingeordnet, was im Mittelalter oder noch in der Barockzeit nicht so gesehen wurde.

 

Als dann 1905 der fromme Papst Pius X. den häufigen Kommunionempfang propagierte – an sich eine höchst begrüssenswerte Neuerung –, ohne jedoch zugleich die moraltheologischen Handbücher zu revidieren, führte dies zwangsläufig zur Beichtinflation: praktisch jede Woche musste nun gebeichtet werden, wenn man keine Woche ohne "schwere Sünde" sein konnte und, wie der Papst es anregte, am Sonntag (wenn nicht täglich) zur Kommunion hintreten wollte. Dieser Druck, unter dem noch viele unserer Pfarreiangehörigen gelitten haben, hat unweigerlich zu einer Gegenreaktion führen müssen.

 

Umkehr. Täglich.

Umkehr ist jedem Christen aufgetragen. Täglich. Zur Vergebung dieser täglichen Sünden steht uns jedoch ein grosses Angebot an Formen zur Verfügung. Zuvorderst steht natürlich die alltägliche Versöhnung mit meinem Bruder, meiner Schwester, um dessen Kraft ich im täglichen Gebet des Vaterunser bitte. Auch das Hören des Wort Gottes ruft mich zur Umkehr und versöhnt mich mit Gott. Im täglichen Gebet, insbesondere im Beten von Busspsalmen in der Tagzeitenliturgie oder in der Gewissenserforschung und dem Schuldbekenntnis vor dem Zubettgehen (Komplet), erfahre ich die heilende Kraft der Vergebung. In besonderer Weise hat die Eucharistiefeier eine sündenvergebende Kraft ("das ist ... mein Blut, das ... vergossen wird zur Vergebung der Sünden"), sie ist nicht nur Höhepunkt, sondern auch Quelle des christlichen Lebens, auch der Versöhnung. Ferner ist die jährlich wiederkehrende österliche Busszeit Einladung zur Versöhnung: "Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade". Nicht zuletzt deckt „die Liebe viele Sünden zu" (1 Petr 4,8).

 

Umkehr. Sakramental.

Dreht es sich aber um die sakramentale Form der Versöhnung, so kennen wir heute grundsätzlich zwei Formen: die Feier der Versöhnung für einzelne – die traditionelle Beichte also –, und die Gemeinschaftliche Feier der Versöhnung.

 

Die Feier der Versöhnung für einzelne hat heute dort, wo sie ein freies Angebot ist und die Menschen zu diesem befreienden Akt einzuladen weiss, durchaus Zulauf (vgl. das Dokument der Schweizer Bischöfe unter Links). Insbesondere junge Menschen, welche die schwierige jüngere Geschichte der regelmässigen Pflichtbeichte nicht kennen, entdecken diese Form als echte Wiederherstellung ihrer selbst und ihrer Beziehung zu Gott und den Mitmenschen. Freilich bleibt kritisch anzumerken, dass ihr intimer Charakter den Bezug zur kirchlichen Gemeinschaft vermissen lässt und dass die Verkündigung der heiligen Schrift, die seit der Liturgiereform integraler Bestandteil jeder liturgischen Feier ist, in der Beichte nur fakultativ ist (vgl. dazu den Geistlichen Impuls in der Randspalte). Hohe Anforderungen sind also an den Priester gestellt, die Beichte so zu gestalten, dass sie als Feier der Kirche zum Ausdruck kommt: Christus ist präsent in seinem heilendem Wort und – repräsentiert durch den Priester allein – in seiner Kirche, welcher aufgetragen ist, sich immer wieder die Vergebung zuzusprechen und Versöhnung zu leben.

 

Umkehr. Gemeinschaftlich.

Die gemeinschaftliche Form der Versöhnung hat hier andere Chancen. Wenn sich 80 Menschen einer Pfarrei aufmachen und sich zu einer Feier versammeln, deren zentrales Thema die Umkehr und die Bitte um Versöhnung mit Gott und mit der Kirche ist, dann ist das bereits aus sich heraus ein starkes Zeichen: Es versammelt sich die Kirche als sündige Glaubensgemeinschaft. Freilich steht auch diese Feier unter dem Vorzeichen vom Ostermysterium und die Menschen kommen in der gläubigen Gewissheit, dass bei Gott Vergebung in Fülle ist. Dennoch kommen die Menschen ‚mit reumütigem Herzen und demütigem Sinn'. Deshalb legt es sich auch nahe, in einer solchen gemeinsamen Bussfeier einen inhaltlichen Akzent auf die Versöhnung untereinander und zur grösseren kirchlichen Gemeinschaft zu setzen. Die sorgfältig vorbereitete Gewissenserforschung, der ein Wortgottesdienst vorausgeht, vermag bisweilen Aspekte zu beleuchten, die in der Einzelbeichte leicht aus dem Bewusstsein geraten. Geschieht dies ohne moralisierende Absichten sondern im Sinne einer Hilfe hin zur Wahrhaftigkeit des Einzelnen in Gemeinschaft vor Gott, kann dies zur Öffnung so manchen verstockten Herzens beitragen. Kritisch zu hinterfragen ist freilich die verbreitete Praxis der in einigen Bistümern im Falle einer "schwerwiegenden Notwendigkeit" erlaubten Generalabsolution. Trotz gemeinsamem Ausdruck der Versöhnungsbedürftigkeit kann doch die Artikulierung der persönlichen Verfehlung und der individuelle Zuspruch der Lossprechung in dieser Form nur sehr vage zum Ausdruck kommen.

 

Umkehr - gemeinschaftlich und sakramental!

Am stimmigsten kommt wohl die Feier der Versöhnung dort zum Ausdruck, wo beide Aspekte in einer Form vereint werden, was der ersten Form der gemeinschaftlichen Feier der Versöhnung entspricht, wie sie die liturgische Ordnung vorsieht. Hier stehen nach der gemeinschaftlichen Gewissenserforschung verteilt in der Kirche mehrere Priester zur Verfügung, die das individuelle Schuldbekenntnis abnehmen und die Lossprechung erteilen, währenddessen die anderen füreinander beten. Zum Schluss drückt die Gemeinde ihre Dankbarkeit in einem Loblied aus und empfängt den Segen. In dieser Form kommen beide Aspekte zum Tragen: gemeinschaftliches gegenseitiges Schuldgeständnis und individuelle Feier der Vergebung. Freilich setzt dies die Anwesenheit von mehreren Priestern voraus. Dies kann jedoch mit gutem Willen im einen oder anderen Dekanat durchaus organisiert werden und stellt darüber hinaus auch ein überpfarreiliches Zeugnis von Kirchesein dar.

 

Die Erinnerung an einige Formen der Sündenvergebung des Alltags und die Ausführungen zur Beichte und zur Bussfeier wollten aufzeigen, dass es nicht darum geht, die eine Form gegen die andere auszuspielen, sondern zu einer echten und profunden Freude über die uns zugesagte und immer neu geschenkte Versöhnung zu verhelfen. Die Einladungen sind vielfältig, je neu Versöhnung zu leben, zu schenken, zu erbitten.

 

(Der Artikel erschien ursprünglich in Auftrag Heft 2/2007)

Peter Spichtig

 

Wider-Worte

"Das Sakrament der Versöhnung hat mich über viele Jahre hinweg nicht Versöhnung erfahren lassen, sondern meine Defizite, die schier endlos aufgezählt sein sollten. So lange, bis ich mich fast nur noch als defizitär empfunden und geglaubt habe, auch Gott sähe mich so."

 

Jacqueline Keune (2007)

 

Geistlicher Impuls

"Früher hatte ich mit einem vorgegebenen Gebet begonnen. Aber es geht ohne Ritual jetzt. Ich bitte Pater Adrian, erst die Perikope von den Versuchungen Jesu in der Wüste lesen zu dürfen. Er nickt. Zum Garten- und Fluglärm kommt jetzt die Innenrenovation der Kirche. Die Bohrmaschine unten im Altarraum duckert durchs geschlossene Kapellenfenster, Männerzorn und Gepolter von Balken. Das akustische Umfeld meiner Meditationsbiechte.

 

Meditations-Beichte, das ist der Begriff, der mir eben jetzt einfällt. Bedeutet: Schrifttext lesen, sich besinnen, soweit dies nicht draussen hinter der Klausurtüre geschehen ist, sich mit einzelnen Ereignissen im Hinblick auf sein persönliches Gewissen auseinandersetzen. Man sieht ausgesprochen klar auf diese Weise. Klarer als früher, als man in die zerflossene Luft der Erinnerung hineingriff, um die Sündenfliegen darin zu fangen. Weit über den Unterwasserbrocken, von denen man nichts ahnt, hinweg."

 

Silja Walter, Die Beichte im Zeichen des Fisches (2005)

 

Links

SBK: Impulse zur Erneuerung der Einzelbeichte

 

F.-X. Amherdt: Gottes Vergebung - ein Schatz mit vielen Facetten

 

Beispiele für Versöhnungsfeiern aus der Diözese Feldkirch