spitzweg sonntagsspaziergangSonntag

[Ein Wort zum] Sonntag

Ausschlafen, gemütlich frühstücken, ein Spaziergang, Freunde oder Familie sehen. So oder ähnlich sieht für viele der Sonntag aus. Doch am Anfang des Sonntags steht nicht die Musse.

 

Vom „ersten Tag" zum letzten Tag

Der abendländisch-christliche Sonntag hat eine lange Geschichte; schon die Einteilung der Zeit nach einem Siebentage-Zyklus mit einem besonders hervorgehobenen Tag geht auf vorderorientalische Wurzeln lange vor Entstehung des Christentums zurück. Den Sonntag als diesen hervorgehobenen Tag zu feiern, ist eine ur-christliche Einrichtung. Seine Entstehung und heutige Gestalt als arbeitsfreier Ruhetag ist geprägt von vielen verschiedenen kulturellen und religiösen Einflüssen.
Nach der in den meisten westlichen Staaten gültigen internationalen ISO-Norm R 2015 ist der Sonntag der letzte Tag der Siebentage-Woche. Das war nicht immer so. Am Anfang der christlichen Tradition steht der Sonntag als erster Tag der Woche wie im jüdischen Siebentage-Zyklus (Mk 16,1–2). Der erste Tag nach dem Sabbat wurde zum christlichen Ur-Feiertag, weil an ihm gemäss biblischer Überlieferung die Auferstehung Christi stattgefunden hat (Mk 16,1–20; Joh 20,1–29). Dieses Ursprungsereignis des christlichen Glaubens feierten und feiern die Christen, wenn sie am Sonntag zum Gottesdienst zusammenkommen. Sie erinnern sich dankend an das österliche Heilsgeschehen, an das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi (Pascha-Mysterium). Sonntag für Sonntag feiert die Kirche so das Ostergeheimnis, wird so der Sonntag zum wöchentlichen Osterfest und zum Fundament des gesamten Kirchenjahres.

 

Sonntag und Sabbat: Gedächtnis der (Neu-)Schöpfung und Tag der Arbeitsruhe

Schon der jüdische Sabbat, der im Zeichen der vollkommenen Arbeitsruhe steht, so wie auch Gott am siebten Schöpfungstag ruhte (Gen 2,1–3), kennt verschiedene Begründungen. Der Sabbat ist der von Gott gesegnete Tag, an dem der Mensch seine alltäglichen Aktivitäten unterbricht, um lobend und in Dankbarkeit mit Gott in besonderer Weise in Beziehung zu treten und sich seiner heilvollen Taten zu erinnern. Im Gedenken an die Vollendung der Schöpfung am siebten Tag wird der Sabbat zum Zeichen eschatologischer Hoffnung und messianischer Erwartung.
Auch der christliche Sonntag hat vielfältige Dimensionen. Er steht wie der jüdische Sabbat im Zeichen des Schöpfungsgedenkens. Gleichzeitig wird im Licht des Ostergeschehens der Aspekt der neuen Schöpfung betont, des Beginns einer neuen Weltzeit, deren Vollendung noch aussteht. Die Bezeichnung des Sonntags als achten Tag deutet auf diese eschatologische Dimension hin: der Sonntag ist erster und achter Tag zugleich, er steht für den Beginn der Zeit wie auch für ihre Vollendung in der „zukünftigen Ewigkeit".
Im Laufe der Zeit zieht der Sonntag immer mehr die Bedeutung des Sabbats auf sich und wird so zum „Sabbat des Neuen Bundes" und zum Tag der Arbeitsruhe. Ein wesentlicher Einschnitt für diese Entwicklung war das Jahr 321, als Kaiser Konstantin den Sonntag zum arbeitsfreien Staatsfeiertag erhob. Dies war zunächst nicht (ausschliesslich) christlich motiviert und erst im 6. Jahrhundert übernahm die Kirche dieses Gebot. Gleichzeitig entwickelt sich langsam die Sonntagspflicht, also die Verpflichtung der Gläubigen, am Sonntag an einer Eucharistiefeier teilzunehmen, die bis heute der kirchlichen Gesetzgebung entspricht (can. 1247 CIC/1983).

 

Wiederentdeckung des Sonntags

Im Laufe des Zeit ist der Vorrang des Sonntags als zentraler christlicher Feiertag verloren gegangen, seine Inhalte und seine Bedeutung als christlicher Ur-Feiertag wurden immer stärker überlagert. Heiligenfeste und Motivfeste wie auch verschiedenste volkstümliche Traditionen nahmen einen immer größeren Platz in der Liturgie ein, so dass schliesslich der Sonntag als Kern des Kirchenjahres nicht mehr erfahrbar war.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Fehlentwicklung zu korrigieren versucht und die Bedeutung des Sonntags, vor allem der Feier des Pascha-Mysteriums, als unverzichtbar für das Leben der Kirche deutlich herausgestellt (Liturgiekonstitution Nr. 106). Bei der nachkonziliaren Erneuerung der Liturgie wurde diesem Anliegen Rechnung getragen, indem verschiedene Elemente eingeführt wurden, die den besonderen Charakter und die besondere Stellung des Sonntags hervorheben (z.B. die Einführung der Sonntagspräfationen, siehe dazu weiter unten).

 

Am Sonntag in die Kirche?

Willikens - Abendmahl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sonntag ist seit der frühen Kirche der Tag der Gemeindeversammlung und ist dadurch zum unterscheidenden Zeichen der Christen geworden. Die Kirche hat den Sonntag als Zentrum für die Spiritualität und das Leben der Gläubigen wiederentdeckt, und auch heute ist der christliche Sonntag geprägt durch das Element der gemeinsamen Feier, deren Kernstück die Eucharistie ist. Dennoch gehen immer weniger Christen sonntags in die Kirche, ähnelt manch eine Sonntagsmesse immer mehr dem beklemmend sterilen Bild des menschenleeren Abendmahlssaales von Ben Willikens: durch gesellschaftliche Veränderungen ist der Sonntag vom hervorgehobenen Feiertag zum Teil des Wochenendes geworden, das vor allem durch individuelle Entspannung und zahlreiche Freizeitaktivitäten geprägt ist und dessen christliches Profil in der gesellschaftlichen Wahrnehmung immer stärker verwischt. Doch der Mensch bedarf der Unterbrechung des Alltags und der besonderen Zeit des Feierns sowie des mitmenschlichen Zusammenseins. Gerade der Sonntag und das Feiern des Gottesdienstes bietet die Chance zu Gemeinschaft und kann den Menschen frei machen für die anderen Dimensionen des Lebens als jene der täglichen Arbeitswelt.


Sonntag: Tag der Gemeinschaft, Herrentag

Die Feier des Sonntags als Auferstehungstag ist nicht nur das Gedenken an ein vergangenes Ereignis; in der Feier ist der auferstandene Christus inmitten seiner Kirche gegenwärtig. In der sonntäglichen Feier wird so die Gemeinschaft der Getauften erfahrbar, konstituiert sich Kirche.

Kernstück dabei ist die Eucharistie, in der die feiernde Gemeinde Jesu Auftrag erfüllt, den er seinen Jüngern beim Abschiedsmahl (LK 11,14–23) erteilt hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis". Der Sonntag wird wegen dieser untrennbaren Verknüpfung mit der Eucharistiefeier, dem „Herrenmahl", auch als Herrentag bezeichnet, wie z.B. in der Bezeichnung des Sonntags in romanischen Sprachen heute noch deutlich wird (frz. dimanche, it. domenica, span. domingo). Der Herrentag gilt als Urfeiertag der Christen; deshalb können nur sehr wenige Feste (Hochfeste, Herrenfeste) die Feier des Sonntags verdrängen.

 

Der Sonntag – ein Festtag

Im Vergleich zu einem Werktagsgottesdienst zeichnet sich die sonntägliche Eucharistiefeier durch verschiedene spezifische Charakteristika aus:

das Taufgedächtnis zu Beginn des Gottesdienstes;

      • das Gloria;
      • eine erweiterte Leseordnung von drei Lesungen in einem Zyklus von drei Jahren;
      • das Glaubensbekenntnis, denn der Sonntag ist der Tag des Glaubens schlechthin, an dem die Christen durch die gemeinsame Feier ihre Zugehörigkeit zur Kirche in besonderer Weise erfahren;
      • die 8 Sonntagspräfationen, die die besondere Bedeutung des Sonntags hervorheben; so gilt etwa die fünfte Präfation besonders der Erinnerung an die Schöpfung: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater, zu danken und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben. Denn du hast die Welt mit all ihren Kräften ins Dasein gerufen und sie dem Wechsel der Zeit unterworfen. Den Menschen aber hast du auf dein Bild hin geschaffen und ihm das Werk deiner Allmacht übergeben. Du hast ihn bestimmt, über die Erde zu herrschen, dir, seinem Herrn und Schöpfer zu dienen und das Lob deiner großen Taten zu verkünden durch unseren Herrn Jesus Christus. ..."
      • der Einschub im Hochgebet, der wesentliche Aspekte des Sonntags betont: „Darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist. Durch ihn, den du zu deiner Rechten erhöht hast, bitten wir dich ..." (Hochgebet II / III; ähnliche Einschübe in den anderen Hochgebeten)
      • der feierliche Schlussegen.

Diese besonderen Elemente geben dem Sonntag eine eigene, festlichere Prägung und betonen seine hervorgehobene Stellung gegenüber den Wochentagen. Diesen festlichen Charakter des Sonntags zu pflegen und sich genügend Zeit zu nehmen für seine besonderen Elemente (wie z.B. die drei Lesungen und die anschliessende Homilie) ist eine bleibende Aufgabe.

 

Sonntag = Messe ?!

Beim Stichwort Gottesdienst denken viele Christen zuerst an die (sonntägliche) Messe. Doch Messe oder Wortgottesfeier sind nicht die einzigen Gottesdienstformen des Sonntags; auch die gemeinschaftliche Feier der Tagzeitenliturgie, insbesondere von Laudes und Vesper, Feiern mit Kindern, sowie Andachten haben gerade am Sonntag ihren Platz. Ebenso sollte der Sonntag der bevorzugte Tag für die Feier der meisten Sakramente sein: Besonders die Taufe, die in die Gemeinschaft der Kirche eingliedert und am Ostergeheimnis Anteil haben lässt, hat ihren richtigen Platz innerhalb der gemeinschaftlichen, sonntäglichen Feier dieses Geheimnisses.

Das 2. Vatikanische Konzil hat den Sonntag wiederentdeckt. Seine Desiderate zur gottesdienstlichen Vielfalt, insbesondere der Wiederbelebung der Feier Tagzeitenliturgie in den Gemeinden, müssen erst noch eingelöst werden. Denn der Sonntag als Tag des Herrn und als Tag des Menschen wird dann richtig gelebt, wenn er als ganzer geprägt ist von Lob und Dankbarkeit gegenüber Gottes heilvollen und befreienden Taten.

 

Andrea Krogmann

 

Praxis-Tipp

Der Sonntag und die Taufe

 

Das Taufgedächtnis erinnert uns in besonderer Weise an die Bedeutung unserer Taufe. Denn durch die Taufe sterben wir mit Christus und erstehen mit ihm wieder auf; wir erhalten so Anteil am Pascha-Mysterium, das wir jeden Sonntag aktualisierend feiern. Neben der Osternacht ist daher auch der Sonntag der bevorzugte Tauftermin.
Gerade am Sonntag hat das Taufgedächtnis einen besonderen Platz: anstelle des Allgemeinen Schuldbekenntnisses kann der Gottesdienst mit einem Ritus zur Tauferinnerung und –erneuerung begonnen werden. Dazu spricht der Vorsteher ein Segensgebet über das Wasser und besprengt dann die versammelte Gemeinde mit dem Wasser. Eine Beschreibung des Ritus wie auch begleitende Gesänge bietet das Katholische Gesangbuch unter den Nr. 30.4 bzw. 35–37; im Messbuch finden sich die entsprechenden liturgischen Texte im Anhang I.

 

Wider-Worte

Zu wenig Brot am Tisch des Wortes?

 

Von grösster Bedeutung für den Gottesdienst ist die Heilige Schrift, aus der Lesungen vorgetragen, in der Homilie ausgedeutet und Psalmen gesungen werden. Denn Christus selbst ist es, der spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden, er ist gegenwärtig in seinem Wort (vgl. SC 7.24).

 

Ein Desiderat des 2. Vatikanischen Konzils war es, dass der Tisch des Gotteswortes den Gläubigen reicher bereitet werde. Durch die neue Leseordnung, die für die Sonntagsmesse drei Lesungen vorsieht, soll innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift gelesen werden (vgl. SC 51). Eine besondere Bedeutung wird auch der Auslegung der Schrift in der Homilie zugesprochen, die aus diesem Grund an Sonn- und Feiertagen nur aus schwerwiegenden Gründen wegfallen darf (vgl. SC 52).

 

Umso bedauerlicher ist es, dass aus pastoralen Gründen oftmals nur zwei Lesungen vorgetragen werden und der Antwortpsalm häufig ganz entfällt. Denn die ausgeweiteten Lesungen und ihre Auslegung in der Homilie sollen die Gläubigen stärken und durch eine grössere Vertrautheit mit dem Wort Gottes ihren Glauben vertiefen.

 

Andrea Krogmann

 

Geistlicher Impuls

Joasch: Das Sabbatmeer?
Kerub: Da laufen alle Schöpfungstage,
einer nach dem andern ein.
Joasch: Die Schöpfungstage?
Da hinein? Ins Meer?
Kerub: Die laufen immerzu ins Meer
von Gottes Sabbatruhe ein.
Daraus entsteigt der neue dann,
der achte Tag.
Joasch: In Gottes Sabbatruhe –
Die Schöpfungstage
steigen aus dem Urgrund auf
und laufen durch die Zeiten
in den siebenten ein.
Ihm wird der achte Tag entsteigen.

 

Silja Walter,
Der achte Tag. Schauspiel in vier Akten


Facts

"Aus apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das Pascha-Mysterium jeweils am achten Tage, der deshalb mit Recht Tag des Herrn oder Herrentag genannt wird. An diesem Tag müssen die Christgläubigen zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören, an der Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott dankzusagen, der sie "wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten" (1 Petr 1,3). Deshalb ist der Herrentag der Ur-Feiertag, den man der Frömmigkeit der Gläubigen eindringlich vor Augen stellen soll, auf daß er auch ein Tag der Freude und der Musse werde. Andere Feiern sollen ihm nicht vorgezogen werden, wenn sie nicht wirklich von höchster Bedeutung sind; denn der Herrentag ist Fundament und Kern des ganzen liturgischen Jahres."

 

Sacrosanctum Concilium Nr. 106 (1963)


 

Lesetipp

fuchs wochenende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Präfationen für den Sonntag

Apostolisches Schreiben Dies Domini (1998)

Guido Fuchs: Wochenende und Gottesdienst. Zwischen kirchlicher Tradition und heutigem Zeiterleben. Regensburg: Pustet 2008. 160 S.

 

Links

Präfationen für den Sonntag

 

Apostolisches Schreiben Dies Domini (1998)