Praefation für_die_Osterzeit_IIPräfation für die Osterzeit II

Der gekaufte Tod

Aus der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu leben heisst eine Zukunft zugespielt zu bekommen, die Gott selbst ist, die nicht endet und deshalb stärker ist als der Tod.

 

Das Kernstück der zweiten im Messbuch zur freien Wahl für die Osterzeit angebotenen Präfationen verbindet vier Aussagen über die erlösenden Bedeutung des Paschamysteriums:

 

„Durch ihn (Christus in seinem österlichen Duchgang vom Tod zum Leben MB) erstehen die Kinder des Lichtes zum ewigen Leben, durch ihn wird den Gläubigen das Tor des himmlischen Reiches geöffnet. Denn unser Tod ist durch seinen Tod überwunden, in seiner Auferstehung ist das Leben für alle erstanden."

 

Alle Aussagen sind von elementarer Wucht und grosser Klarheit. Die ersten beiden schauen auf die Erlösten, die als „Kinder des Lichtes" und als „Gläubige" benannt werden. Beide nehmen dabei zunächst die Auswirkungen des Erlösungsgeschehens an diesen und für diese in den Blick. Aber auch diese Aussagen sind rückgebunden an Christus als Erlöser: „Durch ihn" geschieht dies alles. Entsprechend dieser Rückbindung entfalten die beiden folgenden Aussagen den Grund der Erlösung im Ostergeschehen selbst: Sie blicken auf Tod und Auferstehung Christi und ihre unmittelbare Bedeutung. So begründen sie die beiden ersten Aussagen. So wird der dankend-gedenkende Lobpreis über Brot und Wein österlich entfaltet. Denn die Gegenwart des Mysterium paschale feiern wir in der Eucharistie: Die Präfation redet - schon rein sprachlich - von der Gegenwart des Heils, nicht von einer sich immer mehr entfernenden Vergangenheit. Christus, der Auferstandene, wirkt jetzt und alle Zeit das Heil seiner Gläubigen. Seine Erlösungstat hat einen schlechterdings universalen Horizont. In dieser Aussage von der unbegrenzten Reichweite der Auferstehung Christi - „für alle" - gipfeln die Aussagen der Präfation.

 

Kinder des Lichts

Vergegenwärtigen wir uns jetzt zunächst die beiden ersten Aussagen etwas genauer. „Kinder des Lichts" ist eine im Neuen Testament mehrfach antreffbare (Lk 16,8; Joh 12,36; Eph 5,8; 1 Thess 5,5) Bezeichnung für Christinnen und Christen. Der sachliche Kontext reicht erheblich über die angeführten Stellen hinaus (vgl. z.B. 1 Joh); das Vorkommen in sehr unterschiedlichen Traditionszusammenhängen zeigt die Verbreitung an (Synoptiker, Johannes, Corpus paulinum). Die Bedeutung lebt immer von einer Opposition, entweder zur Finsternis oder - in bestimmtem Sinne - zur Welt (Lk 16,8 werden die „Kinder dieser Welt" gegenübergestellt.) Diese Opposition ist jedoch keine seinsmässige, sondern eine heilsgeschichtliche und existentielle. Sie führt letztlich auf eine zu treffende Grundentscheidung. Dass diese durch alle Brechungen und Inkonsequenzen hindurch ein Leben lang eingeholt werden muss, ist klar. Und so sehr sie ethische Implikationen hat: Zunächst geht es in ihr darum, zuzulassen, dass Christus an mir wirkt. Denn genau dies ist dann der Punkt des Übergangs von der Finsternis zum Licht.

 

Aufsteigen zum Licht

Darum geht es also: Christliche Existenz ist hinübergegangen von der Finsternis zum Licht. Der Epheserbrief (5,8) bringt diese Dynamik auf den Punkt: „Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichts." Diese Stelle wirkt wie ein direkter biblischer Kommentar zu unserer Präfation. Denn auch in ihr geht es um genau diesen Übergang. Er geschieht als Teilhabe am Pascha Christi, an seinem Hinübergang vom Tod zum endgültigen Leben. Deshalb ist die Frucht unserer Teilhabe „ewiges Leben" - wie es die Präfation ausdrücklich festhält. Wenn die Übersetzer der lateinischen Vorlage „oriuntur" mit „erstehen" wiedergeben, dann wird hier genau diese Teilhabe an der Auferstehung Christi akzentuiert. Dabei gehen allerdings weitere sehr schöne und bildhafte Elemente der Semantik des lat. „orior" verloren. Mit „orior" kann auch das Aufgehen der Sonne (entsprechend engl. „rise" kann „auferstehen" wie den Aufgang der Sonne bedeuten) oder eines Gestirns bezeichnet werden. Dazu kommen entsprechend „morgendliche" Assoziationen, die in der altspanischen Illatio (= Präfation) der Ostervigil - die den exakt gleichen Ausdruck „filii lucis oriuntur" hat - auch ausdrücklich hergestellt werden, parallelisiert zur „morgendlichen" Auferstehung Christi. So kann man auch übersetzen: „So steigen die Kinder des Lichtes auf zum ewigen Leben." Die Dynamik des Lebens, das in der Auferstehung Christi einen nicht mehr zerstörbaren Neuanfang bekommen hat, und unserer Teilhabe daran käme dann stärker zum Ausdruck. Es ist klar, dass unsere Präfation dabei besonders auf die Neugetauften (Photismos - Erleuchtung ist altkirchliche Taufbezeichnung) der Osternacht blickt, aber natürlich auch auf uns, die wir unser Taufversprechen erneuert haben.

 

Getauft zum Himmel hin

Der „Aufstieg" verbindet dann auch die Bildfelder der ersten und der zweiten Aussage: Die in der Taufe eröffnete Teilhabe am Pascha Christi endet für die Gläubigen im „himmlischen Reich". Denn in der Auferstehung Christi haben sich die Tore des Himmels aufgetan, um die aufzunehmen, deren „Leben mit Christus verborgen in Gott ist" (Kol 3,4, vgl. 3,1). Die in Christus geschenkten Heilsgaben von Licht und Leben bedeuten letztlich nichts anderes als Gemeinschaft mit dem, der Licht und Leben selber ist und der in der Auferstehung Christi seine Herrschaft zugunsten dieses Lebens durchgesetzt hat. Aus dieser Gemeinschaft zu leben bedeutet himmlische Existenz schon jetzt, heisst eine Zukunft zugespielt zu bekommen, die Gott selbst ist, die nicht endet und deshalb stärker ist als der Tod.

 

Allerdings: Gestorben werden muss immer noch - mit all den Bitterkeiten und Unbegreiflichkeiten, die der Tod in dieser Weltzeit bedeutet. Und doch: Für den Gläubigen ist der Tod von innen her verwandelt - auch wenn er für ihn genau so bitter schmecken mag, wie für alle anderen Menschen (dass es auch das Gegenteil - und vieles mehr - gibt, soll damit nicht bestritten werden: den Tod, der herbeigesehnt wird; aber immer kommt es darauf an, was seine innerste, immer verhüllte Wirklichkeit ist). Jesus ist diesen Tod gestorben, den Tod, den alle Menschen sterben. Die Quelle unserer Präfation sagt es noch viel betonter als die deutsche Übersetzung und ihre lateinische Vorlage. Dort heisst es: „nostrorum omnium mors", „unser aller Tod".

 

Tauschgeschäft: Tod gegen Leben

Jetzt aber folgt in Vorlage wie Quelle eine Wendung, die die deutsche Übersetzung leider unsichtbar gemacht hat: durch seinem Tod sei unser Tod „losgekauft" „redempta est". Die deutsche Übersetzung hat vage „überwunden". Dieser „Loskauf" hat seinen Hintergrund in einer Erlösungsvorstellung, die - mit biblischen Wurzeln - ihren Ort vor allem in der Sprache der Liturgie und in den Homilien der Kirchenväter hat, in der Vorstellung vom wunderbaren Tausch. Gott „zahlt" in Jesus den Preis des Kreuzes, des Todes oder seines vergossenen Blutes, um eben diesen Tod „loszukaufen" aus der Gestalt und Gewalt seiner Entfremdung (biblisch mit Hebr 2,14 als Gewalt des Teufels über den Tod und als Knechtschaft aus Furcht gedeutet) und ihn so zu verwandeln. Tatsächlich: In diesem „Loskauf" hat sich der Tod innerlich verwandelt. Er steht jetzt im Bereich der Gottesherrschaft und damit unter der Herrschaft des Lebens. So wäre dann die letzte Aussage der Präfation prägnanter zu übersetzen: „In seiner Auferstehung ist aller Leben auferstanden."

 

Martin Brüske

 

Geistlicher Impuls

"Die Osterbotschaft ist eine Zumutung für den menschlichen Verstand: Sie besagt, dass die Zeit ihre Richtung ändern kann; dass das Offensichtlichste, das Vergehen der Dinge, trügt; dass das einzig sicher Scheinende in unserem Leben, der Tod, sich unserer nicht sicher sein kann. Die Osterbotschaft fordert uns auf, das Wunder - theologisch übersetzt: Gott und seine Liebe und Treue zu seiner Schöpfung - nicht aus unserer Weltsicht auszuklammern."

 

Georg Steins (2010)

 

Links

Liturgische Texte für die Osterzeit