Er kam als Licht in die WeltO Heiland, reiss die Himmel auf

Ein Flehruf aus der Tiefe

Das Lied ist fast vierhundert Jahre alt: sperrig und unbequem der Text, fremd klingend die Melodie. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gehört es zu den beliebtesten Adventsliedern.

 

„O Heiland, reiss die Himmel auf" eignet sich kaum als Hintergrundmusik für den Weihnachtseinkauf. In diesem Lied geht es alles andere als vorweihnachtlich sanft und lieblich zu und her. Im Gegenteil: Hier wird der Ruf nach gewaltsamem Eingreifen laut: Reiss auf! Reiss ab! Giess aus! Fliess herab! Schlag aus! Bring hervor! Spring heraus! ... Wer dieses Lied singt, findet sich nicht ab mit der augenblicklichen Situation. Er oder sie leidet an der Wirklichkeit und ruft, ja schreit nach Veränderung.

 

Ein Hoffnungslied in dunkler Zeit

Der Text des Liedes entstand in einer dunklen Epoche der Geschichte. Der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld schrieb ihn im Jahr 1622 vor dem Hintergrund des Dreissigjährigen Krieges, der Pest und der Hexenverfolgung. Zunächst wurde der Text auf der Melodie des Vesperhymnus „Conditor alma siderum" – „Gott, heilger Schöpfer aller Stern" (KG 309) gesungen. 1666 erhielt das Lied seine heute bekannte musikalische Form. Text und Melodie passen kongenial zusammen, möglicherweise wurde die Melodie eigens für diesen Text geschaffen. Die dorische Kirchentonart erscheint heutigen Ohren eher fremd, sie entspricht aber dem ernsten und doch hoffnungsvollen Text.

 

Ein spannungsreiches Lied

Die sechs Strophen des Liedes gliedern sich in zwei Teile von unterschiedlichem Charakter: In den Strophen 1-3 herrschen Bildmotive aus dem Buch des Propheten Jesaja vor, die sich auf die Geburt Jesu beziehen. Das Kind in der Krippe von Betlehem gleicht dem „Tau in der Frühe" (Psalm 110,3), der sich nachts lautlos auf die Felder legt, segensreich und lebensspendend. Jesus ist der Heiland, der wie Regen vom Himmel herabsteigt, aber auch wie eine Pflanze aus der Erde hervorgeht: wahrer Gott und wahrer Mensch.

 

Ab der 4. Strophe kommen „wir" ins Spiel: die christliche Gemeinde, die dieses Lied je neu singt. Sie leidet daran, dass die volle Erfüllung dessen, was Jesaja angekündigt und sich in Jesus Christus ereignet hat, noch aussteht. Sie muss die Spannung ertragen zwischen dem Glauben, dass der Heiland der Welt bereits gekommen ist, und der Erfahrung einer nach wie vor unheilvollen Welt. Mit starken Kontrasten macht das Lied diese Spannung sichtbar: höchster Saal – Jammertal (4. Strophe); Sonn, Stern, Schein – Finsternis (5. Strophe); dich wollten wir anschauen gern – vor Augen steht der ewig Tod (zweite Zeile von Strophen 5 und 6); Elend – Vaterland (6. Strophe). Die Erfahrung des Mangels führt zu einer grossen Sehnsucht, zur anklagenden Frage: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt ...?" (4. Strophe).

 

Die Wirkungsgeschichte des Liedes zeigt, dass diese Spannung nicht immer ausgehalten wurde. So hat man schon früh dem Lied eine Strophe des Lobens und Dankens hinzugefügt, um das unbeantwortet bleibende Flehen aufzufangen. Die Gesangbücher Gotteslob und KG haben sich hingegen für die Erstfassung ohne Zusatzstrophe entschieden.

 

Ein Lied der Sehnsucht

Unser Lied beschönigt nicht und beschwichtigt nicht. Es nennt die Abgründe von Leid und Tod, die auch die glanzvollsten Lichter eines Weihnachtsmarktes nicht auszuleuchten vermögen. So kann das Lied Menschen in Not eine Stimme geben, jenen, für die der Himmel verschlossen scheint. Ihre durch wiederholte Enttäuschungen zugeschütteten Sehnsüchte will es frei legen und dadurch etwas in Bewegung bringen.

 

Sehnsucht ist der Grundcharakter der adventlichen Liturgie. Die Lesungen aus den Prophetenbüchern sind davon ebenso geprägt wie die O-Antiphonen, jene sieben Rahmengesänge zum Magnifikat in der Vesper zwischen dem 17. und 23. Dezember, die jeweils mit einem O-Ruf an den erwarteten Heiland beginnen (KG 327, auch 304). Von diesen und weiteren liturgischen Elementen ist unser Lied durchwegs geprägt.

 

Ein Lied in der Nacht

Die Adventsliturgie, in der das Lied beheimatet ist, bereitet nicht auf eine traute Weihnachtsidylle vor, sondern auf eine Nacht, in der sich (vorwiegend im Stillen) Gewaltiges ereignet hat und auch heute ereignen kann: eine Nacht, in der Himmel aufgerissen und Tore gesprengt werden, in der Regen und Tau Erstarrtes aufweichen und Verdorrtes aufkeimen lassen, in der ein Licht die Finsternis erhellt. Die Nacht, in der dies geschieht, ist eine besondere, eine geweihte Nacht. In ihr geht die Botschaft der Hoffnung um: Heute wird ein Kind geboren – in meiner, in unserer Welt.

 

Josef-Anton Willa

 

Stichwort

  • Text: 1622 von Friedrich Spee von Langenfeld, Jesuit (1591-1635)
  • Melodie: 1666 (1638), Autor unbekannt, Tonart: dorisch
  • Vertonungen: u.a. Johannes Brahms, Motette für Chor a capella, Op. 74, No. 2

Geistlicher Impuls

Reiss die Wolken auseinander und komm!
Hier, jetzt, sei unser Gott – wer sonst?
Niemand sonst hat uns gesucht,
niemand hat unser forteilendes Herz
umgewendet, unsere widerspenstige
Seele angeredet als du.
Niemand sonst hat gerufen
wie ein Verliebter: hier bin ich, hier bin ich.
Wie ein Verlorener hast du gerufen,
und unser Herz kehrte um und hörte.
Wo bist Du jetzt? Wo bleibt deine Leidenschaft?
Bist du nicht mehr der eine von damals?

 

Huub Oosterhuis


Lesetipp

61615834477880882499

Geistliches Wunderhorn. Grosse deutsche Kirchenlieder. München, C.H. Beck, 2009. ISBN 978-3-406-59247-8.

 

Musik

asset icon mp3Johannes Brahms, O Heiland, reiss die Himmel auf (4,905 KB)

 

Ablauf

1. O Heiland, reiß die Himmel auf; herab, herab, vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloß und Riegel für.

 

2. O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß; im Tau herab, o Heiland, fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.

 

3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd. O Erd, herfür dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.

 

4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal.

 

5. O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.

 

6. Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.

 

[7. Da wollen wir all danken dir, unserm Erlöser, für und für. Da wollen wir all loben dich zu aller Zeit und ewiglich.]