O Sapientia 2 thumbO-Antiphonen

Bist du der Kommende?

Die Dimension der Sehnsucht freizulegen ist die eigentliche Askese des Advents. Das poetische Sprachspiel der O-Antiphonen übt in die Lebensform der unverkürzten Sehnsucht ein.

 

In den letzten Tagen vor Weihnachten erklingen in der Vesper zum Magnifikat sieben ganz besondere Antiphonen: die "O-Antiphonen" oder "grossen Antiphonen". Die Sehnsucht nach dem Kommenden ist hier poetisch und musikalisch gegenüber den letzten Wochen des Advents noch einmal gesteigert

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Die Offenbarung des Johannes als Inspiration

Woran haben sich die O-Antiphonen entzündet? Woher kommen sie - nicht nur nach ihrem Inhalt und nicht nur nach ihrer Form, sondern gemäss der Einheit beider? Tatsächlich findet sich nicht nur inhaltlich eine Überfülle an virtuos gebrauchten biblischen Bezügen, sondern es gibt so etwas wie eine Matrix, von der her sie ihre Gestalt gewonnen haben. Das Wort, um das herum sie sich formen, ist ja der Ruf Veni! Komm! Fast ausschliesslich wird ansonsten unmittelbar auf Texte des Ersten Testaments zurückgegriffen. Aber hier geht es um den Schluss der Johannes-Offenbarung: „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern. Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! ... Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. - / Amen. Komm, Herr Jesus." (Offenbarung 22,16b - 17a.20).

 

Was findet sich in diesem biblischen Zeugnis?

  1. Die titulare Selbstprädikation mit dem Alten Testament entnommenen Namen. Einer dieser Namen radix/Wurzel ist identisch mit einer der Anrufungen der Antiphonen, der zweiten; Morgenstern/stella matutina besitzt eine grosse Nähe zum Bildfeld von O oriens/Morgenstern.
  2. Unmittelbar darauf der Ruf Veni! Komm!, verbunden mit der Aufforderung, sich dem Ruf anzuschliessen.
  3. Die Selbstzusage des Kommenden: „Ja, ich komme bald!"

Wenige Verse vorher findet sich eine Variante des Zusammenhangs von Selbstzusage und Selbstprädikation: „Siehe, ich komme bald .... Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende." (22,12a.13 - vgl. auch die schematische Darstellung oben). Zweierlei ist hier im Auge zu behalten: Für die Christologie der Johannes-Offenbarung ist charakteristisch, dass von Gott und Jesus wechselseitig die gleiche Funktion ausgesagt wird; Gott und Jesus sind hier „funktionsgleich" (Roloff). Dem entspricht es, dass die Selbstprädikation von 22,13 bei ihrer Einführung ganz am Anfang (1,8) von Gott ausgesagt wird. Dieses Changieren besonders gefüllter und signifikanter Namen zwischen Gott und Jesus ist ein typisches Element, das aber die starke Theozentrik des Textes nicht aufhebt, sondern eher Jesus in eine bleibend und konsequent theozentrische Perspektive einrücken lässt: die Perspektive der Durchsetzung von Gottes Herrschaft, in der Gott selbst unmittelbar da ist - dies aber in und durch Jesus.

 

Gottesnamen

Dies wird noch deutlicher, wenn wir uns folgenden Zusammenhang vor Augen führen, der ebenfalls für die O-Antiphonen von elementarer Bedeutung ist: Die Johannes-Offenbarung legt in charakteristischer Weise den Gottesnamen von Ex 3,14 aus und zwar so, dass diese Auslegung in einer Abbreviatur genau das zum Ausdruck bringt, wovon die Offenbarung insgesamt handelt: „der war und der ist und der kommen wird". Um Gottes Kommen geht es ja in der Offenbarung des Johannes. Mit anderen Worten: Sie legt den Gottenamen aus im Blick auf den eschatologischen, den endgültigen Selbsterweis Gottes. Ausserhalb dieser erstmals 1,4 auftauchenden Formel ist aber nur und ausschliesslich vom Kommen Jesu die Rede. Das aber heisst: Für die Theologie der Johannes-Offenbarung ereignet sich Gottes Kommen, durch das der Gottesnamen seine endgültige Auslegung erfährt, in Jesus. Mithin ist auch der Ruf „Komm!" und die Selbstzusage des Kommenden im Blick auf diese eschatologische Auslegung des Gottesnamens zu verstehen.

 

Was bedeutet dies nun alles für das Verständnis der O-Antiphonen? Man kann es sehr schlicht formulieren: Der Dichter der O-Antiphonen hat ernstgenommen und realisiert, was ihm gesagt wurde: „Wer hört, der rufe: Komm!" (22,17a). Denn alle drei Elemente, die wir im Zusammenhang dieser Stelle und ihrem näheren Kontext ausmachen konnten, tauchen in den Antiphonen auf. Als strukturbildendes und Kontinuität, zugleich Steigerung, schaffendes Grundelement der siebenfache Ruf Veni! Dazu tritt in siebenfacher Variation die alttestamemtlichen Texten entnommene Namensanrufung. Sie entspringt der unmittelbar (22,16b) vorausgehenden offenbarenden Selbstprädikation des apokalytischen Jesus, die sie als Gabe des Namens in direkter Rezeption (O radix jesse) und formal, als Impuls zum siebenfach durchgeführten Modell, aufgreift: Wie anders könnte sie rufen als in Entsprechung zur Gabe des Namens dessen, den sie anruft? Dessen Eigenname, der dann in 22,20 „Komm, Herr Jesus", genannt wird, wird in den Antiphonen gemäss dem engeren Zusammenhang von 22,16b und 17a offensichtlich bewusst ausgespart oder besser umkreist.

 

Verborgene Gegenrede

Taucht aber auch das dritte charakteristische Element, die Selbstzusage des Kommenden, auf? Erstaunlicherweise: Ja! Dies aber nicht unmittelbar, denn Subjekt ist ja die betende Kirche, sondern auf einer zweiten Ebene des Textes, die sozusagen im Vollzug der Anrede das Gegenüber dieser Anrede repräsentiert. Liest man die Anfangsbuchstaben der lateinischen Namen (siehe Randspalte bei Ablauf) nach der Anrufung „O" von unten nach oben, von der letzten Antiphon rückwärts zurück zur ersten, ergibt sich: ero cras, das heisst: „Morgen werde ich (da-)sein". Dies ist die „Gegenrede" zum Veni-Ruf der Kirche. Im liturgischen Beten der Kirche, die ja im Geist betet („der Geist und die Braut aber sagen: Komm!"), öffnet sich der Raum der Gegenwart dessen, der sich als der Kommende verlässlich zugesagt hat und sich auch jetzt noch zusagt. Im gegenläufigen ero cras hat der Dichter der Antiphonen ein im wahrsten Sinn des Wortes „sprechendes" Symbol dieser Gegenrede zum Ruf der Kirche geschaffen. Die O-Antiphonen enthalten also einen - in der Bildsprache der Johannesoffenbarung - verborgenen, intimen Dialog der Braut mit dem Bräutigam.

 

Morgen werdet ihr schauen

Diese starke Einbettung und Inspiration, die die O-Antiphonen durch den Kontext der Johannes-Offenbarung erfahren, zeigt, dass ihr theologischer Horizont wesentlich weiter ist als der einer blossen Festvorbereitung von Weihnachten. Sie atmen sozusagen „eschatologische Luft": In ihrem Veni! ist das Kommen Gottes als seine eschatologische Selbstbestimmung schlechthin angezielt. Das Kommen Gottes ist also gemeint, das seine Eckpunkte in einem doppelten Adventus hat, seiner Ankunft im Fleisch des Menschensohns und in der Ankunft dieses Menschensohns als dem durch Tod und Auferstehung hindurch zu Gott Erhöhten, zum Ende und zur Vollendung von Zeit und Geschichte: „Siehe, ich mache alles neu!"

 

Natürlich spitzt das ero cras, „Morgen werde ich (da-)sein" die Selbstzusage des Kommenden im konkreten liturgischen Kontext der O-Antiphonen auf das „morgige" Fest, auf Weihnachten zu. Aber der Morgen, der hier in der gelenkten Vielschichtigkeit poetischer Texte gemeint ist, ist ebenso der Morgen ohne Abend, an dem Gott alles in allem sein wird. Beides ist gemeint, so wie sich der Maranatha-Ruf der ältesten Kirche (der ja in der Johannes-Offenbarung im Hintergrund steht) ebenso auf die Parusie wie auf die in diesem Licht eschatologisch verstandene Eucharistiefeier bezieht, die Gottes endgültiges Kommen bereits vorwegnehmend, wenn auch noch verborgen, realisiert. Die liturgische Feier der Kirche bezieht sich so spannungsvoll auf die beiden Eckpunkte seines eschatologischen Kommens: Gott ist in ihr gegenwärtig als der Kommende.

 

Erwartung noch über Weihnachten hinaus

Insofern kann man nun doch sagen, die O-Antiphonen dienen der unmittelbaren Vorbereitung der Feier von Weihnachten, aber so, dass sie das Licht des Kommens Gottes auf die Festfeier werfen, damit aber das Fest überhaupt erst feierbar machen, mehr aus ihm machen als eine blosse historisierende Gedenkfeier eines Ereignisses, das uns als solches jedes Jahr ferner rückt.

 

Damit ist die Bedeutung der historischen Dimension der Festfeier von Weihnachten keineswegs abgewertet: Die eschatologische Radikalität des Kommens Gottes liegt ja gerade darin, dass Gott ins Fleisch realer raumzeitlicher Geschichte kommt, dass er Mensch wird. Aber das Licht des Kommens Gottes gibt dem historischen Ereignis erst seine wirkliche, in liturgischer Festfeier begehbare Bedeutung. Genau darin weisen die O-Antiphonen ein, indem sie die Zeiten verschränken. Sie treten ein in die anamnetisch vergegenwärtigte Verheissungsdynamik der Geschichte Gottes mit Israel, so wie sie sich in der ersttestamentlichen Namen- und Bilderwelt, die hier aufgerufen wird, spiegelt. Diese Verheissungsdynamik hat ihr eschatologisches, darin auch schon endgültiges und unüberbietbares Unterpfand in Jesus von Nazareth. Das aber wird in den O-Antiphonen nur umkreist, aber nicht direkt ausgesagt. Darin bleiben die O-Antiphonen offen, auch wenn sie verborgen (ero cras) auf das kommende Fest verweisen.

 

Aber auch dieses ero cras ist ja nach vorne offen und geht nicht einfach im historisierenden Bezug auf die Geburt Jesu auf. Denn wenn wir den Rückbezug auf die Apokalypse hinsichtlich des Akrostichons als auch im Blick auf die Namenwelt ganz ernstnehmen, dann zeigen beide einen Verheissungsüberschuss, der sie über die Feier der Geburt Jesu hinaus öffnet auf das Offenbarwerden der endgültigen Zukunft Gottes. Mit einem Wort: Die O-Antiphonen bleiben in der Perspektive des zweifachen Advent. Sie situieren die Festfeier von Weihnachten dynamisch zwischen diesen beiden Polen.

 

Gekürzte Fassung aus der Schweizer Kirchenzeitung 2006. Abonnenten der SKZ finden den ganzen Artikel im Archiv der SKZ

 

Martin Brüske

 

Stichwort

  • Antiphonen zum Magnifikat für die Vespern vom 17.-23. Dezember; auch als Ruf vor dem Evangelium in der Messe der letzten Tage vor Weihnachten
  • erstmals in karolingischer Zeit bezeugt, aber wahrscheinlich älter; im Mittelalter weitere Dichtungen von O-Antiphonen
  • der Dichter der ursprünglichen 7 (vielleicht 8) Antiphonen ist unbekannt
  • Kompositionen: gregorianischer Choral, Marc-Antoine Charpentier, Arvo Pärt

Geistlicher Impuls

Gesungen im zweiten Ton

 

In der alten Tonartenlehre wurde der zweite Ton, in dem die gregorianische Melodie der Antiphonen steht, als „tristis" charakterisiert. Dies ist aber keinesfalls einfach mit „traurig" oder gar mit so etwas wie „trist" zu übersetzten. Viel näher kommt dem gemeinten Sinn etwa das Wort „innig": Im Tonartencharakter des zweiten Modus wird ein Raum der Innerlichkeit geöffnet, dem eine besonders gesammelte Intensität des Gefühls eignet, das dann z.B. - je nach Kontext - als gefasste Trauer oder eben als Sehnsucht akzentuiert werden kann. In allem Ernst: Wer kann, sollte sich die O-Antiphonen immer wieder vorsingen oder sie sich wenigstens auf einem Tonträger anhören. Liturgische Poesie und Musik bilden eine untrennbare Einheit. Musik und Gesang reichen aber an die Wurzeln der Existenz: Dorthin wo die Sehnsucht „sitzt". In der Sehnsucht ist das Abwesende als Abwesendes - anwesend. An dieser Stelle liegt die Dialektik zwischen der blossen, noch so intensiven Bedürfnisspannung und den spezifischen Zügen menschlicher Sehnsucht. In der Anwesenheit des Abwesenden im Bewusstsein der Lücke, des „Lochs" in der Mitte des Daseins, des Risses quer durch die Existenz, der Wunde liegt das Neue gegenüber der blossen Bedürfnisspannung - ohne sich aber von der Tatsache leiblich-bedürftigen Existierens ablösen zu können.

 

Martin Brüske (2006)

 

Lesetipp

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Besprechung

 

Texte

O Weisheit (sapientia), hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten - die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht. (17.12.)

 

O Adonai (Adonai), Herr und Führer des Hauses Israel, im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben: o komm und befreie uns mit deinem starkem Arm. (18.12.)

 

O Sproß aus Isais Wurzel (radix Jesse), gesetzt zum Zeichen für die Völker - vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger. (19.12.)

 

O Schlüssel Davids (clavis David), Zepter des Hauses Israel - du öffnest, und niemand kann schließen, du schließst, und keine Macht vermag zu öffnen: o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes! (20.12.)

 

O Morgenstern (oriens), Glanz des unversehrten Lichtes, der Gerechtigkeit strahlende Sonne: o komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes! (21.12.)

 

O König aller Völker (rex gentium), ihre Erwartung und Sehnsucht; Schlusstein, der den Bau zusammenhält: o komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet! (22.12.)

 

O Immanuel (Emmanuel), unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: o komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott! (23.12.)

 

Link

In unserer Playlist auf youtube können Sie sich alle O-Antiphonen in der richtigen Reihenfolge anhören.