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Mit der Not der Welt vor Gott

Not lehrt beten - vielleicht. Liebe lehrt beten. Hoffnung vor allem und Vertrauen. Und Freundschaft, Gemeinschaft, Solidarität ...

 

 

Angenommen ein Freund oder eine Freundin von Ihnen ist für ein paar Wochen im Spital. Sie werden ihn oder sie natürlich besuchen. Wenn andere in ihrem Freundeskreis noch nichts davon wissen, werden Sie vermutlich von dem Spitalaufenthalt erzählen und darum bitten, die erkrankte Person gleichfalls zu besuchen, sie anzurufen, eine Karte zu schreiben oder ähnliches. Sie wissen nämlich oder vermuten, dass dieses Zeichen der Nähe dem Freund oder der Freundin gut tun wird. In dieser und in anderen vergleichbaren Situationen sind drei Parteien im Spiel: jemand in irgendeiner Notlage; einer, der in der Lage ist, diese Not zu beenden oder zu lindern oder sonst irgendetwas Gutes zu tun; Sie selbst, die diesen Einen darum bitten zu tun, was er kann.

 

Jemanden für einen anderen um etwas bitten

Genau so eine Situation gibt es auch in der Liturgie: in den Fürbitten der Messe, den anderen sakramentalen Feiern, beim Begräbnis, in den meisten Wortgottesdiensten, in der Vesper – also in fast allen liturgischen Feiern. Der Eine, dem hier zugetraut wird, zugunsten anderer etwas zum Guten zu verändern, ist Gott. Unter jenen, für die die Bittenden eintreten, ist grundsätzlich kein Mensch auf dieser Welt ausgeschlossen. Die Situation, die besser sein könnte und sollte, kann alles mögliche betreffen, eine schwere Katastrophe sein oder 'nur' eine Entscheidung, für die es Klarheit und Besonnenheit braucht. Und diejenigen, die Gott für andere bitten, sind die gerade zum Gottesdienst Versammelten.

 

Solidarität der Getauften mit allen Menschen

Wer im Gottesdienst Fürbitte hält, handelt also prinzipiell nicht anders als im alltäglichen Leben. Diesmal geht es nur nicht um die gegenseitige Sorge und Solidarität im Freundeskreis, sondern um die Gemeinschaft aller Menschen vor Gott – im Wissen um Gottes Handeln zugunsten von uns Menschen. Diese Solidargemeinschaft im fürbittenden Gebet wurzelt in der Verkündigung Jesu: „Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Matthäus 18,19-20)

In der Gemeinschaft mit Christus, die für jede und jeden in der Taufe begründet ist, treten alle Mitfeiernden im Gottesdienst für die Not der Welt ein. In Christus leben sie das allen gemeinsame Priestertum – ganz besonders in den Fürbitten für andere (siehe rechts: Facts). Das Zweite Vatikanische Konzil forderte deshalb mit gutem Grund die Wiedereinführung des fürbittenden Gebets der Gläubigen (Liturgiekonstitution Nr. 53). Es folgt in der Messe auf die Verkündigung aus den Schriften der Bibel: Die Versammelten hören von Gottes Handeln an den Menschen und sammeln daraus Zuversicht, dass er sich auch heute noch so zu den Menschen stellt wie damals. Das fürbittende Gebet ist damit auch Antwort auf das Wort der Verkündigung, das Hoffnung für alle Menschen begründet.

 

Was hilft's?

Aber wie ist das tatsächlich – werden die Menschen in Not das erhalten, was sie von Gott erbitten? Wenn wir einen Freund bitten, die kranke Person zu besuchen, wird er es vielleicht tun. Vielleicht ist er oder sie aber auch gerade durch andere Dinge so gefordert, dass es nicht möglich ist. Immerhin, dies wird bei Gott nicht der Fall sein. Trotzdem gibt es die Erfahrung, dass fürbittendes Gebet nicht erreicht, was es beabsichtigt. Ist die Zusage Jesu also nicht verlässlich? Oder steht es gar nicht in Gottes Macht zu tun, worum er in den Fürbitten gebeten wird?

Vielleicht ist es gut, in dieser wichtigen und anspruchsvollen Frage noch einmal auf die Alltagssituation zurückzukommen: Wie wäre es, jemanden zu bitten, etwas zugunsten eines anderen zu tun, wenn ich selbst nicht dazu bereit bin? Um beim Beispiel zu bleiben: wenn ich selbst die Freundin oder den Freund nicht im Spital besuchen würde? Fürbitten zugunsten anderer dispensieren sicher nicht von dem, was wir für jene tun können, für die wir Fürbitte halten. Sie sind aber auch keine Appelle, endlich das tun, was schlicht und einfach unser Part ist in der menschlichen Solidargemeinschaft („Lass uns endlich erkennen, dass ..."). Dies wäre schlicht eine Aufforderung an die Mitfeiernden und kein Eintreten vor Gott für andere. Es wäre also eigentlich kein Wunder, wenn der himmlische Vater „auf diesem Ohr taub ist".

 

Wie hilft's?

Noch ein anderer Punkt aus dem alltäglichen Bitten für jemanden könnte wichtig sein: Wer für jemanden um etwas bittet, will etwas Gutes für sie oder ihn. Nun ist aber das Gute, das wir uns für andere wünschen, nicht immer das, was wirklich hilfreich ist – auch das ist eine alltägliche Erfahrung. Wenn wir Gott für andere bitten, dürfen wir die Vaterunser-Bitte „Dein Wille geschehe" mithören und vertrauen, dass er weiss, was im Tiefsten gut ist. Und dann wird er sozusagen stillschweigend unsere Fürbitte korrigieren, indem er anders darauf antwortet, als wir uns das gedacht hatten.

 

Geheimnis des Glaubens

Löst dies die Schwierigkeit des nicht erhörten Gebets? Ich denke: nur teilweise. Es bleiben die Situationen, in denen eine Wende nur von Gott kommen kann – und sie kommt doch nicht. Oder nicht für uns erkennbar. Wahrscheinlich berühren Menschen in dieser Erfahrung des (scheinbar) nicht erhörten Gebets das Geheimnis Gottes. Seine Gedanken und Wege sind nicht unsere Gedanken und Wege. Manchmal überschreiten sie die Grenze von Leben und Tod auf eine Weise, die uns unerträglich erscheint. Und völlig unwahrscheinlich ist, wenn dann doch einer vom Tod zum Leben aufersteht und so Hoffnung für alle anderen schafft.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, wenn Paulus die Fürbitte für alle Menschen im Christusereignis festmacht: „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben ... Das ist recht und gefällt Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle" (1 Timotheusbrief 2,1-6).

 

Gunda Brüske


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stichwort

  • Element fast aller Gottesdienste: gemeinsames Gebet für die Not der Welt

  • biblisch bezeugt z.B. als Eintreten von Moses für Israel, als Aufforderung an die Christen bei Paulus (1 Tim 2,1f), in der Hoffnung auf Erhörung (Mt 18,19f)

  • bereits Ende des 1. Jahrhunderts als christliche Praxis bezeugt

  • als Element der Messe in der katholische Kirche im 6. Jahrhundert verloren gegangen und durch das II. Vatikanische Konzil als allgemeines Gebet der Gläubigen zurückgewonnen

  • Form: Einleitung und Schluss vom Priester gesprochen, Bitten in der Regel durch Gläubige mit Einstimmen aller Versammelten

Praxis-Tipp

"Man muss eben wissen, was Fürbitten sind: keine gebetsähnlich verschlüsselten Stellungnahmen, keine theologischen Unterweisungen der Gemeinde, kein Predigtersatz, auch keine Klage über den Zustand der Welt und der Kirche - sondern Anrufung Gottes und Bitte um seine Hilfe. Selbstverständlich muss dabei die Not benannt werden. Aber eben so, dass klar ist: Hier wird Gott angeredet, und deshalb darf man voraussetzen, dass er weiss, worum es geht. Man braucht ihm die Lage der Welt nicht noch lange zu erläutern."

 

Gerhard Lohfink 2010

 

Wie man Fürbitten formuliert

 

Wider-Worte

"An die Stelle autonomen, verfügenden, weltlichen Handelns, das sich selbst verantwortet, tritt in bestimmten Grenzsituationen das Gebet - als Illusion ... dessen, der zu wirksamem Handeln nicht fähig oder nicht willens ist."

 

Dorothee Sölle (1929-2003)

 

Geistlicher Impuls

"Wenn Gebet heisst, in Gottes Gegenwart zu treten, dann erbittet man in der Fürbitte die Gegenwart Gottes für die Situation des anderen. Durch die Verbundenheit 'in Christus' ist die stellvertretende Öffnung eines Betenden für einen anderen möglich und sinnvoll: Gott wird Raum gegeben, er kann ankommen. In die Not des anderen wird Gottes Nähe 'hineingebeten' und damit in aller Not Raum gelassen für die (je grössere) Wirklichkeit, Wirkmöglichkeit und Versöhnungsfähigkeit Gottes."

 

Dorothee Mann 1998


Facts

"45. In den Fürbitten übt die Gemeinde durch ihr Beten für alle Menschen ihr priesterliches Amt aus. Dieses Gebet gehört für gewöhnlich zu jeder mit einer Gemeinde gefeierten Messe, damit Fürbitten gehalten werden für die heilige Kirche, die Regierenden, für jene, die von mancherlei Not bedrückt sind, für alle Menschen und für das Heil der ganzen Welt.

 

46. Die Reihenfolge der einzelnen Bitten soll in der Regel sein:

  1. für die Anliegen der Kirche,
  2. für die Regierenden und für das Heil der ganzen Welt,
  3. für alle von verschiedener Not Bedrückten,
  4. für die Ortsgemeinde.

Bei besonderen Feiern wie Firmung, Trauung, Begräbnis usw. kann die Reihenfolge der Fürbitten jedoch mehr den entsprechenden Anlaß berücksichtigen.

 

47. Es ist Aufgabe des Priesters, dieses Gebet zu leiten, die Gläubigen zum Gebet einzuladen und es zu beschliessen. Die Bitten sollen vom Diakon oder Kantor oder von jemand anderem vorgetragen werden. Die ganze Versammlung bringt ihr Beten durch eine gemeinsame Anrufung nach den einzelnen Bitten oder durch ein stilles Gebet zum Ausdruck."

 

Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 45-47


Lesetipp

mit der not der welt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Gott der Welt vor Gott. Inhalte und Formen der Fürbitten. (Pastoralliturgische Hilfen 11). Erarbeitet von Eduard Nagel. Deutsches Liturgisches Institut Trier 1998. Heft von 69 Seiten.

 

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Links

Fürbitten aus der Schweizer Pfarreien und kirchlichen Arbeitsstellen

 

Fürbitten online: Deutsches Liturgisches Institut

 

Aktuelle Fürbitten - Bistum Trier

 

Liborius Olaf Lumma über Formen und theologischen Sinn der Fürbitte