evangile-et-peintureWort des lebendigen Gottes

Kraft der kleinen Worte

"Deo gratias" antwortete früher nur der Ministrant. Heute antworten alle auf "Wort des lebendigen Gottes." Nicht immer gerne ...

 

 

Gott-sei-Dank

Wörtlich lautet die Antwort auf den Zuruf Wort des lebendigen Gottes: Gott (sei) Dank (= Deo gratias). Gott-sei-Dank, das rutscht schnell einmal heraus, das braucht keine hohe theologische Begründung und auch kein tiefes Gefühl von Dankbarkeit. Das spontane Empfinden einer gewissen Erleichterung genügt schon. Auch dem heiligen Paulus ist die schöne kleine Wendung Dank sei Gott in die Feder geflossen: „Gott aber sei Dank; denn ihr wart Sklaven der Sünde, seid jedoch von Herzen der Lehre gehorsam geworden, an die ihr übergeben wurdet." (Röm 6,17; ausserdem: 1 Kor 15,57; 2 Kor 2,14; 8,16; 9,15).

 

Alles, selbst die kleinen Dinge des Alltags, mit einer Berakah, einem Lobpreis Gottes zu verbinden, war guter jüdischer Brauch. Vielleicht steht dies bei Paulus im Hintergrund. „Dankt für alles", ruft er der Gemeinde in Thessaloniki zu (1 Thess 5,18). So verwundert es nicht, wenn er selber den Dank an Gott in seine Briefe einflechtet.

 

Diese kleine Übung des Dankes an Gott in den verschiedensten Lebenssituationen haben Christen in den ersten Jahrhunderten übernommen. Besonders häufig finden sich die beiden Worte Deo gratias bei den Christen in Nordafrika. Sie werden hier sogar zum Personenname Deogratias. Auch in die Liturgie finden die beiden Worte Eingang und da hören wir sie noch heute.

 

Wofür danken?

Deo gratias ist immer Antwort, der zweite Schritt und nicht der erste. Ein Wort oder ein Ereignis, das eine Antwort provoziert, geht dem Deo gratias voraus. Das ist beim Gott-sei-Dank der vielen kleinen Alltagsmomente nicht anders als in der Liturgie. Dank sei Gott heisst es nicht nur nach der Verkündigung der ersten und zweiten Lesung der Messe oder der Wortgottesfeier, sondern mit vielleicht sogar noch grösserem Gewicht erklingt es in der Osternacht auf die jubelnde Ansage Christus, das Licht! Dank sei Gott! Das kann Erstaunen sein über das österliche Licht des Auferstandenen, oder Erleichterung, dass der Tod nicht gesiegt hat, oder Bekenntnis zum Auferstandenen oder alles zusammen. Die kleinen Worte legen den Antwortenden nicht fest auf eine einzige Bedeutung, auch nicht auf einen bestimmten Grad an Zustimmung oder emotionaler Beteiligung. Immer aber drücken sie Bejahung aus.

 

Neue Formel

Was vorausgeht, ist entscheidend: das Wort Gottes – aufbewahrt in den biblischen Büchern, die von Menschen geschrieben sind, von anderen in viele Sprachen übersetzt wurden und jetzt in dieser Feier von einer Lektorin oder einem Lektor zu uns gesprochen werden – nicht als Wort, Urteil oder Information der Sprechenden, sondern als Wort des lebendigen Gottes.

 

Wahrscheinlich ist das überraschend, aber man könnte den Zuruf Wort des lebendigen Gottes sogar weglassen - und die Lesung bliebe im Ereignis der liturgischen Verkündigung noch immer, was sie sein will und ist: Wort Gottes. Vor dem Konzil gab es diesen Zuruf nicht. Die Pastorale Einführung in das Messlektionar (1981) sagt darüber: „Am Ende jeder Lesung soll für den Vorlesenden die Formel ‚Verbum Domini' abgedruckt sein bzw. die entsprechende Formel je nach den örtlichen Gewohnheiten [hier ist in der authentischen deutschen Ausgabe des Messlektionars ergänzt: ‚Wort des lebendigen Gottes'], um so den Antwortruf der Gemeinde zu erleichtern." (Nr. 125) In der ersten Ausgabe dieser Pastoralen Einführung von 1969 hiess es sogar noch zurückhaltender: „Je nach den örtlichen Gewohnheiten beschliesst der Lektor, um einen Gemeinderuf zu erleichtern, die Lesung mit der Formel ‚Wort des Herrn' oder einer ähnlichen Formel." (Nr. 21) Der österreichische Liturgiewissenschaftler Johannes Emminghaus kommentierte das seinerzeit so: „Der Brauch besteht nicht überall, muss es wohl auch nicht, weil die eigentliche Antwort auf die Lesung weniger eine Akklamation [hier der Zuruf Dank sei Gott] als die folgende Meditation zur Aneignung des Textes ist."

 

Anstössiges Wort

Gegen die Ansage Wort des lebendigen Gottes wird im Interesse aufrichtigen Mitsprechens zuweilen anderes gestellt: "Das sind die Worte der heutigen Lesung" oder ähnlich. Der Wechsel zeigt: Lektoren (und nicht nur sie!) haben mitunter Mühe, das gerade Gelesene als Wort Gottes zu begreifen. Also tauschen sie „der Ehrlichkeit halber" die unbequeme und starke Ansage Wort des lebendigen Gottes gegen eine neue aus. Aber ist das Problem damit gelöst?

 

Vermutlich gilt das Unbehagen ja weniger der Formel als dem zuvor Gelesenen. Kann das Gottes Wort sein – für uns, für mich, hier und heute? Es gibt wirklich Lesungen, die stossen. Da gibt es nichts zu verharmlosen. Manches kann man erklären: Gottes Wort ist in eine geschichtlich viel frühere Zeit hinein ergangen, so dass sich kaum beim ersten Hören erschliessen kann, was sein Handeln und sein Wort in dieser Zeit bedeutete – und dann doch auch uns etwas sagen könnte. Vieles muss man im Kontext der ganzen Schrift sehen. Doch manches wird noch immer anstössig bleiben. Vielleicht muss es ausgehalten werden.

 

Oder soll gerade das Anstössige anstacheln, die eigene Gegenwart kritisch zu sehen und nach dem lebendigen Gott hier und heute zu rufen? „Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens" (Hebr 4,12). Diese Scheidung und Unterscheidung ist keineswegs Selbstzweck. Sie ist die andere Seite der befreienden Botschaft. Befreiung ist ein Vorgang der Ablösung, des Zurücklassens. Der befreiende Auszug aus Ägypten war gleichzeitig das Zurücklassen der Fleischtöpfe. Das Wort Gottes an Moses war eine arge Herausforderung wenn nicht Überforderung. Aber das Wort hat sich als lebendig, stark und wirksam erwiesen, als befreiende Kraft.


Bekenntnis

Wie das Wort Gottes durch die je neue, je aktuelle Verkündigung wirken wird, oder welche Momente trotz oder vielleicht gerade in ihrer Zeitbedingtheit einen Anstoss für Menschen unserer Tage darstellen, das ist kaum vorher auszumachen. Der zündende Funke, die Kraft des Wortes hängt nicht an einzelnen historisch bedingten Worten oder Vorstellungsmustern. Die Lebendigkeit Gottes ist es, die sein Wort lebendig werden lässt – auch heute noch. Deshalb ist die Formel im deutschen Messbuch besonders reich und treffend: Wort des lebendigen Gottes. Darauf mit Dank zu antworten ist ein Bekenntnis zu dem, der diese lebendige Kraft noch heute seinem Wort schenkt. Immer drückt der Dank auch die Bejahung dessen aus, dem gedankt wird. Der kurze Dialog lässt die ur-christliche Haltung gegenüber Gott in der Feier der Liturgie neu Wirklichkeit werden. Diese Haltung gilt es in den Alltag hineinzunehmen: Gehet hin in Frieden. - Dank sei Gott, dem Herrn!

 

Gunda Brüske

 

Wider-Worte

„Fest der Heiligen Familie. Die Lektorin, eine selbstbewusste Frau, liest nochmals in der Sakristei die Zweite Lesung aus Kol 3 durch und erklärt: Glauben sie bloss nicht, dass ich heute sage: Wort des lebendigen Gottes! Das ist eine Zumutung für jede Frau; Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter! Das soll Gottes Wort sein?"

 

berichtet von Helmut Gabel

 

Geistlicher Impuls

„'Lebendiger Gott' ist ein theologischer Topos [= Ort: Bezugspunkt], der beide Testamente von innen heraus miteinander verbindet.

 

Im Alten Testament steht er, mit Schwüren .. und Gebeten .. verbunden, für das Wissen um Gottes überwältigende Macht .., der, als Krieger gut .., als Helfer heilig .., sich selbst sein Volk erschaffen hat .., um von ihm nie mehr zu lassen .., und sich in seinem Volk Geltung verschafft, indem er seine Stimme erhebt, die Israel am Sinai bei der Offenbarung der Zehn Gebote ‚mitten aus dem Feuer' gehört hat, nicht um zu sterben, sondern um zu leben (Dtn 5,26).

 

Von dieser kraftvollen Theologie profitiert das Neue Testament, wenn es im ‚lebendigen Gott' den majästetischen Herrscher wiedererkennt .., den Schöpfer des Himmels und der Erde .., den Richter, der seiner Gerechtigkeit umfassende Geltung verschaffen wird .., und wenn es diesen einzig wahren, den gefährlich nahen und ins Weite rettenden Gott als den Vater Jesu bekennt .., der zum Heil von Juden und Heiden seinen Sohn von den Toten auferweckt hat .., damit das Evangelium kraftvoll und kritisch verkündet wird (Hebr 4,12f)."

 

Thomas Söding

 

Facts

Katechismus der Katholischen Kirche:

 

Nr. 109: In der Heiligen Schrift spricht Gott zum Menschen nach Menschenweise. Um die Schrift gut auszulegen, ist somit auf das zu achten, was die menschlichen Verfasser wirklich sagen wollten und was Gott durch ihre Worte uns offenbaren wollte.


Nr. 110: Um die Aussageabsicht der Schriftautoren zu erfassen, sind die Verhältnisse ihrer Zeit und ihrer Kultur, die zu der betreffenden Zeit üblichen literarischen Gattungen und die damals geläufigen Denk-, Sprech- und Erzählformen zu berücksichtigen. „Denn die Wahrheit wird in Texten, die auf verschiedene Weise geschichtlich, prophetisch oder poetisch sind, oder in anderen Redegattungen jeweils anders dargelegt und ausgedrückt" (DV 12, 2).