Kirche aus KlerusBrüder und Schwestern

Hörende Kirche aus Frauen und Männern

Wie wir angesprochen werden, entscheidet oft darüber, wie wir etwas hören. Mit der Anrede der ganzen Gemeinde, also Frauen und Männern, eröffnet schon Paulus seine Briefe.

 

Bei der Durchsicht der Lesungstexte zeigt sich immer wieder das Problem, dass in den Paulusbriefen bei der eröffnenden Anrede „Brüder" die „Schwestern" nicht genannt werden. Seit 1993 wird im Lektionar darauf hingewiesen, dass „Schwestern und Brüder" die offiziell empfohlene Anrede ist.

 

Zwei Beobachtungen liegen dem zugrunde: In der männlich geprägten Lebenswelt des Paulus wurde das griechische Wort „adelphoi" – „Brüder" selbstverständlich in der maskulinen Form verwendet. Die Menschen damals konnten dabei durchaus Frauen mithören, was unseren heutigen Sprachgewohnheiten nicht mehr entspricht. Für uns ist daher die sprachlich angemessene Übersetzung des griechischen Wortes für Brüder: „Schwestern und Brüder".

 

Zudem stammt die Anrede zu Beginn der Lesungstexte in den meisten Fällen gar nicht aus der Bibel. Sie wurde bei der Auswahl der Lesungen hinzugesetzt, um deutlich zu machen, dass es hier um einen Brief geht, um eine Kommunikationsform, in der Menschen angeredet werden. Wenn Paulus selbst am Anfang seiner Briefe seine Adressatinnen und Adressaten nennt, spricht er – bis auf eine Ausnahme im Brief an die Gemeinde von Kolossä – nirgendwo die „Brüder" an. Er spricht von „der Gemeinde in ...", von „den Heiligen", „den Geheiligten" und „der Kirche". Insofern entspricht es genau der Intention des Paulus, hier „Schwestern und Brüder" als Anrede zu wählen, die ausdrückt, dass alle Anwesenden, alle Glieder der Gemeinde angesprochen sind. Die Einfügung der „Schwestern" ist zudem besonders schlüssig, weil wir gerade in den Paulusbriefen viel über das Engagement von Frauen in den ersten christlichen Gemeinden erfahren.

 

Eine weitere Überlegung lässt sich anschließen: Da die Gemeinde als ganze Adressatin eines Briefes ist, sollte statt vom „Brief des Apostels Paulus an die Römer" sachgerechter (und zugleich frauengerechter) vom Brief „an die Gemeinde in Rom", „Ephesus", „Korinth" etc. gesprochen werden.

 

Uta Zwingenberger, Bibelforum Haus Ohrbeck

 

Facts

"Die Anfangsworte (der Lesung) lauten wie üblich: 'In jener Zeit', 'In jenen Tagen', 'Brüder', 'Geliebte', 'So spricht der Herr'. Diese Worte können entfallen, wenn aus dem Text selbst Zeit und Personen hinreichend erkennbar sind oder wenn es der Inhalt des Textes nahelegt. Aufgrund von Beschlüssen der zuständigen Autorität können in den einzelnen Volkssprachen diese Formeln geändert oder ausgelassen werden."

 

Pastorale Einführung ins Messlektionar Nr. 124

 

Aufgrund dieser Bestimmung tragen die ab 1993 erschienenen Nachdrucke einzelner Bände des Messlektionars den Vermerk, dass bei Lesungen aus den Apostelbriefen statt der Anrede "Brüder" künftig die Anrede "Brüder und Schwestern" lauten soll.