Lektorinnen und LektorenLektorinnen und Lektoren

„Selig, wer vorliest ..."

Vorlesen ist eine Kunst. Es bereichert und verbindet Lesende und Zuhörende. Das erleben wir, wenn wir Kindern eine Geschichte vorlesen, es gilt erst recht beim Vorlesen des Wortes Gottes. 

 

In der Liturgie einen Abschnitt aus der Bibel laut vortragen, ist mehr als eine Information weitergeben. Es ist ein Ereignis, ja es kann zum Fest werden. Ein schönes Beispiel dafür gibt die Bibel selber (Nehemia 8,1-12):

Esra mit Torarolle

Der Priester Esra steigt auf eine Tribüne und liest einen halben Tag lang (!) aus den Schriften vor. Das ganze Volk lauscht, und als es das Vorgelesene versteht, bricht es in Tränen aus: Das vernommene Wort wirkt lösend, heilend, befreiend, es bewegt die Menschen zu Reue und Umkehr. Schliesslich feiert das Volk ein grossartiges Fest – ohne das Teilen mit den Notleidenden zu vergessen.

 

Dass eine Lesung im Gottesdienst Menschen bewegt, ja ein ganzes Leben verändert, davon gibt die Kirchengeschichte immer wieder Zeugnis. Als Franz von Assisi am Fest des Apostels Matthäus in der Eucharistiefeier das Evangelium von der Sendung der Jünger hört, ist er davon zutiefst berührt. Er eilt nach dem Gottesdienst zum Priester und bittet ihn um eine Auslegung der gehörten Stelle. Die unauffällige Begebenheit wird zum entscheidenden Wendepunkt im Leben des Franziskus.

 

Vorlesen verändert

Wir leben heute in einer stark visuell geprägten Welt; der Bildschirm hat das Buch als Leitmedium abgelöst. Darum scheint es nur schwer vorstellbar, dass Menschen fähig und gewillt sind, Vorlesenden über längere Zeit und ohne visuelle Hilfsmittel aufmerksam zu folgen. Doch auch heutzutage kann das Vorlesen eines Textes zu einem Erlebnis werden und bei den Zuhörenden einiges auslösen. Davon wissen Eltern zu berichten, die ihren Kindern Geschichten vorlesen. Nach wie vor gibt es öffentliche Lesungen, und auch in der Therapie wird Vorlesen eingesetzt. „Das Wort ist nicht Schall und Rauch. Das Wort ist mächtig ... Es will vernehmbar gesprochen sein. Es ist nicht gleichgültig, wie es gesprochen wird und wer es spricht" sagt Erwin Anderegg, ehemaliger Basler Pfarrer und Psychiatrie-Seelsorger.

 

Lautes Lesen und Vorlesen haucht Buchstaben Leben ein, bringt sie mit Menschen in Beziehung. Und es ermöglicht, einen Text besser, umfassender zu verstehen. Friedrich Nietzsche drückt dies so aus: „Das Verständlichste an der Sprache ist nicht das Wort selber, sondern Ton, Stärke, Modulation, Tempo, mit denen eine Reihe von Wörtern gesprochen wird, kurz, die Musik hinter den Worten, die Leidenschaft hinter dieser Musik, die Person hinter dieser Leidenschaft: alles also, was nicht geschrieben werden kann."

 

Gott braucht Vorleser

Dass vorgelesene Worte die Zuhörenden verändern, das dürfen wir auch und in besonderem Mass auf das gottesdienstliche Vorlesen aus der Bibel beziehen. Denn in der Liturgie hören wir nicht nur erbauliche, zum Nachdenken anregende Texte. „Wann immer in der Kirche die Heilige Schrift gelesen wird, spricht Gott selbst zu seinem Volk, und verkündet Christus, gegenwärtig in seinem Wort, die Frohbotschaft" (Allgemeine Einführung ins Messbuch, Nr. 9). Das vorgelesene Wort der Bibel ist wie „Brot des Lebens", das den Gläubigen vom „Tisch des Wortes" aus gereicht wird (vgl. Zweites Vatikan. Konzil, Dei Verbum, Art. 21). Es nährt, heilt, fordert heraus, ruft zur Entscheidung.

 

Wenn die Schriften der Bibel nicht vorgelesen werden, kommt Gott nicht zur Sprache, bleibt sein Zuspruch an die Menschen ungehört. Gott ist darum auf Vorleserinnen und Vorleser angewiesen, die seine Botschaft immer wieder verlauten lassen und sie den Menschen je neu zusprechen, manchmal auch zumuten. In der Liturgie geschieht dies durch Lektorinnen und Lektoren bei der ersten und zweiten Lesung, durch den Diakone oder Priester beim Evangelium. Sie bezeugen mit ihrem Dienst, dass es die alten Texte wert sind, heute noch vorgetragen und angehört zu werden. Sie leihen den Texten ihre Stimme, und der je eigene Stimmklang macht ihr persönliches Beteiligtsein hörbar.

 

„Selig, wer vorliest und wer zuhört ..."

Im Gottesdienst aus den heiligen Schriften vorzulesen, ist altes jüdisches Erbe, wie die Geschichte von Esra und andere biblische Erzählungen zeigen. Auch Jesus wird uns als Vorleser in der Synagoge beschrieben (Lukas 4,16-21; der Text wird am 3. Sonntag C zusammen mit Nehemia 8,1-12 gelesen). Nach biblischem Verständnis ist Lesen primär Vorlesen und damit ein soziales Geschehen: Die Heiligen Schriften soll man nicht nur für sich allein meditieren, sondern verkündigend weitergeben. So begegnet uns Jesus im Neuen Testament zwar als einsamer Beter, nie aber als einsamer Leser. Die Ausnahme bildet in der Apostelgeschichte der Kämmerer, ein Nicht-Jude, der für sich allein das Buch Jesaja liest (8,26-40). Doch auch er liest laut, er liest sich also selber vor – versteht jedoch nicht, was er liest, bis Philippus ihm die Stelle deutet. Stummes, rein gedankliches Lesen ist eine Erfindung der Neuzeit.

 

Wo aus den Heiligen Schriften vorgelesen wird, treten die Texte in einen Dialog. Es entsteht eine Glaubensgemeinschaft als Lese- und Hörgemeinschaft, denn der Glauben kommt vom Hören (Römer 10,17). Eine solche Gemeinschaft hat Johannes vor Augen, wenn er zu Beginn seiner Offenbarung diejenigen seligpreist, die seine prophetischen Worte lesen und hören und sich daran halten (1,3).

 

Lektoren sind Vor-lesende und Vor-hörende

Das griechische Wort für „lesen" im Neuen Testament bedeutet auch „wiedererkennen". Wer den biblischen Text im Gottesdienst vorliest, erkennt ihn wieder, weil er sich bereits damit befasst hat. Die Lektorinnen und Lektoren haben den Zuhörenden etwas voraus. Sie sind auch in diesem Sinn Vor-lesende, die ersten Hörenden des Wortes. Darum sollen sie in der Vorbereitung ihres Dienstes (allein oder in der Gruppe) den Text mehrmals laut lesen, sich von ihm ansprechen lassen und sich mit seiner Grundaussage vertraut machen. Es geht darum, die Musik hinter dem Text und den leidenschaftlichen Gott hinter den menschlichen Worten für sich zu entdecken, um die Botschaft an die Zuhörenden weitergeben zu können.

 

Damit die Verkündigung biblischer Texte in der Liturgie ihr Ziel erreicht, braucht es mehrere Akteure: Jene, die die Lesungen überzeugend und gut vortragen, jene die sie zu deuten wissen sowie jene, die ganz Ohr sind für den Zuspruch Gottes. Ebenso wichtig aber ist ein weiterer Akteur: der Heilige Geist. Er gibt das rechte Verstehen, ihm dürfen wir es überlassen, wie und wann das Wort Gottes auf guten Boden fällt und Frucht bringt.

 

Josef-Anton Willa

Stichwort

  • Lektor: Liturgischer Laiendienst seit dem 2. Jh.; ab dem 3. Jh. Weihegrad der Kleriker; ab dem 10. Jh. Vorbereitungsstufe zur Priesterweihe ohne besondere Funktion
  • Seit dem 2. Vatikanischen Konzil wieder ein eigenständiger liturgischer Dienst von dazu beauftragten Laien, der zur Grundform der Messe gehört
  • Aufgaben des Lektors / der Lektorin: Vortrag aller Schriftlesungen (ausser dem Evangelium), allenfalls des Antwortpsalms und der Anliegen des Fürbittgebets in der Eucharistiefeier; Vortrag von Schriftlesungen in anderen Gottesdiensten

Geistlicher Impuls

„Es darf als eine Regel des rechten Schriftlesens angesehen werden, dass der Vorlesende sich niemals mit dem in der Schrift redenden Ich identifizieren soll. Nicht ich zürne, sondern Gott zürnt, nicht ich tröste, sondern Gott tröstet, nicht ich ermahne, sondern Gott ermahnt in der Schrift. Freilich, dass es Gott ist, der zürnt, tröstet, ermahnt, das werde ich ja nicht in gleichgültiger Monotonie, sondern nur mit innerster Beteiligung als ein solcher sagen können, der sich selbst angeredet weiss, aber es wird eben den ganzen Unterschied des rechten und des falschen Schriftlesens ausmachen, dass ich mich nicht mit Gott verwechsle, sondern ihm ganz schlicht diene. Sonst werde ich rhetorisch, pathetisch, rührselig oder treiberisch, d.h. ich lenke die Aufmerksamkeit des Zuhörenden auf mich statt auf das Wort; das aber ist die Sünde des Schriftlesens. Wenn man es an einem profanen Beispiel verdeutlichen könnte, so käme die Situation des Schriftlesenden wohl derjenigen am nächsten, in der ich einem andern den Brief eines Freundes vorlese. Ich werde den Brief nicht so lesen, als hätte ich selbst ihn geschrieben, die Distanz wird beim Lesen deutlich hörbar sein, und ich werde den Brief meines Freundes doch auch nicht vorlesen können, als ginge er mich nichts an, sondern in persönlicher Beteiligung und Beziehung."

 

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

 

Facts

74790886857641597180

„Die gottesdienstliche Versammlung braucht Lektoren bzw. Vorleser. Daher soll man dafür sorgen, dass geeignete Laien zur Verfügung stehen, die zu diesem Dienst bereit sind. Stehen mehrere Lektoren bzw. Vorleser zur Verfügung und sind mehrere Lesungen vorzutragen, soll man diese unter ihnen aufteilen."

 

Pastorale Einführung ins Messlektionar Nr. 52

 

„Der Lektor – auch wenn er Laie ist – hat in der Eucharistiefeier eine eigene Aufgabe, die er auch dann ausüben soll, wenn Mitwirkende der höheren Weihegrade anwesend sind. Da die Gläubigen beim Hören der Schriftlesungen deren lebendige Kraft erfahren sollen, ist es notwendig, dass die Lektoren für die Ausübung dieses Dienstes ... geeignet und gut vorbereitet sind."

 

Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 66

 

Links

75014692399628322816Lektionare für den Vortrag der Lesungen in der Messe

 

Zur Leseordnung

 

Die aktuellen Lesungen mit Gliederung in Sprechzeilen

 

Lesehilfen für Lektorinnen und Lektoren zu allem Lesungen

 

Grundregeln für den Lektorendienst