Codex aureusHerr, ich bin nicht würdig

"Du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen."

Wir lassen uns unserer Würde nicht berauben. Recht so! Die Liturgie tastet die Menschenwürde keineswegs an. Sie rührt jedoch an ihre Fundamente: die Beziehung zu Gott.

 

Ist es ein Widerspruch, wenn in jeder Messe die Worte fallen „Herr, ich bin nicht würdig", das Tagesgebet der Weihnachtsmesse aber sagt: „du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt"? Sieht die Liturgie den Menschen nun als unwürdig oder als würdig an? Beides gleichzeitig scheint nicht zu gehen.

 

Das Wort und der Glaube: der Hauptmann von Kafarnaum

Die Worte, die vor dem Kommunionempfang von Priester und Gläubigen gemeinsam gesprochen werden, gehen zurück auf die Erzählung vom Hauptmann von Kafarnaum, einem Heiden, einem Militär. Seine Logik ist die von Befehl und Gehorsam: „Sage ich nun zu einem (Soldaten): Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er." (Matthäus 8,9) Der Hauptmann von Kafarnaum ist keine Untertanengestalt. Wenn er mit Jesus spricht, ihn bittet, seinen Diener zu heilen, dann bringt er mehr ins Spiel als das Gegenüber von Herr und Knecht, auch wenn es dem ersten Anschein nach genau darum geht: „Herr, ich bin es nicht wert (lat. dignus=würdig), dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund."

 

Das Wort, das er von Jesus erwartet, ist kein militärischer Befehl, dem die Mächte der Krankheit zu weichen hätten. Jesus versteht ihn nämlich anders, wenn er zu den Umstehenden sagt: „Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden." (Matthäus 8,10) Das Wort, das der Hauptmann hören möchte, und der Glaube, den Jesus bei ihm entdeckt, entsprechen sich. Es geht hier um ein Wort, das mehr ist als nur irgendein Menschenwort. Durch das Wort hatte Gott die Welt geschaffen. Durch sein Wort an die Väter Israels und an die Propheten führte er Israel immer wieder aus Not, Elend, Unfreiheit heraus. Im Wort der Thora, der Weisung zum Leben, begegnet Gott den Frommen. Diesem Wort begegnet der heidnische Hauptmann in der Person Jesu. Eben deshalb erkennt Jesus in seinem Verhalten einen Akt des Glaubens. Wenn der Hauptmann bekennt: ich bin nicht wert, ich bin nicht würdig, dann weil er gewahr wird, dass er nicht vor irgendeinem Menschen steht, sondern dass er an Gott gerät, wenn Jesus zu ihm kommt.

 

Würde und Gotteserfahrung: Jesaja und Petrus

Was passiert, wenn Menschen an Gott geraten? Jesaja erschreckt zutiefst, als er sich vor dem lebendigen Gott wiederfindet: „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und leben mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen." (Jes 6,5) Der Prophet weiss nicht nur mit dem Verstand, dass Gott und Mensch sich unterscheiden, er spürt im Augenblick der Entrückung vor den himmlischen Thron die Differenz zwischen sich als Mensch und dem Allmächtigen. Das dürfte nicht so fern liegen von dem Ausruf des Hauptmanns von Kafarnaum: ich bin es nicht wert, ich bin nicht würdig. Doch Jesaja ist nicht verloren. Ein Seraf kommt zu ihm, Jesaja hört die Stimme Gottes, spricht sogar mit ihm und wird gewürdigt, zum prophetischen Wort an das Volk Gottes. Vielleicht könnte man auch von Jesaja sagen: du hast ihn in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert.

 

Petrus ist es nicht besser ergangen als Jesaja. Nach dem wunderbaren Fischzug fiel er Jesus vor die Füsse und sagte: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder." (Lukas 5,8) Ihn befällt der Schrecken, er erkennt vor Jesus stehend, dass ihm eine Gottesbegegnung widerfährt. Er wird des Unterschieds zwischen Schöpfer und Geschöpf inne. „Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen." (Lukas 5,10) Petrus wird nicht kleiner in der Begegnung mit Jesus, sondern grösser. Der Ausruf seiner Unwürdigkeit als Sünder zieht keine Degradierung, Demütigung, Strafe oder was sonst immer Menschen sich in solchen Situationen einfallen lassen, nach sich. Im Gegenteil: Sein Schrecken wird ihm genommen, er gerät an einen Liebenden und wird zum Apostel, zum Boten des Wortes Gottes. Auch Petrus wird also in seiner Würde wunderbar erneuert.

 

Anbetung und Würde

Es geht also um etwas, was für die Gottesbeziehung des Menschen fundamental ist. Romano Guardini sagt das in seiner Schrift „Vorschule des Betens" so:

 

"Wenn die Anbetung nur sagte: 'Ich beuge mich vor Dir, weil Du stärker bist als ich', so wäre das schwach und im Letzten unwürdig. Sie sagt aber: 'Ich tue es, weil Du dieses Sich-Beugens würdig bist. Ich habe erkannt, dass Du nicht nur Wirklichkeit, sondern auch Wahrheit; nicht nur die Macht, sondern auch das Gute; nicht nur Wucht und Gewalt, sondern auch der unendliche Wert und der Sinn einfachhin bist.'

 

Im Menschendasein fallen weithin Macht und Recht, Kraft und Wert, Wirklichkeit und Wahrheit auseinander. Dadurch wird dieses Dasein so fliessend und fragwürdig. ... In Gott ist es nicht so. Wo immer ein Mensch Ihm begegnet, findet er in seiner Macht auch das Recht, in seiner Grösse die Würdigkeit. ... Einen Gott, der nur all-wirklich und allmächtig wäre, könnte der Mensch nicht anbeten. Er wäre unfähig, Ihm zu widerstehen, würde Ihm sofort und rettungslos unterliegen, müsste Ihm aber, um der Würde der eigenen Person willen, die Anbetung verweigern."

 

Liturgie und Würde

Das Bekenntnis „ich bin nicht würdig" richtet sich nicht an eine menschliche Instanz – das ist entscheidend, denn Menschen gehen mit solcherlei Dingen mitunter nicht gut um, versuchen womöglich sogar, Menschen ihre Würde zu nehmen. Vor Gott ist das nicht so. Den Unterschied zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf zu erkennen und im Wort zu ihm auch anzuerkennen, macht den Menschen grösser. Nicht durch das Aussprechen allein, sondern weil Gott sich ihm zusagt in Wort und Sakrament: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund."

 

Dieses Wort ist Jesus selbst, der vor dem Hauptmann vor Kafarnaum steht, der sich selbst in der Eucharistie schenkt. In der Lesung der Weihnachtsmesse (am Tag, am 25.12.) heisst es im Evangelium: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit." (Johannes 1,14) Weil das Wort Fleisch geworden ist, unsere menschliche Natur, unsere Form oder unser Format angenommen hat, heisst es im Tagesgebet, dass wir in unserer Würde noch wunderbarer wiederhergestellt (reformasti) sind. In der Begegnung mit ihm werden wir in unserer Würde re-formiert, gewinnen wir von ihm her an Format - Weihnachten, in jeder Eucharistiefeier, in Liturgie und Leben. Leo der Grosse (gestorben 461) hat in einer seiner Weihnachtspredigten den Hörerinnen und Hörern zugerufen: „Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde."

 

Gunda Brüske

 

Stichwort

  • Worte des Hauptmanns von Kafarnaum (Matthäus 8,8)
  • seit dem 10. Jahrhundert als Gebet vor der Kommunion gesprochen
  • später dreimal vom Priester und dreimal vom Volk gesprochen, dazwischen Kommunion des Priesters
  • heute: gemeinsames Gebet von Priester und Volk, einmal gesprochen
  • freie Übertragung: "Christus Jesus, mein Bruder und mein Herr, ich bin nicht imstande, dich bei mir aufzunehmen, doch schon ein Wort von dir schenkt mir Frieden mit den Menschen und göttliches Heil!" (SKZ 2002)

Geistlicher Impuls

"Obwohl die Worte des Hauptmanns ursprünglich nicht eucharistisch gemeint waren, wurden sie in der Tradition doch als geeignete Formulierung für das Empfangen Christi in den eucharistischen Gestalten angesehen. Das Kommen des Herrn, ja selbst sein blosses Sprechen genügt, dass Kranke gesund werden. Jeder Gläubige weiss, dass auch er krank an seiner Seele ist; er ist angewiesen auf Gottes Barmherzigkeit und die heilenden Worte in Christus, dem einzig wahren Arzt. Der Gläubige weiss sich unwürdig, Christus zu empfangen; aber viel mehr als das Sich-unwürdig-Wissen bewirkt das heilende Wort des Herrn. Eben dieser Glaube an die rettende Macht des Wortes und der Gegenwart Christi kommt zum Ausdruck in all denen, die an der Eucharistie teilnehmen und den Herrn empfangen wollen."

 

Jo Hermans (1984)


Facts

Hat der Priester das Gebet beendet, macht er eine Kniebeuge, nimmt die Hostie, hält sie etwas über die Schale empor und spricht zur Gemeinde gewandt: „Seht das Lamm Gottes." Gemeinsam mit der Gemeinde spricht er dann einmal: "Herr, ich bin nicht würdig."

 

Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 115