Engel mit Seraph thumbSanctus

„Dem Himmel ist das Singen zu eigen"

„Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien, dem Himmel das Singen zu eigen." (Gandhi) Schweigen führt den Menschen in die Tiefe. Im Schreien widerspricht er Not und Ungerechtigkeit. Das Singen öffnet ihm die Weiten des Himmels.

 

Als Mensch in der himmlischen Sphäre: Jesaja

Diese dritte Dimension kommt im Gesang des Sanctus der Messe besonders deutlich zum Tragen. Zwei Bibelzitate (Jes 6,3; Ps 118,26) verbinden sich darin zu einem Lobruf der gottesdienstlichen Gemeinde innerhalb des grossen Dankgebetes der Eucharistie. Mit dem Propheten Jesaja stehen wir ehrfürchtig vor Gott und staunen über seine Grösse und Erhabenheit, die menschliches Ermessen übersteigt: „Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er sass auf einem hohen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füsse, und mit zwei flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf, und der Tempel füllte sich mit Rauch." (Jes 6,1–4)
Der erste Teil des Sanctus (hebräisch kadosch = lateinisch sanctus = heilig) geht zurück auf diese Vision. Der Ruf der Serafim, das sind geheimnisvolle, geflügelte Engelswesen, fand schon im jüdischen Synagogengottesdienst Verwendung. Wenn in späterer Zeit das Achtzehnbittengebet (die Amida) in einer jüdischen Gemeinde gemeinsam gebetet wurde, war es traditionell üblich, sich beim Aussprechen des kadosch, kadosch, kadosch dreimal leicht auf die Zehenspitzen zu stellen. Damit deuteten die Betenden an, das sie sich mit diesen Worten den Engeln im Himmel nähern, denn wie die Engel im Himmel verkündet diese jüdische Gemeinde die Heiligkeit Gottes.

 

Engel und Menschen in der himmlischen Sphäre: die Liturgie

Bereits in den ersten Jahrhunderten wurde dieser Ruf in den Liturgien des Ostens (4. Jh.) und Westens (5. Jh.) ein Teil des Hochgebets: „Heilig, heilig, heilig, Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit." Der Saum seines Gewandes füllte in der Vision des Jesaja den Tempel aus: Gottes Gegenwart ist so überschwenglich, dass der Tempel zu klein erscheint, um davon ganz ausgefüllt zu werden. Seine Gegenwart reicht in ganz andere als rein menschliche Daseinsbereiche. Im Singen übersteigt der Mensch sich selbst. So kann er im Sanctus in den gewaltigen Gesang der Engel einstimmen, die einander unablässig die Heiligkeit Gottes zurufen, so dass die Türschwellen des Tempels erzittern. Unser Gesang erreicht den hier und jetzt auch in der Feier der Liturgie gegenwärtigen Gott. Himmel und Erde verbinden sich, wenn die feiernde Gemeinde das Sanctus singt. Wenn wir in dieses immerzu in der Gegenwart Gottes erklingende Sanctus einstimmten, dann stehen wir mit den Engeln und Heiligen in seiner Gegenwart – und das ist immer schon ein Stück Himmel auf Erde.

 

Christus öffnet uns den Weg in die himmlischen Liturgie ...

Wenn in der Adventszeit mit den vielen leuchtenden Sternen die Dunkelheit unserer Nächte erleuchtet wird, dann kommt die Sehnsucht der Menschen zum Ausdruck, sich ein Stück Himmel auf die Erde zu holen. Und genau dies geschieht in der Eucharistiefeier. Denn in jeder Eucharistiefeier erinnern wir uns, dass Gott mit seiner Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt. Durch die Ankunft Jesu Christi in dieser Welt, hat sich für die Menschen so das Tor zum Himmel geöffnet, in den uns Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung hineinführen will. In der Offenbarung des Johannes rufen vier Wesen: „Heilig, heilig, heilig, ist der Herr, der Gott der Herrscher über die ganze Schöpfung; er war, und er ist, und er kommt." (Offb 4,8) Der Sanctus-Ruf lässt die gottesdienstliche Gemeinde erfahren, dass sie jetzt selber auch vor dem Thron Gottes und Jesus Christus steht. Denn wir beteiligen uns beim Sanctus-Gesang am Lobpreis, den die „himmlischen Scharen" ohne Unterbruch Gott darbringen. Das Sanctus stiftet so eine Raum und Zeit übergreifende Chorgemeinschaft. Es ist Vorbild für all unser Singen, denn es hat kein anderes Ziel als die überschwängliche Freude der Geschöpfe an Gott zum Ausdruck zu bringen.

 

... und kommt in unsere Mitte

Zum Ausruf des Sanctus erhört von den Anfängen seiner liturgischen Verwendung an ein weiteres Bibelwort. Beim Einzug Jesu in Jerusalem begrüssen ihn die Menschen mit dem Jubelruf des Hosanna: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!" (Mt 21,9 mit Ps 118,26) „Hosanna" heisst übersetzt „bring Hilfe" (vgl. Psalm 118,25). In der Liturgie erklingt der Ruf heute so: Hosanna in der Höhe. Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe. Diesen Teil des Sanctus hat man deshalb auch als Benedictus (benedictus = gesegnet, hochgelobt) bezeichnet.
Wenn die betende Kirche singt: „hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn", dann drückt sie damit aus, dass sie sehnsüchtig die Wiederkunft Christi erwartet. Die zum Gebet Versammelten wissen aber, dass Christus ihnen auch in der Eucharistiefeier in der Gestalt des Brotes und des Weines, in seinem Leib und Blut, geschenkt wird. Er kommt hinein in das „Jetzt" und verbindet Himmel und Erde bis er wiederkommt „im Namen des Herrn".

 

Sanctus-Lied oder Re-Zitation der Bibelworte?

Das Sanctus ist deshalb nicht einfach ein Lied, das beliebig durch andere Liedtexte ersetzt werden kann, sondern es ist wie die deutschen Sanctus-Gesänge im Katholischen Gesangbuch der deutschprachigen Schweiz (Nr. 104-109, 111-114, 116-117) ein gesungener Zuruf, der gerade auch das alte mit dem neuen Testament verbindet und auf unsere jüdisch-christlichen Wurzeln verweist. Bedeutsam ist, dass das Sanctus ein Gesang, ein Zuruf ist, obwohl es aus mehreren Bibelworten zusammenwuchs. Durch das Rezitieren unserer Vorgänger im Glauben – Jesaja, die Menschen in Jerusalem beim Einzug Jesu – treten wir in die Gegenwart Gottes (dazu mehr links im Geistlichen Impuls). Die Worte, die in der Liturgie gesprochen oder gesungen werden, sind deshalb nicht beliebig. Sie lassen sich nicht immer einfach gegen neue Worte austauschen.

 

Teil des Eucharistischen Hochgebets

Das Sanctus ist integraler Bestandteil des Eucharistischen Hochgebets. Im Sanctus wie im ganzen Hochgebet wird der Vater angeredet. Im Heiligen Geist sind himmlische und irdische Welt zueinander vermittelt: Die Menschen nehmen schon jetzt am Lobpreis der himmlischen Heerscharen teil.
Im Hochgebet wie im Sanctus finden wir dieselben Personen: Engel und Menschen, den Vater und Christus. (Der Heilige Geist ist immer dabei, weil alles Beten und Bekennen immer im Geist geschieht.) Die Präfation nämlich, die dem Sanctus vorausgeht, endet mit einem Satz wie diesem: „Durch ihn (das ist Christus) rühmen dich (den Vater) deine Erlösten und singen (hier und heute) mit den Chören der Engel (so wie einst in den Visionen Jesajas und des Seher von Patmos) das Lob deiner Herrlichkeit: Heilig, heilig, heilig ...". Nach dem Sanctus bleiben es dieselben Personen: Der Vater, an den sich das ganze Hochgebet richtet durch Christus im Heiligen Geist – und die Menschen. (Ein Engel wird noch einmal ausdrücklich im 1. Hochgebet genannt).

 

Wieder auf der Erde landen

Das Sanctus - gesungen im Bewusstsein, dass wir es zusammen mit den „himmlischen" Chören tun - öffnet uns so den Himmel, aus dem wir Kraft für unsere irdische Pilgerschaft schöpfen dürfen. Es weist den Menschen über sich hinaus und lässt ihn schon jetzt ein Stück Himmel kosten. Kann er dort im Himmel bleiben? Jesaja wird nach der Vision der Engel und dem Hören ihres Gesanges von Gott zu prophetischer Verkündigung gesandt. Wer heute ins das Sanctus einstimmt und Christus in der Eucharistie empfängt, bleibt auch nicht in der himmlischen Sphäre, sondern darf und soll Frucht bringen im alltäglichen Leben. Der Ausruf benedictus in Psalm 118 mündet in einen Segenszuspruch: „Gesegnet der kommt im Namen des Herrn. Wir segnen euch vom Haus des Herrn her. Gott, der Herr, erleuchte uns." (Ps 118,26-27) Am Ende der Messe wird allen nach dem Schlusssegen zugerufen: „Gehet hin in Frieden", das heisst: Geht, auch ihr seid gesendet.

 

Jürg Stuker / Josef-Anton Willa

 

Stichwort

  • seit dem 4./5. Jh. wesentliches Element des Hochgebets
  • biblisch: vgl. Jes 6,3 u. Ps 118,26
  • zahlreiche Kompositionen

Stichwort

Liedportrait (1): „Heilig, heilig, heilig" von Oliver Sperling von Prof. Dr. Meinrad Walter

 

Komposition Noten

 

Geistlicher Impuls

„Etwa 25 Jahre war Jesaja alt, als er, um das Jahr 740 vor Christus, zum Propheten berufen wurde. Er schaut Jahwe selbst, über dem Tempel thronend, umgeben von seinem Hofstaat, und er vernimmt, wie dieser vor der aufzehrenden Allheiligkeit Jahwes seine Existenz rettet: die Serafim rufen einander unaufhörlich mit einer Kraft, die die Grundmauern des Tempels erbeben lässt, zu, was sie sehen und nun bekennen: Jahwe ist heilig (Jes 6,1-4). Diesen Bekenntnisruf des Hofstaates um Jahwe nimmt die Gemeinde Gottes als ihren eigenen Bekenntnisruf auf, das Prophetenbuch zitierend ..., weil mittels des Rollenzitates die Liturgiegemeinde sich selbst definiert: Sie steht jetzt an der Stelle der Serafim, der Ort ihres Gottesdienstes ist der Himmel, die Gegenwart Gottes selbst, Erde und Himmel sind geeint, und wer in der Gemeinde mitfeiert, ist nicht mehr sündiger und gottferner Mensch, er ist wie der Prophet Gott Schauender, wie die Serafim ein Gott Bekennender, er ist, als Mensch in der Zeit, den rettenden Heilstaten Gottes Gleichzeitiger und darf sich als solcher mittels des Rollenzitates, definieren – nicht in abstrakter ... Belehrung, sondern im Mitspielen einer Geschichte, die zu stiften Gott niemals mehr aufhört, solange es Menschen gibt."

 

Angelus Albert Häussling (1991)

 

Facts

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AEM Nr. 55. Als wichtige Elemente des eucharistischen Hochgebetes gelten:
b) Sanctus-Ruf: Die gesamte Gemeinde vereint sich mit den himmlischen Mächten und singt oder spricht das Sanctus. Dieser Ruf ist Teil des eucharistischen Hochgebetes und wird von allen gemeinsam mit dem Priester vorgetragen.