VersoehnungVersöhnungshochgebet

"Damit wir zu dir und zueinander finden."

Eine Beziehung bekommt Risse. Sie zerreisst. Es zerreisst mich. Die Tonleiter gestörter Beziehungen. Lässt sie sich transponieren? In die Tonlage Versöhnung?

 

Versöhnung: ein grosses Wort. Frieden nicht weniger. Jenes Hochgebet, über dem das Wort „Versöhnung" steht, nimmt solche grossen Wörter in den Mund. Und es malt Bilder der Sehnsucht: Feinde sprechen wieder miteinander, Gegner reichen sich die Hände, Völker suchen einen Weg zueinander. Auch aus dem kirchlichen Versöhnungsvokabular fliessen starke Worte ein: Verzeihung, Vergebung, Gottes Erbarmen, der Geist der Einheit, der wegnimmt, was trennt. Die Sprache dieses Hochgebets kommt modernem Empfinden weiter entgegen als andere. Sein Gottesbild auch.

 

Versöhnungshochgebet - schon mal gehört?

Und trotzdem: Das Hochgebet Versöhnung scheint nicht sehr bekannt zu sein. Es wird seltener gesprochen als andere Hochgebete. Vielleicht weil es nicht im Messbuch steht, sondern in einem Ergänzungsheft (siehe rechte Spalte). Vielleicht, weil die Feiern, bei denen es verwendet werden kann, eher – wenn auch nicht ausschliesslich – an Werktagen stattfinden: Gottesdienste mit Buss- und Versöhnungscharakter (z.B. in der Fastenzeit) oder Anlässe wie eine Wallfahrt oder geistliche Zusammenkunft. Trotzdem und weil es nicht sehr bekannt ist, lohnt es das einmal nachzulesen. Und auch weil manche Priester gerne zwischen mehr Hochgebeten auswählen möchten, als im (Altar-)Messbuch stehen.

 

Der Mensch dem Menschen ein Wolf

Das Versöhnungshochgebet unterscheidet sich im Aufbau nicht von anderen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus der liturgischen Tradition heraus neu geschaffenen Hochgebeten: den Hochgebeten 2-4 also, den oft „Schweizer Hochgebet" genannten, den Hochgebeten für Messen mit Kindern. Aber es fängt schon anders an, als „Lied vom Versöhnung schenkenden Gott" (H. Rennings) in der Präfation:

 

„Wir danken dir, Gott, allmächtiger Vater,
und preisen dich für dein Wirken in dieser Welt
durch unseren Herrn Jesus Christus:

 

Denn inmitten einer Menschheit,
die gespalten und zerrissen ist, erfahren wir,
dass du Bereitschaft zur Versöhnung schenkst.

 

Dein Geist bewegt die Herzen, wenn
Feinde wieder miteinander sprechen,
Gegner sich die Hände reichen,
und Völker einen Weg zueinander suchen.

 

Dein Werk ist es, wenn
der Wille zum Frieden den Streit beendet,
Verzeihung den Hass überwindet
und Rache der Vergebung weicht."
(Es folgt die Überleitung zum Sanctus.)

 

In anderen Hochgebeten danken und erinnern die Versammelten an dieser Stelle Ereignisse, bei denen Gott in biblischen Zeiten den Menschen Gutes getan hat. Darin zeigt er sich als Gott für die Menschen – damals und heute. Genau dieses Moment seiner bis heute fortdauernden Gegenwart, sein nicht nachlassendes Wirken in der Welt beschreibt das „Lied der Versöhnung". Diese Welt, das sind konkret die Konflikte zwischen Menschen. Zerreissproben und Feindschaft sind Orte, an denen er hier und heute die Dinge zum Besseren wendet.

 

Wer oder was treibt Menschen zur Versöhnung?

Kommt das Handeln des Menschen in diesem Gotteslied nicht zu kurz? Miteinander sprechen und sich die Hände reichen, das müssen schliesslich Menschen tun. Ja, aber sie ergreifen diese Möglichkeit nicht immer aus eigener Kraft. Wut, Verletzungen, Enttäuschung und anderes sind oft genug stärker. Christeninnen und Christen begreifen es deshalb als eine Initiative von Gott her, wenn in ihnen die Kraft wächst, gegen alle menschlichen Widerstände oder Grenzen Hass und Rache zu überwinden. „Denn du kommst unserem Tun mit deiner Gnade zuvor" hatte Paul Michael Zulehner vor Jahren ein Buch betitelt. Du schenkst die Bereitschaft zur Versöhnung, heisst es im Versöhnungshochgebet.

 

Störungsfälle in der Gottesbeziehung

Krisenhafte Konflikte zwischen Menschen sind das eine. Menschen sind nicht immer und in jeder Hinsicht mit Gott versöhnt. Das ist das andere. Nach dem Sanctus wird das quasi als zweite Strophe des „Lieds vom Versöhnung schenkenden Gott" aufgenommen. Von Christus wird gesagt:

 

„Er ist dein rettendes Wort für uns Menschen.
Er ist die Hand, die du den Sündern entgegenstreckst.
Er ist der Weg, auf dem dein Friede zu uns kommt.

 

Gott, unser Vater,
als wir Menschen uns von dir abgewandt hatten,
hast du uns durch deinen Sohn zurückgeholt.
Du hast ihn in den Tod gegeben,
damit wir zu dir und zueinander finden."

 

Sakrament der Versöhnung

Die letzte Zeile fasst die beiden Strophen zusammen: Versöhnung zwischen Gott und den Menschen und Versöhnung zwischen Menschen, das gehört zusammen. Dieses Zusammenspiel zeigt sich, wenn man eine Aussagenreihe der ersten Strophe mit einer der zweiten verbindet mit einem begründenden „denn":

    • Dein Geist bewegt die Herzen, wenn Feinde wieder miteinander sprechen. (Denn:) Er ist dein rettendes Wort für uns Menschen.
    • ... wenn Gegner sich die Hände reichen. (Denn:) Er ist die Hand, die du den Sündern entgegenstreckst.
    • ... wenn Völker einen Weg zueinander suchen. (Denn:) Er ist der Weg, auf dem dein Friede zu uns kommt.

Christus als Wort, Hand, Weg ist das Fundament der Versöhnung. „Damit wir zu dir und zueinander finden." Die Feier der Eucharistie erinnert dieses Fundament und erneuert es immer wieder. Die Eucharistie ist Sakrament der Versöhnung. Dieses Hochgebet zeigt das eindrücklich.

 

Gunda Brüske

 

Stichwort

  • urspr. für das hl. Jahr 1975 unter dem Thema "Versöhnung", danach weiterhin in Geltung gesetzt
  • 2 Hochgebete Versöhnung: urspr. eines im Original französich, das andere deutsch; im deutschen Sprachgebiet wurde nur das in deutscher Sprache in Geltung gesetzt - in anderen Ländern auch beide
  • Missale Romanum 2002: das lateinische Messbuch hat beide Versöhnungshochgebete, das heisst: bei einer Neuübersetzung wird es in allen Sprachen beide geben.
  • Aufbau der Versöhnunghochgebete: wie die anderen nach dem II. Vatikanum geschaffenen.

Wider-Worte

"Wieso landen diese diskussionen bei Gott? Versöhnung ist irdisch, allgegenwärtig und die boje für alle, die überleben wollen! Wer sich nicht an der versöhnung festhält, hat keinen lebensmut! Wer sich versöhnen kann, kann liebe empfangen und zu sich selber finden." (Internet)

 

Geistlicher Impuls

Herr aller Mächte und Gewalten

 

"Diese Anrede (aus dem vorhergehenden Sanctus) hat im Zusammenhang des Versöhnungsgedankens aber noch eine besondere Bedeutung. Von Christus wird gesagt, dass er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet und seine Herrschaft dem Vater übergibt (vgl. 1. Korintherbrief 15,24). Die - im neutestamentlichen Sinne verstandenen - Mächte und Gewalten sind es gerade, die die Versöhnung blockieren. Die Gottesanrede lässt somit seine Überlegenheit über sie als Ausgang der Versöhnung erkennen."

 

Heinrich Rennings (1926-1994)

 

Facts

fuenf hochgebete

Fünf Hochgebete. Hochgebet zum Thema "Versöhnung". Hochgebete für Messfeiern mit Kindern. Studienausgabe ... Nachdruck 2010. Bestellung über den Buchshop

 

"Die Hochgebete zum Thema 'Versöhnung' können verwendet werden, wenn der Gottesdienst unter dem besonderen Gedanken der Versöhnung und der Busse steht, vor allem in der Fastenzeit, bei Wallfahrten und geistlichen Zusammenkünften."

 

Aus dem Rundschreiben der Kongregation für die Sakramente und den Gottesdienst zu den Hochgebeten Versöhnung und den Kinderhochgebeten (1977)