Lamm Isenheimer Altar thumbVersöhnung durch das Opfer des Lammes

Hingabe ist ziemlich verrückt

Wieso ist die Hostie ein Lamm? Was heisst da Sühne und Opfer? Oder: Warum das Opfer eine Kommunikationsform ist.

 

 

„Schau gütig auf die Gabe deiner Kirche. Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat." Diese Worte hören die Gläubigen, wenn in der Messe das dritte Hochgebet gesprochen wird. Ähnlich ist es in den anderen Hochgebeten. Vor der Kommunion erklingen noch einmal ähnliche Worte: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt." Dabei hält der Priester die Hostie ein Stück erhoben über der Schale: die weisse Hostie und das weisse Lamm werden durch Sprechen und Tun symbolisch miteinander identifiziert.

 

Johannes der Täufer und das Lamm

Ursprünglich steht das im Johannesevangelium (1,29): Johannes, der am Jordan taufte, sieht Jesus auf sich zukommen und spricht genau diese Worte. Vom Kreuz ist dabei gar nicht die Rede und die Eucharistie spielte da auch noch keine Rolle. Trotzdem konnte und musste sich ein Zusammenhang herstellen, sobald Christen die Ereignisse von Kreuz und Auferstehung mit dem Vorverständnis meditierten und erzählten, das sie aus ihrer Bibel, den Schriften des Ersten Testaments gewannen. Die Schriften des Neuen Testaments zeigen, dass Paulus, die Evangelisten, der Autor des Hebräerbriefs und der Johannesoffenbarung darüber nachdachten, wie der Tod Jesu als eine Gabe für die Menschen zu verstehen ist, was sich in der Gottesbeziehung dadurch verändert und wie spätere Generationen mit diesem ein für allemal in historischer Zeit geschehenen Ereignis verbunden werden können.

 

Ausschnitt aus dem Isenheimer AlterAuch Matthias Grünewald gibt mit seiner Bildsprache eine Antwort darauf. Er setzt ins Bild, wie Johannes und Jesus sich zueinander verhalten, indem er Johannes mit einem Zeigefinger ausstattet, der beinahe so gross ist wie sein eigener Kopf. Johannes zeigt auf den Gekreuzigten. Unter dem Zeigefinger befindet sich ein Lamm mit Kreuzstab und einer Wunde, aus der Blut in einen Kelch tropft. Grünewald zeichnet offensichtlich keine historischen Gegebenheiten nach – der Täufer ist bereits tot, als Jesus gekreuzigt wird –, obwohl seine Malweise äusserst realistisch ist. Seine Darstellung beschönigt das Grauen dieses Todes nicht. Und er setzt doch ein kleines weisses Lamm an eine signifikante Stelle des Bildes. Wie die Texte der Messe verweist dieses Bild auf den Zusammenhang von Sünde und Versöhnung, Blut und Opfer – und damit auf einen heute nicht mehr leicht nachzuvollziehenden religiösen Handlungskomplex. Um dem Verstehen näherzukommen, fängt man am besten mit Johannes dem Täufer an, der ja auch in der Messe re-zitiert wird, wenn es heisst: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt."

 

Beziehungskrise zwischen den Menschen und Gott

Würde man in heutiger Sprache sagen, wie der Täufer das Verhältnis zwischen dem Volk Israel und seinem Gott ansah, so könnte man vielleicht von einer ungeheuer tief gehenden Zerrüttung sprechen. Eine Beziehungskrise zwischen den Menschen und Gott, wo einfach nichts mehr ging, wo alle Anläufe zu einer Verbesserung im Keim erstickten und die gestörte Beziehung alle und alles in Mitleidenschaft zog – gewöhnlich bezeichnet man eine solche gestörte Gottesbeziehung mit dem Wort Sünde. Man könnte also meinen, das läuft auf Scheidung hinaus. Doch wer könnte eine Ehe zwischen Gott und den Menschen scheiden? Wohl nur Gott selbst. Aber soweit ist es am Ende doch nicht gekommen. Der Ruf des Johannes zur Umkehr und die Ankündigung einer Taufe zur Vergebung der Sünden weckte bei einigen im Volk neue Hoffnung. Sie richtete sich zunächst auf den Täufer selbst. Aber Johannes zeigte von sich weg auf Jesus: „Seht das Lamm Gottes ...".

 

Wie Johannes ruft auch Jesus zur Umkehr – ohne eine neue Hinwendung zum Partner kann es schliesslich keine Hoffnung auf eine Heilung der gestörten Beziehung geben. Das allein hätte nur nicht viel geändert. Jesus setzt vielmehr einen neuen Anfang: indem er sich den Menschen radikal zuwendet, ganz für sie da ist und darin die Nähe Gottes neu erfahrbar werden lässt. Gleichzeitig ist er Gott ganz zugewendet, nichts trennt ihn von Gott, das heisst: die Sünde steht in keiner Weise zwischen ihm und Gott, oder mit anderen Worten: er ist ohne Sünde. Das hat natürlich Auswirkungen. Die einen schöpfen Hoffnung und glauben an diesen Jesus, die anderen sind von der Zerrüttung dermassen infiziert, dass sie sich auf keinen neuen Anfang einlassen können. Der Versuch Jesu, die Hingabe zu den Menschen ganz zu leben – durch die Verkündigung der Reich Gottes Botschaft in Wort und Tat – und zugleich die Hingabe an Gott ganz zu leben, konnte unter den beschriebenen Ausgangsbedingungen kaum anders als konfliktär verlaufen. Die Evangelien berichten hinlänglich ausführlich davon.

 

Eskalation und Opfer

Es ist unwahrscheinlich, dass Jesus selbst nicht gemerkt haben soll, wie das Ganze eskalierte, endgültig mit der Tempelreinigung, so dass er die Möglichkeit eines tödlichen Ausgangs wohl nicht mehr ausschliessen konnte. Er muss sich gefragt haben, ob mit seinem Tod auch seine Botschaft der Nähe Gottes, von ihm gelebt im Dasein für die Menschen, aufzugeben ist und dann das Beziehungschaos zwischen den Menschen und Gott wieder hochkommen würde. Deshalb hält es eine Reihe namhafter Exegeten für wahrscheinlich, dass Jesus selber seinen Tod als Sühnopfer verstanden hat.

 

Opfer und Hingabe hängen sehr eng zusammen: Wer sich hingibt, überschreitet sich, geht über sich hinaus, weil die Sehnsucht verlangt, ganz beim anderen zu sein. Diese Sehnsucht nach Selbstüberstieg auf den anderen, auch auf Gott hin, hat natürlich Grenzen: Niemand kann aus seinem Körper aussteigen, sich aus den seelischen Eigenheiten heraus stehlen oder die Sünde als das von Gott Trennende von sich aus aufheben. Um diese Grenze zu überschreiten, haben Menschen unterschiedlicher Religionen und unterschiedlicher Zeiten ihre Hingabe in etwas von ihnen selbst Verschiedenes hineingelegt und dieses Gott ganz zu eigen gegeben, das heisst: sie haben ein Opfer dargebracht. Das konnte ein Opfertier sein, oder Blumen, die einer Gottheit dargebracht wurden, selbst das Entzünden von Räucherstäbchen oder Kerzen, die sich verzehren, entspricht dieser Logik. Das Opfer ist deshalb universales Medium religiöser Kommunikation.

 

Kommunikation durch Mahl und Opfer

Damit ist nicht gesagt, dass der Gott Israels und der Gott und Vater Jesu Opfer brauchen oder gar verlangen würde! Vielmehr sind es die Menschen, die ihre Kommunikationswege mit dem transzendenten Gott dadurch erweitern. Jesus hatte das nicht nötig. Wollte er allerdings der Beziehung zwischen den Menschen und Gott auf Dauer ein tragfähiges Fundament geben, sollte die Nähe Gottes den Menschen auch nach seinem Tod weiterhin zugänglich sein, dann musste er 1. seinem Tod eine darauf ausgerichtete Deutung geben und 2. eine Kommunikationsform etablieren, wie er die Nähe Gottes zu den Menschen weiterhin zusagen und erfahrbar machen konnte. Jesus wird darüber nicht in der Weise theologisch nachgedacht haben, wie es jetzt gerade an dieser Stelle geschieht. Er hat vielmehr auf das zurückgegriffen, was er von seinen jüdischen Wurzeln her kannte: Ein feierliches Mahl, bei dem über Brot und Wein ein Segen gesprochen wurde – das kannten auch die Jünger, das konnten sie also nach seinem Tod weiterhin tun.

 

Lamm und Gottesknecht

Ein Punkt in dieser Mahlhandlung ist aber neu und genau genommen ungeheuerlich: Jesus legt seine Lebenshingabe am Kreuz vorausdeutend in die Gaben von Brot und Wein hinein. Das ist mein Leib, das ist mein Blut, heisst: das bin ich für euch, an eurer Stelle. Jesus verdichtet seine Hingabe für die Menschen, die sein Leben und seine Botschaft prägt, an dieser Stelle in die Kommunikationsform des Opfers: Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für die vielen (Markus 14,24) zur Vergebung der Sünden (Matthäus 26,28). Jesus hat sich hier wahrscheinlich identifiziert mit dem Gottesknecht aus dem Buch Jesaja: „Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. ... Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. ... Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. ... Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. ... Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich." (Jesaja 53,4-11)

 

Ende der Beziehungskrise

Den eigenen Tod als Sühnopfer zu verstehen und damit die Beziehung zwischen den Menschen und Gott auf ein neues, endgültiges Fundament zu stellen, das ist biblisch betrachtet kein von Gott für die Sünde der Menschen gefordertes Opfer. Vielmehr ist es der Versuch Jesu, seinem Tod einen Sinn zu geben, der die Reich Gottes Botschaft nicht durchkreuzt, der sie in Verbindung mit der Stiftung der Eucharistie vielmehr durch die Zeiten hin andauern lässt. Für dieses Verständnis spricht auch die Erwartung Jesu, einst mit den Seinen von neuem vom Gewächs des Weinstocks zu trinken, wenn sich das Reich Gottes vollenden wird (vgl. Markus 14,25 und Matthäus 26,29). Mahl und Sühnopfer lassen sich in der Feier der Eucharistie als Realgedächtnis eines verbürgten Stiftungsursprungs deshalb nicht trennen. Weil Jesus die Hingabe zu den Menschen durchhalten wollte und zwar grundsätzlich gegenüber allen Menschen, auch jenen, die damals nicht beteiligt waren, die viel später erst geboren wurden, oder die noch lange nach uns leben werden. Deshalb kann man das Element von Sühne und das bildhafte Element dafür, das Lamm, nicht einfach aus den liturgischen Texten der Eucharistiefeier entfernen – auch wenn das heute schwer zu verstehen ist.

 

Verrückt und kaum zu akzeptieren?

Durch die Hingabe des Lebens am Kreuz als Sühne für alle Menschen ist also die verstörte Beziehung zu Gott auf ein neues, bleibendes und vom Menschen nicht zerstörbares Fundament gegründet, und zwar so, dass diese Gottesbeziehung in der Gemeinschaft eines Mahles durch die Zeiten hin gelebt werden kann. Daraus ergeben sich neue Schwierigkeiten oder Missverständnisse: Was ist, wenn ich diesen grausamen Tod als Sühne für meine Verfehlungen gar nicht möchte? Wenn mir diese Hingabe einfach zu gross ist und ich Jesus lieber einen ganz normalen Tod gewünscht hätte?

 

In solchen Fragen spiegelt sich zu recht ein Erschrecken über die Dimension dieser Hingabe: Wenn jemand einen anderen liebt, tut er auch manchmal verrückte Dinge, aber was Jesus da vorwegnehmend geschehen liess, ist so verrückt, dass es menschliche Massstäbe sprengt. Vielleicht ist es auch deshalb so schwer, das in allgemeinverständliche liturgische Formulierungen zu fassen? Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Liturgie hier auf die Bibel zurückgreift und direkt zitiert oder aus biblischen Stücken und theologischer Reflexion neue Wendungen formt? Gerade weil die Sprache hier an Grenzen stösst, muss man versuchen, darin die Glaubenserfahrungen freizulegen: Der Gekreuzigte konnte vom Tod nicht festgehalten werden, er wurde auferweckt zu neuem Leben, hielt wieder Mahl mit den Seinen – das Lamm wird zum österlichen Symbol, die Sühne erhält vom Auferstandenen her ihre tiefste Kraft.

 

Gunda Brüske

 

Wider-Worte

"Kann man sich Gott wirklich als ein blutrünstiges Ungeheuer vorstellen, das durch das Blut seines eigenen Sohnes besänftigt werden muss?"

 

"Wieso wurde vor zweitausend Jahren wegen meiner kleinen Sünden jemand hingerichtet?"

 

zwei Schüler

 

Geistlicher Impuls

"Das Blut, das die Israeliten in Ägypten beim Exodus an die Türen streichen sollten, konnte die jüdischen Mahlgemeinschaften vor der Macht des Todes schützen, die aber auf die Ägypter abgelenkt werden musste, um das Gottesvolk zu befreien. Das Blut, das Jesus, das unschuldige Opferlamm, vergossen hat, schützt gleichfalls vor dem Tode; es bringt gleichfalls die Gemeinschaft derer zusammen, die Mahl halten, weil sie vom Tode befreit sind und aufbrechen in das Reich der Freiheit. Aber weil jetzt das Lamm Gottes der Sohn Gottes ist, geschieht die endgültige Befreiung nicht dadurch, dass andere sterben müssen, sondern dass Jesus selbst stirbt: für andere, nämlich „für das Volk" und für alle, die Gott zu seinen Kindern zählt (Johannes 11,50ff.).

 

Auf diesen Wandel ist das Wegmotiv abgestimmt. Augustinus hat, die Vulgata vor Augen, in seinem Johanneskommentar formuliert: „Ecce Pascha, ecce transitus" (In Joh. LV 1 CC 464). Das kann man so schnell auf der Basis der Biblia Graeca nicht sagen; dennoch ist etwas in der Tiefe des Textes aufgespürt. Der Würgeengel Gottes zieht in der Paschanacht durch Ägypten, um die Erstgeborenen zu töten, und geht an den Häusern der Israeliten vorüber. Jesus hingegen weiß, dass er an seinem Pas­chafest, das drei Tage währen wird, „hin­übergehen" wird: Er verbreitet nicht den Tod um sich, um das Leben zu bringen, sondern geht in den Tod hinein und durch ihn hindurch; er geht aus der Welt hinüber zu Gott, um zu vollenden, was er begonnen hat: der Welt Gott zu bringen. Deshalb hat der Täufer verkündet: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegträgt die Sünde der Welt" (Johannes 1,29; vgl. 1,34). Das Paschalamm trägt nichts fort – wohl aber der leidende Gerechte, der die Sünde aus der Welt schafft, weil er sie als Unschuldslamm auf sich nimmt (Jesaja 53,4.8.12). Das Paschalamm ist der Gottesknecht; das Paschaopfer ist sein Kreuzweg; auf diesem Weg wird den Vielen das Heil gebracht."

 

Thomas Söding (2001)

 

Facts

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"Dieser Aspekt universaler Liebe des eucharistischen Sakramentes gründet in den Worten des Retters selbst. Bei der Einsetzung der Eucharistie beschränkte er sich nicht darauf zu sagen: 'Das ist mein Leib..., das ist mein Blut', sondern fügte hinzu: 'der für euch hingegeben wird..., das für euch vergossen wird' (Lk 22, 19-20). Er bekräftigte nicht nur, daß das, was er ihnen zu essen und zu trinken gab, sein Leib und sein Blut war, sondern brachte auch dessen Opfercharakter zum Ausdruck und ließ damit sein Opfer, das einige Stunden später am Kreuz für das Heil aller dargebracht werden sollte, auf sakramentale Weise gegenwärtig werden. 'Die Messe ist zugleich und untrennbar das Opfergedächtnis, in welchem das Kreuzesopfer für immer fortlebt, und das heilige Mahl der Kommunion mit dem Leib und dem Blut des Herrn'."

 

"Das Pascha Christi umfaßt mit dem Leiden und dem Tod auch seine Auferstehung. Daran erinnert die Akklamation des Volkes nach der Wandlung: 'Deine Auferstehung preisen wir'. Tatsächlich macht das eucharistische Opfer nicht nur das Mysterium vom Leiden und Tod des Erlösers gegenwärtig, sondern auch das Mysterium der Auferstehung, in der das Opfer seine Vollendung findet. Weil Christus lebt und auferstanden ist, kann er sich in der Eucharistie zum 'Brot des Lebens' (Joh 6, 35.48), zum 'lebendigen Brot' (Joh 6, 51) machen. ..."

 

Enzyklika Ecclesia de Eucharistia Nr. 12 und 14 (2003)

 

Lesetipp

Ambivalentes Opfer

Eine theologische Doktorarbeit, die das Thema differenziert mit Darstellung vieler verschiedener Positionen behandelt. Für alle, die es genauer wissen wollen und keine Angst vor anspruchsvoller Lektüre haben. Für jene, die nicht viel Zeit haben, gibt es an drei Stellen im Buch Zusammenfassungen und Thesen.

 

Joachim Negel, Ambivalentes Opfer. Studien zur Symbolik, Dialektik und Aporetik eines theologischen Fundamentalbegriffs. Paderborn: Schöningh 2005. 629 Seiten.