tagesgebetTagesgebet

Selber beten ist gefragt

Tagesschau und Tageszeitung müssen tagesaktuell sei – ein Tagesgebet nicht. Die Tagesschau kann ich über mich ergehen lassen – das Tagesgebet auch?

 

 

Wir kennen die Tagesschau, die Tageszeitung; aber ein Tagesgebet? Der Eröffnungsteil der Messe wird mit dem Tagesgebet abgeschlossen. Dieses Gebet wird auch als „Collecta“ bezeichnet, denn es ist ein Sammelgebet, das die vielfältigen Anliegen der hier und heute zur Feier der Messe versammelten Menschen zusammenfasst.
Ausserdem schliesst das Tagesgebet ab, was in der Messe vorausgeht, also: Gesang zur Eröffnung, Verehrung des Altars, Kreuzzeichen, liturgischer Gruss und Begrüssung der Gemeinde, Bussakt, Kyrie und Gloria. Es fasst den Eröffnungsteil der Messe zusammen - ebenso wie das Gabengebet die Gabenbereitung abschliesst und das Schlussgebet die Kommunionfeier. „Alle geistliche Erfahrung legt es nämlich nahe, zunächst Imagination und Geist zu füllen und den Glauben zu beleben ... bevor der Mensch sich im Gebet zurückwendet zu Gott.“ (Johannes H. Emminghaus)

 

Gebet des Priesters ...

Zu eröffnen, zusammenzufassen und zu schliessen sind auch Aufgaben, die im täglichen Leben zum Beispiel dem Leiter einer Sitzung zusammenkommen. Wer leitet, übt damit einen Dienst in und für die Gemeinschaft aus: Ohne Zusammenfassungen drehen sich manche Gespräche im Kreise, ohne abschliessende Worte geht es nicht weiter voran. Die Aufgabe des Priester als Vorsteher der Messe ist deshalb im Namen und für alle Mitfeiernden das Tagesgebet, das Gabengebet und das Schlussgebet zu sprechen (deshalb auch: Amtsgebete oder Präsidialgebete genannt). Dazu nimmt er eine Gebetshaltung ein, die in der christlichen Frühzeit von vielen Frauen und Männern geübt wurde, die sogenannte Orantenhaltung

 

.... Gebet aller

Das Tagesgebet hat folgende Struktur: Gebetseinladung – Gebetsstille – Oration – Antwort. Nach der Einladung „Lasst uns beten“ folgt eine Gebetsstille. Die Gemeinde, jede und jeder Einzelne, wird sich bewusst, dass Gott in dieser Feier gegenwärtig ist. So sind alle eingeladen, ihre persönlichen Anliegen jetzt vor Gott zu tragen. Das stille Gebet hebt uns selbst zu Gott empor. Leider wird diese Zeit der Stille nur ganz selten vom Priester den Mitfeiernden geschenkt; sie ist neu zu entdecken!
Nach der Gebetsstille fasst die Oration (latein. für Gebet; orare: beten, sprechen, predigen, verkünden) die Anliegen aller zusammen. Natürlich kann der Priester das nicht tun, indem er einzelne Anliegen aufgreift, er weiss schliesslich nicht, was alles im stillen Gebet Gott entgegengehalten wurde. Deshalb spricht das Gebet aus, was in der Beziehung zwischen Gott und Menschen allgemein gilt: Gott hat sich in vielerlei Weise den Menschen zugewandt und sie seine liebende Nähe erfahren lassen - damals in biblischen Zeiten und in vielen, vielen Generationen seither. Am Handeln erkennen wir auch heute noch, wie jemand es mit uns meint. Deshalb ist es in der Liturgie so wichtig, sich an Gottes vergangenes Handeln zu erinnern. Immer wieder zeigt er damit, wie er zu den Menschen steht – bis heute. Deshalb können Menschen sich mit Dank und Bitte an ihn wenden. Das alles geschieht im kurzen Tagesgebet.

 

Beispiel aus der Osterzeit

Als Beispiel dient uns ein Tagesgebet aus der Osterzeit. Eine solche Oration beginnt mit einer Anrede, die an Gott gerichtet ist: Gott, unser Vater. Die nachfolgende Aussage will voller Dankbarkeit an Gottes Heilstaten erinnern: Du hast uns durch deinen Sohn erlöst und als deine geliebten Kindern angenommen. Darauf folgt die Bitte: Sieh voll Güte auf alle, die an Christus glauben, und schenke ihnen die wahre Freiheit. Diese Bitte wird mit der Mittlerformel abgeschlossen, denn christliches Beten geschieht immer durch Christus im Heiligen Geist: Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Die Gemeinde macht sich dieses Gebet zu eigen und antwortet zustimmend: Amen. Die Eröffnung ist abgeschlossen, die Einzelnen bilden zusammen Gemeinschaft. Sie sind bereit, mit wachen Sinnen das Wort Gottes aufzunehmen im unmittelbar folgenden Teil der Messe.

 

Jürg Stuker/Gunda Brüske

Stichwort

  • Amtsgebet des Vorstehers
  • in Orantenhaltung
  • als Abschluss des Eröffnungsteils der Messe
  • als Zusammenfassung des stillen Gebets aller Feiernden

Wider-Worte

„Das Tagesgebet und Schlussgebet, da muss ich ganz ehrlich sagen, da höre ich nicht zu, fast."

 

Jugendlicher, 15 Jahre

 

Geistlicher Impuls

silja walter herr

HERR,
da wurde ein Gebet
gesprochen.
Ich denke,
du hast es gehört.
Gebete müssen ja doch sein.
Gebete aus Worten,
die hochsteigen
zu dir.

 

HERR,
man sieht sie steigen.
Kleine, schwingende
Förderkörbe
voller Menschengedanken
aus dem Schacht
herauf,
worin wir sind.

 

Die sind schon richtig.
Etwas muss doch aufsteigen
aus uns,

zu dir.

 

HERR,
es hat uns selbst
heraufgeholt,
uns selbst.

 

Nicht nur unsere Gedanken.
Wir liessen uns selbst fassen
und hochtragen
aus dem innern Grund,
worin es eben noch
abgeblendet
lautlos
leer zu werden begann.

 

Es ist schon richtig.
Etwas musste uns nun doch
heraufholen
vor dich hin.
Ins hell Bewusste,
in die Wirklichkeit
des Glaubens.

 

Da sind wir nun,
HERR.
Jetzt sprich du
dein Wort.
Sprich es herunter
auf uns,
durch unser Ohr,
durch unser Herz,
in unsern Kern.
Wir horchen.

 

Silja Walter


Facts

„Ziel und Aufgabe der Eröffnung ist es, dass die versammelten Gläubigen eine Gemeinschaft bilden und befähigt werden, in rechter Weise das Wort Gottes zu hören und würdig die Eucharistie zu feiern."

 

Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 24

 

Lesetipp

Josef Pascher, Die Orationen des Missale Romanum Papst Pauls VI. Hrsg. von Walter Dürig. 4. Bände. St. Ottilien 1981-1983 (vergriffen, Antiquariate!)