Rudolf Schwarz Gloria 1923Gloria

Staunen über Gott

Einst in Betlehem versetzte Gott Hirten in Staunen. Ein Heer von Engeln bestätigt die Neuigkeit mit einem "Gloria". Mit Staunen und ekstatischem Lobpreis beginnt auch die Messe.

 

Staunen über die Berührung von Himmel und Erde

Als einst auf einem Feld bei Betlehem ein Engel erschien, packte die Hirten gewaltige Angst. Denn Furcht und Schrecken kann Menschen befallen, denen widerfährt, was sich normalen Massstäben entzieht. Vielleicht wandelt sich der Schrecken zum Staunen. Staunen erwacht hier, als der Engel ihnen sein „Fürchtet euch nicht!" zuruft und die Geburt des Messias als gerade eben in ihrer Nachbarschaft geschehen, ansagt. Wie zur Bestätigung dieser unglaublichen Neuigkeit tönt ein ganzes Heer von Engeln (Lukas 2,14): Herrlichkeit des Lichts, des Glanzes, der Ehre, also: Gloria Gott in der Höhe! Herrlichkeit sei ihm nicht nur, nein, Herrlichkeit, Ehre, unendliche Fülle allen Seins und Lebens ist ihm wirklich und wahrhaftig zu eigen. Und auch nicht nur in der Höhe, nein, Schalom: Heil, Wohlergehen, Frieden auch den Menschen auf Erden, mit denen er es gut meint! Himmel und Erde berühren sich im Gloria der Engel. Die Ursache: Himmel und Erde berühren sich in der Geburt des Sohnes Gottes durch eine Tochter Israels – doch wer staunt darüber? Haben wir das Unglaubliche einsortiert in die üblichen Kategorien, die Engel mundtot gemacht und das Gloria der Messe folgerichtig ersetzt durch irgendein Lied?

 

Ekstatisches Hin zum Du Gottes

Erstaunlich bleibt damals wie heute, dass Gott Menschen mit seinem Frieden, mit seinem Licht und seiner Güte beschenkt. Wer darüber staunt, wird nicht anfangen, lange Vorträge zu halten. Er wird sich einfach und schnell an den wenden, der die Quelle des Erstaunens ist, Gott. Er leiht sich vielleicht den Lobpreis der Engel aus, um sein Staunen darin zu sammeln. Das Gloria der Messe macht das jedenfalls so, es zitiert einfach die Engel und schreitet mit ihrem Schwung gleich weiter. Aus dem ersten Staunen formen sich kurze Sätze, beinahe stammelnd, ekstatisch. Jetzt alle Einzelheiten hinter sich lassen und sich hineinwerfen in die Beziehung zu Gott: „Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn gross ist deine Herrlichkeit: Herr und Gott, König des Himmels, Gott und Vater, Herrscher über das All, Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus, Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters." Das Du Gottes kommt ganz gross raus in diesen wenigen Zeilen. Wir sind nahe an den christlichen Ursprüngen mit diesem ekstatischen Lobpreis, denn er reicht bis ins 2. Jh. zurück. Welches spätere Lied hat noch diese Kraft und könnte es ersetzen?

 

Vertrauensvolle Zuwendung zu Christus

Das Gloria der Engel setzt ein bei der Menschwerdung Gottes, beim Weihnachtsgeheimnis: Der Vater kommt zu den Menschen im Sohn, um allen Menschen seines Wohlgefallens Frieden zu schenken. Seine vorbehaltlose Zuwendung zu den Menschen war anstössig, führte zum Tod – gestorben wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde –, und nahm doch alles hinweg, was gegen ihn stand: die Sünde der Welt. Deshalb haben seine Zeitgenossen sich voll Vertrauen an ihn gewendet, und Christen wissen noch heute um seine Nähe. Dieses Vertrauen leitet ihre Bitten: „Du nimmst hinweg die Sünde der Welt: erbarme dich unser; du nimmst hinweg die Sünde der Welt: nimm an unser Gebet; du sitzest zur Rechten des Vaters: erbarme dich unser." Nach diesem kurzen Blick in den Abgrund der Sünde bricht der Lobpreis erneut durch. Die Ekstase des Du ist jetzt ganz beim Sohn: „Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste". Sie mündet in ein trinitarisches Finale: „... du allein der Höchste: Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist, zur Ehre Gottes des Vaters." Das „Amen" am Schluss dieses grossen Lobgesangs ist wie ein starkes Ausrufungszeichen: Ja, so ist es, das musste gesagt werden. Auch heute.

 

Gunda Brüske

Stichwort

  • Dreiteiliger Lobpreis: 1. Zitat von Lk 2,14, 2. Lobpreis von Vater und Sohn, 3. Bitten an Christus mit trinitarischem Schluss
  • älteste Teile wohl 2. Jh., ursprünglich griechisch
  • in der griechischen Liturgie Teil der Laudes
  • in der westlichen Liturgie gesungener Teil der Messe
  • heute an Hochfesten, Festen, besonderen Feiern und allen Sonntagen ausser in der Österlichen Busszeit und im Advent
  • zahlreiche Kompositionen

Geistlicher Impuls

Ich staune

 

Gott

Ich staune
und staune
an der Wiege des Kindes
und staune über das Leben
das Du ihm gegeben hast

 

Ich staune
und staune
beim Fallen des Schnees
und staune über die Vielfalt der Flocken
die Du geformt hast

 

Ich staune
und staune
über die Schönheit in allem
und staune über Dich
der Du alles gemacht hast

 

Anton Rotzetter

 

 

Dich loben, grosser Gott

 

Die Weite des Himmels
weitet mein Herz
um Dich zu loben
Grosser Gott

 

Die Grösse des Alls
macht gross mein Denken
um Dich zu preisen
Grosser Gott

 

Die Tiefe der Welt
macht tief meinen Geist
um Dich zu besingen
Grosser Gott

 

Anton Rotzetter


Entnommen aus:

Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt, S. 250 und 248

© Verlag Herder, Freiburg im Breisgau / Anton Rotzetter, 17. Gesamtauflage 2002

 

Facts

„Verherrlichung des Vaters ist der ganze Mensch in Wort und Tat; nicht das nur gesprochene, sondern das gelebte Gloria.“

 

Adolf Adam (1912-2005)