polke menschensohnUnd mit deinem Geiste

Die schwierige Unterscheidung der Geister

Ist der Geist das Du des Gegenübers, das Amtscharisma des Priesters oder der allen Christinnen und Christen in der Taufe geschenkte Heilige Geist?

 

Vorbehalte

Mit dir sei er, der Hl. Geist, weil wir, die mit dir Feiernden, Gemeinschaft mit dir wollen. Wir schliessen dich nicht aus. Deshalb verändert sich schon mal der liturgischen Gruss: „Der Herr sei mit euch. – Und mit dir." Ist das nicht ein persönliches, an's Private reichendes Grüssen, das die Liturgie „verbürgerlicht"? So etwa wie hier und da der Priester seiner Pfarrei „einen schönen Sonntag" wünscht und diese ihm freundlich dasselbe? Nicht dass etwas gegen die einvernehmliche Gemeinschaft von Priester und Pfarrei zu sagen wäre, im Gegenteil. In diesem Sinn könnte sich ein Zelebrant ja auch in den Gruss einschliessen: „Der Herr sei mit uns." Auch das kommt vor. Aber was antworten? Das formelhaft wiederholte „Und mit deinem Geiste"? Das vertrauliche „Und mit dir"? Passt nicht.

Die Gegenposititon zum alltäglichen Grüssen gibt es, die gerade das gnadenhafte Plus der priesterlichen Existenz hervorhebt. Der Geist in der Antwort der Gemeinde "Und mit deinem Geiste" bezieht sich demnach auf das Amtscharisma, das mit der Weihe verliehen wird. Nich dass etwas gegen die besondere priesterliche Berufung einzuwenden wäre, im Gegenteil. Nur: Geht das darum, wenn sich die liturgische Versammlung in Gruss und Gegengruss vor dem Gott konstituiert? Der Blick ins Messbuch mit den diversen Grussformeln und ihre Ursprünge im Neuen Testament öffnet für eine dritte Lesart jenseits von "Privatisierung" oder "Klerikalisierung".

 

Variationen

Insgesamt gibt es sieben weitere Grussformeln neben der am meisten verbreiteten: „Der Herr sei mit euch. Und mit deinem Geiste". Mit dem Gruss des Bischofs kommt noch eine weitere hinzu. („Der Friede sei mit euch", Joh 20,19.21.26). Die Antwort ist immer gleich: „Und mit deinem Geiste." Auch der letzte Halbsatz des Grusses bleibt immer gleich „... sei mit euch". Die Grussformeln lauten:

      • „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ..." (Lat. und Dt. Messbuch; vgl. 2 Kor 13,13)
      • „Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus ..." (Lat. und Dt. Messbuch; vgl. Röm 1,7 als Gruss an „alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen"; „Gnade" und „Friede" finden sich oft zu Beginn eines Briefs, vgl. 1 Kor 1,3; 2 Kor 1,2; Gal 1,3; Eph 1,2).
      • „Gnade und Friede von dem, der ist und der war und der kommen wird ..." (Dt. Messbuch; vgl. Offb 1,4a).
      • „Gnade und Friede in der heiligen Versammlung der Kirche Gottes ..." (Dt. Messbuch; vgl. Lev 23,36; Ps 26,12).
      • „Der Herr der Herrlichkeit und Spender jeder Gnade ..." (Dt. Messbuch; vgl. Jes 28,5; 60,1 und öfter).
      • „Die Gnade des Herrn Jesus Christus, der für uns Menschen geworden ist (gelitten hat, gestorben ist ...) ..." (Dt. Messbuch).
      • „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus ..." (Dt. Messbuch).

 

Paulus lässt grüssen

Viele dieser Formeln zitieren oder variieren den Gruss am Anfang von Paulusbriefen. Deshalb ist das ist ein passender Schlüssel zum Verständnis: die Bibel als "Muttersprache der Liturgie". Paulus spricht mit den Grussformeln die durch die Taufe von Christinnen und Christen konstituierte Gemeinde an, die Ekklesia, die Kirche von Rom und anderswo. Die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen wird ausgerufen, bevor er auf das zu sprechen kommt, was er der jeweiligen Gemeinde sagen möchte. Die Gabe des Kyrios, den Zuspruch des auferstandenen Herrn nennt er „Gnade" und „Friede". Wenn in unserer Zeit die Worte von Paulus für den Gruss am Beginn der Messe verwendet werden, gibt das auch heute für alle, die heute zum Gottesdienst kommen: Als Kirche stehen wir vor dem in unserer Mitte gegenwärtigen Christus.

 

Der unbekannte Gegengruss

Die Antwort der damaligen Ortsgemeinde beim Verlesen eines Briefs ist nicht überliefert. Wenn im christlichen Feiern die Versammelten antworten „und mit deinem Geist", welcher Geist ist dann gemeint? Versuchen wir es wieder mit der Vergewisserung aus unseren Ursprüngen, mit einem Blick ins Neue Testament. Kann der Geist im Gegengruss der Gemeinde ein anderer sein als der Geist, den Jesus in den Johanneischen Abschiedsreden verheissen hat (Johannes 14,26f), der an Pfingsten auf die Apostel herabkommt (Apostelgeschichte 2,4), sich in der Taufe allen mitteilt (vgl. Apostelgeschichte 2,38)? Von diesem Geist sagt Paulus: „Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir alle ... werden ... in sein eigenes Bild verwandelt ... durch den Geist des Herrn." (2 Korintherbrief 3,17). Der Herr, das ist Jesus Christus, und der Geist sind hier auf's Engste verbunden.

 

Wie heute grüssen?

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus", die Paulus seinen Gemeinde zuspricht und der Liturge den Versammlten, wäre die Gnade des Herrn, der der Geist ist. Diesen Geist haben alle Getauften empfangen, darin sind sie in Christus verbunden. "Und mit deinem Geiste" hiesse dann ungefähr so: 'Und mit dir als einem, der in seiner Taufe den Geist des Herrn empfangen hat'. Für einen Gegengruss ist das jedoch zu kompliziert. Bleiben wir lieber bei der vertrauten Formel.

Diese (paulinische) Deutung könnte auch hinter der Erläuterung in der Allgemeinen Einführung ins Messbuch stehen: „Dann ruft er (der Zelebrant) der versammelten Gemeinde durch den Gruss die Gegenwart des Herrn ins Bewusstsein. Durch diesen Gruss und die Antwort der Gemeinde wird das Gegenwärtigsein des Mysteriums der Kirche in der feiernden Gemeinde zum Ausdruck gebracht." (AEM Nr. 28)

 

Der Geist des Herrn und die Charismen

Spricht das alles aber gegen die Deutung des Geistes als Amtscharisma des Priesters, wie das vielfach vertreten wird? Dafür wird gelegentlich der Briefschluss des 2. Timotheusbriefs angeführt: „Der Herr sei mit deinem Geist!" Gemeint ist Timotheus". Der folgende Satz lautet: "Die Gnade sei mit euch", das heisst mit der Gemeinde. Wie auch immer man diese Stelle interpretieren wird, um einen liturgischen Antwortruf der Gemeinde handelt es sich dabei jedenfalls nicht. So reicht diese Stelle aus diesem und anderen Gründen nicht, um die Deutung des Geistes als Amtscharisma zu begründen.

Sicher ist indes, dass der erste Beleg für den liturgischen Gegengruss zu einer Bischofsweihe gehört (Traditio Apostolica 4). Ausserdem reicht die Deutung des Geistes als Amtscharisma bis ins 4. Jahrhundert zurück und wird seitdem immer wieder vertreten. Das muss kein Gegensatz zu der hier vertretenen Deutung sein: Die mit dem kirchlichen Amt geschenkte besondere Gabe hat allerdings keinen anderen Geber als den Herrn, der der Geist ist, der auch den Getauften verschiedene Charismen austeilt und die Kirche zur Einheit der Glaubenden verbindet. In diesen Raum der Gnade, des Friedens und der Freiheit (vgl. nochmals 2 Kor 3,17) treten alle, die zusammen Messe feiern. Ein nicht ganz alltäglicher Gruss ist da nur angemessen.

 

Gunda Brüske

 

Stichwort

  • Begrüssungsformel: "Der Herr sei mit euch. - Und mit deinem Geiste."
  • im Alten und Neuen Testament verwurzelte Sprachform
  • liturgisch erstmals Anfang des 3. Jh.s bezeugt (Traditio Apostolica 4 vor der Präfation)
  • Bedeutung: Proklamation der Gegenwart des auferstandenen Herrn inmitten der liturgischen Versammlung
  • Vom Diakon oder Priester und Allen im Wechsel gesprochen zu Beginn der Messe, vor der Verkündigung des Evangeliums, vor der Präfation und vor dem Schlusssegen.
  • Der Bischof grüsst mit den Worten: "Der Friede sei mit euch."
  • Geste beim Gruss: ausgebreitete Arme als umarmende, gemeinschaftsbildende Gebärde
  • im Lauf von Geschichte und Gegenwart unterschiedliche Interpretation des Wortes "Geist"

Geistlicher Impuls

"Die gottesdienstliche Gemeinde repräsentiert nämlich eine der Gegenwartsweisen Jesu Christi selbst: 'Gegenwärtig ist er schliesslich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen' (Mt 18,20)." (Liturgiekonstitution Nr. 7)

Nicht einfachhin Menschen feiern Gottesdienst, sondern die durch Taufe und Firmung in eine neue Seinsbezogenheit (existenzielle Beziehung) mit dem erhöhten Herrn gestellten Christen erweisen mit ihm dem Vater im Himmel Lob und Dank. Christus ist in der Gemeinde und mit der Gemeinde. Wenn nun der Liturgie die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde grüsst, dann ruft er durch den Gruss die Gegenwart des Herrn ins Bewusstsein."

 

Hermann Josef Herkenrath (1980)


Facts

"Nach dem Gesang zum Einzug macht der Priester gemeinsam mit allen das Kreuzzeichen. Dann ruft er der versammelten Gemeinde durch den Gruss die Gegenwart des Herrn ins Bewusstsein. Durch diesen Gruss und die Antwort der Gemeinde wird das Gegenwärtigsein des Mysteriums der Kirche in der feiernden Gemeinde zum Ausdruck gebracht."

 

Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) Nr. 28