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Küssen verboten?

Wer küsst Stein, Holz, Bronze? Prinzen oder Esoteriker? Über den liturgischen Kuss.

 

 

 

„Küssen verboten" singt die deutsche Band „Die Prinzen" seit 1992. Das Cover ihres Albums zeigt eine rot-weisse Verbotstafel. Mitten auf dieser Tafel sitzt ein Frosch mit einer Krone. Klar, dieser Frosch erinnert an den Froschkönig, der darauf wartet, durch einen Kuss in einen Prinz verwandelt zu werden. An Verwandlungen in Märchen haben wir alle unsere Freude, nur trällern die „Prinzen": „Keiner der mich je gesehen hat, hätte das geglaubt: Küssen ist bei mir nicht erlaubt."

 

Von all dem kann jedoch in unserer Kirche keine Rede sein, denn bei uns ist das Küssen erlaubt, und das sogar in der Eucharistiefeier! Die Bedeutung der drei Küsse in der Eucharistiefeier sind nicht sehr bekannt. Höchste Zeit also, sich diesen liturgischen Küssen zuzuwenden!

 

Der erste Kuss in der Eucharistiefeier ist ein Begrüssungskuss. Wenn der Priester sich zu Beginn der Feier dem Altar zuwendet, verneigt er sich und küsst diesen. „Wie kann man tote Materie küssen?", wird sich manch einer fragen. Wer jedoch schon einmal gesehen hat, wie eine Fussballmannschaft ihren Pokal mit Küssen überhäuft, dem Zeichen ihres Sieges, der wird dem Altarkuss in keiner Weise mehr abgeneigt sein. Denn der Altar ist nicht einfach ein Tisch, noch ist er eine blosse Abstellfläche aus Stein. Der Altar ist immer ein Zeichen für Jesus Christus selbst, für den Auferstandenen, der den Tod besiegt hat und zu unserem Eckstein wurde.

 

Weil am Altar die Gedächtnisfeier des Herrn begangen und den Gläubigen sein Leib und sein Blut gereicht wird, haben bereits die frühen Kirchenschriftsteller im Altar ein Sinnbild für Christus gesehen und man hat gesagt: „Der Altar ist Christus". Der Altar ist eine einzigartige Stätte für das Opfer und für das österliche Mahl. Durch die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers ist er Opferstätte, aber auch Tisch für das österliche Mahl der um ihn versammelten Christen.

Bei der feierlichen Altarweihe wird der Altar mit Weihwasser besprengt, mit Chrisam gesalbt und es werden auf ihm Weihrauchkörner verbrannt. Die Besprengung mit gesegnetem Wasser lässt uns an das Wort Jesu denken, dass aus seinem Innern „Ströme lebendigen Wassers fliessen" werden (Johannes 7,38). Durch die Salbung mit Chrisam wird der Altar zum Symbol Christi, der vor allen anderen „der Gesalbte" heisst und ist. Alle Getauften und Gefirmten, die auch mit dem heiligen Chrisam gesalbt worden sind, tragen diesen Namen, wenn sie sich Christen, das heisst Gesalbte, nennen. Schliesslich erinnert der Weihrauch, der auf dem Altar verbrannt wird, an das Opfer Christi, das auf dem Altar unter heiligen Zeichen gegenwärtig wird und wie Wohlgeruch zu Gott aufsteigt, aber auch an die Gebete der Gläubigen, die sie an den himmlischen Vater richten. So betet der Bischof bei der Altarweihe: „Gott, wie Weihrauch steige unser Gebet zu dir empor. Und wie dieses Haus mit wohlriechendem Duft sich füllt, so erfülle Christi Geist deine Kirche."

 

Der Altarkuss ist somit ein Begrüssungskuss, der Jesus Christus selber gilt. In jeder Eucharistiefeier begrüssen wir Jesus Christus, wir erinnern uns daran, dass er in der feiernden Gemeinde mitten unter uns ist und dass durch die Feier der Eucharistie der steinerne Altar in eine lebendige Quelle, einen lebensspendenden Felsen verwandeln wird. Der heilige Johannes Chrysostomus schreibt: „Wunderbar ist dieser Altar, denn er ist zwar nur aus Stein, aber er wird geheiligt, wenn der Leib Christi auf ihm liegt." Der Altarkuss weist auch darauf hin, dass der Priester die Verbundenheit mit der feiernden Gemeinde als „Leib Christi" zum Ausdruck bringen kann. Ein so verstandener Kuss versinnlicht ein Element der Zuneigung, der geschwisterlichen Gemeinschaft der Getauften, die dem Aufruf Paulus folgt: „Grüsst einander mit dem heiligen Kuss!" (Römer-Brief 16,16)

 

Der zweite liturgische Kuss folgt nach der Verkündigung des Evangeliums. Nachdem der Priester oder der Diakon das Evangelium vorgetragen hat, küsst er die heilige Schrift. Wer schon einmal einen jüdischen Synagogengottesdienst besucht hat, kann im Berühren und Küssen der Schriftrollen etwas von der jüdischen Liebe zum Wort Gottes erkennen. Auch der Evangelienkuss ist an Christus gerichtet. Denn immer wenn wir sein Wort verkünden, ist Christus unter uns gegenwärtig. Dieser Kuss ist ein Zeichen der Ehrerbietung, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Buchstaben und Worte des Evangeliums in gelebten und bezeugten Glauben verwandeln lassen. Ein neugeweihter Diakon erhält vom Bischof das Evangelienbuch mit den Worten: „Empfange das Evangelium Christi: Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Leben." Alle, die die Worte des Evangeliums hören, dürfen diese Verkündigung in ihrem Leben erfüllen. Der Kuss des Evangelienbuches ist so für alle Gläubigen ein stellvertretendes Zeichen ihrer Verinnerlichung des Wortes Gottes.

 

Der dritte und letzte Kuss am Schluss der Eucharistiefeier ist wieder ein Altarkuss, hier als Geste des Dankes gegenüber dem Geschenk des Glaubens, das die Gemeinde gefeiert hat, aber auch als Zeichen des Abschieds. Es ist ein Abschiedskuss, der mit der Gewissheit verbunden ist, dass ihm immer wieder ein Begrüssungskuss folgt, solange die Gemeinschaft der Kirche aus dem Wort Gottes und dem Sakrament der Eucharistie genährt wird und daraus Kraft für ihren Auftrag in der Welt erhält.

 

Küssen verboten? – Nicht in der Eucharistiefeier unserer Kirche. Wer den jahrhundertealten Zeichen unserer Liturgie ihre Bedeutung zukommen lässt und ihren Sinn erkennt, der wird in diesen Zeichen eine Hilfe zur Vertiefung seines Glaubens finden. Und wer weiss, vielleicht schauen wir bei der nächsten Eucharistiefeier genauer hin und lassen uns vom liturgischen Kuss bereichern und beschenken.

 

Jürg Stuker