Pfingsten 1998Veni, sancte Spiritus/Pfingstsequenz

Der Heilige Geist und das "Standing" der Christen

Das Gleichmass dieses Gesangs ist wie schreiten. Wer nicht nur irgendwie geht, sondern schreitet, richtet sich auf. Auch der Text richtet den auf, der meditierend mitgeht.

 

Pfingsten ist nicht das Fest einer Person des dreifaltigen Gottes, denn die Liturgie feiert die göttlichen Personen nicht getrennt voneinander. Pfingsten ist die Vollendung von Ostern: Der im Grab gelegen hatte, wird aufgerichtet zu neuem, endgültigen Leben. Der nicht nur aufrecht steht, sondern noch weiter emporsteigt in die himmlische Vorbehaltenheit Gottes, der sendet den Heiligen Geist, die österliche Gabe. Der dynamische Zug nach oben dauert seit Pfingsten an: die Kraft zum geraden, aufrechten Stehen der Christen ist Gabe des Heiligen Geistes. Das "Standing" des Christen umschreibt Paulus so: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht also fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!" (Galaterbrief 5,1) Die Pfingstsequenz meditiert diese Gaben des Geistes und ihren Geber.

 

Ein Wasserzeichen: die sieben Gaben des Geistes

Den Dichter der Sequenz kennen wir nicht. Soviel aber ist sicher: es war ein Könner! Die Strophen der lateinischen Sequenz sind so kunstvoll gebaut, dass keine deutsche Übersetzung daran heran reicht (siehe Randspalte). Sie zeigen etwas von der Intention des unbekannten Schöpfers sowohl im Gesamtaufbau wie in den einzelnen Zeilen: Jede einzelne der dreissig Zeilen hat sieben Silben – jede ist damit eine Hommage an die sieben Gaben des Heiligen Geistes. In der vorletzten, der 9. Strophe, wird der Heilige Geist angerufen, die heilige siebenfältige Gabe zu schenken – nach Jesaja 11,2f ist das der Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rates, der Stärke, der Erkenntnis, der Frömmigkeit und der Gottesfurcht. Der Dichter zählt die Gaben jedoch nicht auf, sondern legt sie wie ein Wasserzeichen mit dem Siebener-Rhythmus unter seine Zeilen. Ohne dass er davon reden muss, sind sie da.

 

Eigenheiten und Wirken des Geistes

Zehn Strophen mit jeweils drei Zeilen fügt der unbekannte Dichter zueinander. Davon gehören immer zwei Strophen zusammen. Die ersten beiden rufen viermal um sein Kommen, die letzten beiden rufen viermal nach seinen Gaben. Ein Rahmen bildet sich auf diese Weise, der Anfang und Schluss der Dichtung umrundet. Wie ein Passepartout schliessen sich nach innen wieder je zwei Strophen an: die 3. und 4. Strophe nennen sechs Eigenschaften des Heiligen Geistes - die 7. und 8. Strophe rufen sechsmal sein Wirken herbei.

 

Alle diese Strophen bezeugen das lebendige Wirken des Heiligen Geistes. Der Geist wird angerufen als Vater der Armen, Geber der Gaben, Licht der Herzen (2. Strophe), als bester Tröster, süsser Seelengast, sogar als süsse Erfrischung (3. Strophe). Worin sein tröstendes und erfrischendes Wirken besteht, sagt die 4. Strophe mit drei Gegensätzen: in der Arbeit ist er Ruhe, in der Gluthitze milde Wärme, im Weinen Trost. Sein Wirken ereignet sich nicht fern von den Menschen, vielmehr tritt er in die Situationen von Arbeit, Hitze und Traurigkeit als milde, lindernde Gabe ein: "Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf" (Römerbrief 8,26).

 

Die Sequenz bezeichnet mit Adjektiven die widrige Situation, aus der heraus der Geist angerufen wird: schmutzig, dürr-mager-dürftig, verwundet, verhärtet, kalt-matt-schlaff, fern vom Wege-einsam lebend (Strophe 7 und 8). Nichts ist beschönigt, doch alles ist getragen von Zuversicht in den herbeigerufenen Geist.

 

Aufrichtende Lichtkraft

Von Rahmen (Strophen 1/2 und 9/10) und Passepartout (Strophen 3/4 und 7/8) umgeben erklingen im Zentrum die Strophen 5 und 6. Zusätzlich zum konzentrischen Aufbau weckt das "O" am Anfang der fünften Strophe die Aufmerksamkeit für die höchste Höhe der Lichtes einerseits und das Nichtige menschlicher Existenz anderseits. Sie lauten in wörtlicher Übersetzung: "O glückseligstes Licht / erfülle das Herzinnere / deiner Gläubigen. Ohne dein (göttlich) Walten / nichts besteht im Menschen / nichts ist unbeschädigt."

 

Ohne das Wirken des Heiligen Geistes sähe das Standing des Christen also ganz anders aus. Nicht, weil die biblische Verkündigung eine Drohbotschaft ist oder weil Christen so wehleidige Typen sind, sondern weil der nüchterne Blick in die Welt wie auch die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst zeigen, dass die eigenen Kräfte und Fähigkeiten begrenzt sind, dass sie glückliche Umstände brauchen, um sich entfalten zu können, was oft nicht in unserer eigenen Hand liegt. Nichts im Menschen bliebe unbeschädigt ohne das Wehen des Gottesgeistes.

 

Aber: die Kraft dieses glückseligen Lichtes richtet auf. Gleich in der 1. Strophe rufen die Singenden dem Geist zu, dass er von oben den Strahl seines Lichtes senden möge. In der 2. Strophe wird der Geist "Licht der Herzen" genannt, in der 5. eben "glückseligstes Licht". Eine Lichterscheinung von oben sind auch die pfingstlichen Feuerzungen, die über die Apostel kommen. Der Geist hebt die Apostel über sich hinaus. Das Charisma von Pfingsten bestimmt ihr Standing.

 

Ruf und Zuspruch

Die Sequenz wurde in der Liturgie des Pfingstsonntags nach dem Pfingstbericht der Apostelgeschichte gelesen und vor dem Evangelium, das bis zum II. Vatikanum die Verheissung des Geistes als eines Trösters war (Johannes 14,23-31). Etwa 500 Jahre erklang die Sequenz an dieser Stelle zwischen dem Pfingstfeuer und dem Tröster-Geist. Licht und Trost durchdringen und bestimmen auch die Dichtung der Sequenz. Der Ruf nach dem Kommen des Geistes, der in vielen Zeilen der Dichtung die Dringlichkeit des Erbetenen unterstreicht, ist liturgisch eingebettet in die Proklamation seines Gekommenseins (Apostelgeschichte 2,1-11) und die Zusage seiner Sendung vom Vater und vom Sohn (heute als Zusage des Friedens und des Heiligen Geistes an Ostern nach Johannes 20,19-23). In der Verkündigung des Pfingstfestes ist – wie damals den Erstzeugen so heute uns – die österliche Gabe des Geistes zugesprochen. Das Rufen ist liturgisch vom Zuspruch umfangen. Wer stehen kann, aufgerichtet vom Geist, kann auch dem drohenden Nichts ins Auge sehen – ohne davon gebeugt zu werden, ohne sich davor zu beugen. Denn es gilt mit Paulus und Martin Luther:

 

"Inzwischen hilft aber doch der Hl. Geist unseren Schwachheiten auf, tritt für uns mit unaussprechlichem Seufzen ein und gibt unserem Geist das Zeugnis, dass wir Gottes Kinder sind. Auf diese Weise wird mitten in den Schrecken unser Geist aufgerichtet, so dass er zu unserem Heiland und Hohenpriester seufzt, die Schwachheit des Fleisches überwindet und wieder Trost empfängt und spricht: Abba, lieber Vater." (Martin Luther, Auslegung zu Galaterbrief 4,6)

 

Gunda Brüske

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stichwort

  • mittelalterliche liturgische Dichtung (Sequenz)
  • entstanden um 1200 oder um 1160
  • Autor vielleicht Stephan Langton (oder unbekannt)
  • gregorianischer Choral und spätere Kompositionen
  • heute Bestandteil der Liturgie am Pfingstsonntag zwischen 2. Lesung und Halleluja
  • Text: im Katholischen Gesangbuch Nr. 483 und 493, im Gotteslob Nr. 343 und 344

Geistlicher Impuls

"Es geht mir wirklich um die Frage, was wird mit dem Menschen durch Pfingsten. Der pfingstliche Mensch, was ist er für einer?

 

Ich denke eindeutig: Der Mensch der Seligpreisungen, der Bergpredigtmensch. Das ist doch Jesus! Programm-Mensch, das heißt der Mensch, der aus der Menschwerdung, seinem Tod und seinem neuen Leben hervorgeht.

 

Der Mensch, in dem er durch seinen Heiligen Geist, den Pfingstgeist, weiter Mensch werden will. Und dieser Jesusmensch ist der Arme im Geist, der Wehrlose, der Friedensstifter, der mit lauterem, selbstlosem Herzen, der Mensch, der den Menschen liebt wie sich selber."

 

Silja Walter, aus einem Brief (Gesamtausgabe 9, 613)


Musik

1. Veni, Sancte Spiritus,
et emitte cælitus,
lucis tuæ radium.

 

2. Veni, pater paupernum,
veni, dator munerum,
veni, lumen cordium.

 

3. Consolator optime,
dulcis hospes animæ,
dulce refrigerium.

 

4. In labore requies,
in æstu temperies,
in fletu solatium.

 

5. O lux beatissima
reple cordis intima
tuorum fidelium.

 

6. Sine tuo numine,
nihil est in homine,
nihil est innoxium.

 

7. Lava quod est sordidum,
riga quod est aridum,
sana quod est saucium.

 

8. Flecte quod est rigidum,
fove quod est frigidum,
rege quod est devium.

 

9. Da tuis fidelibus,
in te confidentibus,
sacrum septenarium.

 

10. Da virtutis meritum,
da salutis exitum,
da perenne gaudium.

 

Amen. Alleluia.

 

 

 

Deutscher Text


1. Komm herab, o Heil'ger Geist,
der die finstre Nacht zerreisst,
strahle Licht in diese Welt.

 

2. Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

 

3. Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,

 

4. in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

 

5. Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

 

6. Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

 

7. Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

 

8. Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

 

9. Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

 

10. Laß es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.

 

Amen. Halleluja.

 

(Messlektionar)


Links

Bildimpuls zu Pfingsten von Arnulf Rainer