Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

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Kirche sein im Feiern und Verstehen

so geht katholisch thumbsitzen

Sitzen geblieben oder liturgisch in Gang gekommen?

„Sitzende Tätigkeit" ist eine Umschreibung für Bürotätigkeiten. Was „tun" Menschen, die in der Liturgie sitzen? „Tun" sie da überhaupt etwas?

 

Setting ohne Bänke

In frühchristlichen Kirchen gab es keine Kirchenbänke. maximinas kathedra Einen Stuhl gab es in jeder Bischofskirche: die Kathedra, den Lehrstuhl des Bischofs. In der Antike sass ein Philosoph, wenn er lehrte. Deshalb sass auch der Bischof im Gottesdienst, wenn er predigte: Mit seiner Predigt ergründete er die christliche Erkenntnis und Weisheit und teilte sie seiner Gemeinde mit.

Sitzen entlastet. Der Redende kann sich sitzend auf die Verkündigung und auf die Mitfeiernden konzentrieren. In einer Kirche ohne Bänke können die sich nah zum Predigenden stellen und zuhören – schliesslich gab es auch noch kein Mikrophon. Das Sitzen wurde zu einem Setting, einer Anordnung von Menschen im Raum, die uns heute nicht mehr vertraut ist.

Entlastung und Last der Kirchenbänke

Als die Predigt in den Kirchen der Reformation zentral wurde für den Gottesdienst („Predigtgottesdienst"), hätten die Zuhörenden recht lange auf den Beinen bleiben müssen, wären nicht Sitzbänke für die Mitfeiernden erfunden worden. Wer von einem Bein aufs andere tritt, der hört schon lange nicht mehr richtig zu. Sitzen entlastet und fördert so die Konzentration – natürlich auch in katholischen Kirchen. Dennoch gibt es teilweise bis ins 19. Jahrhundert keine Sitzbänke.

Und wenn Kirchen einmal leergeräumt werden, wie z.B. der Kölner Dom beim Weltjugendtag, wird die Weite fühlbar, die sie ohne Bänke haben – wieder ein besonderes Setting, das viele unterschiedliche Versammlungsformen ermöglicht. In neu erbauten oder umgestalteten Kirchen gibt es das heute teilweise wieder: Stühle, die für kleinere oder grössere Gruppen jeweils anders gestellt werden können, die einmal ganz ausgeräumt werden können oder am Rand Platz finden wie in manchen orthodoxen Kirchen.

Sitzen und Mitgehen

Als Haltung von offenem, konzentriertem Zuhören kennen wir das Sitzen in unserem Alltag heute noch. Auch – und vielleicht gerade – von jemandem, der sitzt, sagen wir paradoxerweise: er oder sie geht ganz mit. Diese Haltung aktiven Hörens, mitgehend, in Bewegung, weil mitgerissen und hingerissen von dem Berichteten sollte das Hören der biblischen Lesungen eigentlich immer begleiten. Natürlich ist das nicht so leicht. Wenn es gelingt, passiert etwas mit den Feiernden, sie gehen über sich hinaus, sie treten in das verkündigte Ereignis ein, sie begegnen Jesus im Wort der Verkündigung und den anderen Glaubenszeugen der Bibel. In dem Moment hocken sie nicht mehr in den Bänken, sie kleben nicht an ihren Stühlen, sie sitzen und sind doch keine unbeteiligt-sitzenden Zuschauer. Sitzen und Mitgehen eben.

Gunda Brüske

Stichwort

  • Haltung des aufnehmenden und betrachtenden Hörens; für das Hören der Predigt schon biblisch bezeugt (1 Kor 14,30; Apg 20,9)
  • Haltung des Lehrers und Richters, des "Vorsitzenden", seit der Alten Kirche für den Bischof als Ort der Leitung und Lehre bezeugt

Wider-Worte

„Sitzen und die mit ihm verbundenen Gesten fördern die Privatheit des einzelnen und schaffen neue Formen des Sozialen. Als homo sedens erreicht der Mensch ein hohes Mass an Festgestelltheit und gerät in Gefahr, im ‚Festsitzen' zu erstarren. Mit den neuen Medien erfährt er heute die Welt im Sitzen. Nicht der Mensch bewegt sich; er sitzt in einem Raum und lässt die Welt in bewegten Bildern an sich vorüberziehen."

Gunter Gebauer und Christoph Wulf (1998)

Geistlicher Impuls

"Beim Nachdenken über das echte Sitzen wird einiges klar: Es handelt sich nicht bloss um ein entspanntes Ruhen, sondern um ein aufrechtes und aufmerksames Erwarten. Wer sich zum Vergleich daheim zuerst ein paar stille Minuten in einen bequemen Polstersessel 'legt' und dann ebenso lang auf einen schlichten Sessel 'setzt', wird das auch innerlich spüren. Im Sitzen begründet sich eine empfangsbereite Aktivität.

Wer das alles bedenkt, wird verstehen, dass es falsch wäre, heutzutage eine neue Kirche mit bequemen Polstermöbel einzurichten. (Wenngleich nicht verschwiegen werden soll, dass in manchen alten Kirchen rechte Marterbänke die Andacht erschweren.) ...

Wer einen ruhigen und zugleich entspannt Sitzenden beobachtet, wird bemerken, dass der Körper durch diese Haltung 'zusammengeschoben' wird - die äussere Gestalt des Leibes signalisiert die innere der Sammlung. Mein Inneres wird wach und ruhig zugleich."

Peter Paul Kasper (1986)

Facts

"Während der Lesungen vor dem Evangelium, beim Antwortpsalm, zur Homilie und zur Gabenbereitung soll man sitzen, unter Umständen auch während der Stille nach der Kommunion."

Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch (1975) 21

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