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Silja Walter zum 90. Geburtstag
„Eine neue Form von Hymne ohne jedes Pathos“
Silja Walters ver-dichtet biblische Theologie. Sie zieht die Hörenden in das besungene Ereignis hinein, führt sie Christus entgehen.
Mit Bezug auf die Liturgiekonstitution sagt die „Allgemeine Einführung ins Stundenbuch“: Das Hymnar für die Tagzeitenliturgie in den Muttersprachen darf durch Neuschöpfungen bereichert werden (vgl. AES 178 mit SC 38). Tatsächlich sind die meisten Hymnen des Stundenbuchs jedoch Übersetzungen oder Übertragungen älterer Texte. Die Schweizer Benediktinerin Sr. M. Hedwig Walter, bekannter unter ihrem Künstlernamen Silja Walter, unternahm selber als Mitglied der damals so genannten „Poetischen Kommission für liturgische Texte“ den schwierigen Versuch der Übertragung hymnischer Texte ins Deutsche. Dem war zwar kein Erfolg beschieden. In einem Protokoll aus dem Jahr 1970 heisst es dann jedoch: „Sr. M. Hedwig versucht eine neue Form von Hymne ohne jedes Pathos in Anlehnung an Stimmung und Heils-Charakter der Hore.“
Allein 14 Neuschöpfungen im Stundenbuch
Von den Neuschöpfungen, die ins Stundenbuch Eingang fanden, stammen tatsächlich die meisten, nämlich 14 Hymnen von Silja Walter (siehe Randspalte). Die Quelle von Hymnendichtung, die sich seit diesem Auftrag der „Poetischen Kommission“ öffnete, floss im Laufe der letzten Jahrzehnte reichlich. Ein kleiner Teil davon ist auch in die monastische Tagzeitenliturgie (franziskanisch und benediktinisch) eingegangen. Der grösste Teile aber findet sich seit einigen Jahren in der Gesamtausgabe ihrer Werke. So wäre es heute viel leichter als in der Nachkonzilszeit, Hymnen in neuer Sprach- und Ausdrucksgestalt für das liturgische Beten zu finden. Wunderbar geeignet wäre z.B. das Gebet „Den meine Seele liebt“ als Hymnus für die Osterzeit (siehe Randspalte). Die „neue Form“ ihrer Hymnen kommt hier exemplarisch zur Geltung.
„Den meine Seele liebt“
Es handelt sich um ein Strophenlied, das jeweils in ein Halleluja mündet. Inhaltlich ist es ein Christuslied. „Ich will suchen den meine Seele liebt“ heisst es im Hohenlied immer wieder. Darauf spielt die erste Zeile an. Anspielungen auf das Hohelied durchziehen auch sonst die Hymnen von Silja Walter. Die Benediktinerin als Geliebte. Der Geliebte ist gefunden, er ist Christus das Licht. Auf das Ich der suchenden Frau antwortet in der erste Strophe das Ich des Kyrios.
Die Beziehung ist nicht exklusiv, andere ausschliessend, denn: Wir stehen in diesem Licht. Das nimmt die zweite Strophe auf, indem sie den anderen zuruft, dass jener, den auch ihre Seele suchte, doch überraschend „da ist“. Die Folie für dieses besondere Da-sein bildet die Abwesenheit des Geliebten aus dem Hohenlied, der gesucht werden muss. Doch jetzt gilt: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. … Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (Johannes 1, 5 und 8)
Die dritte Strophe ist komprimierte Theologie des Kirchenjahrs: Von einem wunderbaren Tausch sprechen einige Texte der Weihnachtsliturgie - Christus wandelt unsere Armut in seinen Reichtum. Hier wandelt er dich und mich, indem er uns unsere Finsternis abnimmt. Wunderbares Bild: das Licht in Person zieht unsere Finsternis in sich hinein. Der Tausch endet für ihn tödlich. Wir wissen es auch Weihnachten schon. Doch das Licht ist stärker: steht auf und lebt. Mit dem tonlosen Durchdringen der Nacht der Gottesferne bricht österlich an, was Jesus im Evangelium verheissen hatte: das Kommen seines Reiches. Die Mystik des Hohenlieds verschmilzt mit paulinischer Eschatologie: schon da im erst anbrechenden Noch-nicht.
Die Dichterin als Mystagogin
Die „neue Form“ der Hymnen Silja Walters ver-dichtet biblische und liturgische Theologie. Sie zieht die Hörenden in das besungene Ereignis hinein, führt sie Christus entgehen, der von der österlichen Zukunft her in die Gegenwart der Feier hineintritt. Die Dichterin erweist sich als Mystagogin. Wir haben zu danken und tun es von ganzem Herzen gerne.
Gunda Brüske
Stichwort:
Silja Walter: Abgeschieden, weltzugewandt
"Dies Frau führt im wahrsten Sinne ein doppeltes Leben. Als Schriftstellerin hat sie sich der Literatur ausgeliefert und strengen Sprachexerzitien unterworfen. Als Benediktinerin im Kloster Fahr hat sie sich in strikte Ordnungen eingefügt und ihre Energien ganz nach innen gelenkt. Beides, die literarische Begabung und die Berufung, sind von Anfang an angelegt gewesen in so unbedingter Weise, dass sie ihrer doppelten Berufung nicht ausweichen konnte – dem Leben im geschlossenen Kloster und der literarischen Produktion. Die 1919 in Rickenbach geborenen Schriftstellerin und Schwester von Otto F. Walter lebt seit Jahrzehnten in dem Zürcher Kloster.“
Pia Reinacher, Literaturkritikerin, 2003.
Geistlicher Impuls:
Den meine Seele liebt
Den meine Seele liebt,
der ist das Licht.
Er spricht: Ich bin
das Licht der Welt.
Wir stehn darin.
Halleluja!
Den eure Seele liebt,
der ist ja da!
Dringt ohne Ton
durch alle Nacht,
Licht in Person.
Halleluja.
Er wandelt dich,
er wandelt mich,
zieht unsre Finsternis in sich.
Er stirbt daran,
steht auf und lebt,
sein Reich bricht an!
Halleluja!
Silja Walter
In: Gesamtausgabe Bd. 9. 445.
Facts:
Hymnen von Silja Walter im Stundenbuch
- Die Nacht ist vergangen
- Du Türe zur Herrlichkeit
- Du Wort, das der Vater spricht
- Eine grosse Stadt ersteht
- Erwacht und singt in der Nacht
- Erwartet den Herrn
- Es fiel das Feuer des Herrn in dich
- Geheimnis seiner Herrlichkeit
- Geist des Vaters und des Sohnes Jesu Christ
- Herr, du hast die Welt gestaltet
- Jordan, sing
- Während du betest, Herr
- Was habt ihr gesehen in jener Zeit
- Wo lagerst du mit deiner Herde
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