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Die Neuausgabe der «Feier der Kindertaufe»
von Prof. Dr. Martin Klöckener
Ein Buch, dessen symbolgeladene Gestaltung sofort den Blick auf sich zieht, bereichert seit Januar 2008 die Reihe der liturgischen Feierbücher: vorn auf dem dunkelblauen Einband senkrecht verlaufende goldene Wellenlinien, die auf der Rückseite horizontal ausgerichtet sind. Vergeblich sucht man zunächst nach einem Titel; trotzdem ahnt, wer sich bei den liturgischen Büchern auskennt, worum es geht: Die bewegten Wellenlinien auf blauem Grund symbolisieren das Wasser, das Zeichen der Taufe, und die Öffnung nach oben mag auf den dialogischen Charakter allen liturgischen Handelns hinweisen: Gott und Mensch in Beziehung zueinander, ein Austausch von gnadenhafter Zuwendung Gottes und dankend-lobpreisender Antwort der Menschen, wie er im Sakrament des Christwerdens für das ganze Leben grundgelegt wird. Erst bei genauerem Betrachten entdeckt man auf dem Rücken «Die Feier der Kindertaufe».1
Nach einem ungewöhnlich langen Prozess liegt die Neufassung der Feier der Kindertaufe vor. Der Band stellt ein wichtiges Element für das Bemühen dar, das Sakrament des Christwerdens in gewandelten kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen neu zu profilieren, und zwar als Feier des Glaubens, zu dem auch jenen Zugänge eröffnet werden sollen, die sich mit christlichen Glaubensüberzeugungen und mit der Kirche schwer tun, und als
Feier der Kirche
als der Gemeinschaft der auf
Christus Getauften. Hinter diesem Bemühen um die Taufliturgie steht die
Überzeugung, dass die Liturgie als Kern des kirchlichen Handelns
insgesamt einer Neuakzentuierung bedarf und eine Pastoral zu entwickeln
ist, die vom Gottesdienst der Kirche ausgeht und wieder zu ihm
zurückführt. So kann die Neuausgabe des liturgischen Buches Anstoss zu
einer Besinnung auf das eigene Tun im grösseren kirchlichen und
gesellschaftlichen Zusammenhang sein und die Frage nach Orientierungen
für die Zukunft wachrufen.
1. Zur Vorgeschichte der Neuausgabe
Das Zweite Vatikanische Konzil hatte in der Liturgiekonstitution (Art. 67–69) eine gründliche Neubearbeitung des Kindertaufritus angeordnet. Dabei waren einerseits die allgemeinen liturgietheologischen Aussagen der Konstitution, andererseits spezielle Anforderungen an die Taufriten umzusetzen.
Der Ordo baptismi parvulorum (OBP) wurde als eines der ersten liturgischen Bücher der Reform im Mai 1969 publiziert; denn bei der Kindertaufe, wie sie bis dahin im universalkirchlich verbindlichen Rituale Romanum stand, hatte man besonders dringenden Erneuerungsbedarf gesehen. Im deutschen Sprachgebiet empfand man wohl nicht dieselbe Dringlichkeit, weil die Collectio Rituum von 1950, in der Schweiz ausserdem Diözesanritualien (Basel, Chur, St. Gallen, Lugano, dazu eine gemeinsame französische Ausgabe für die Westschweiz)2 einen Kindertaufritus in angepasster Form boten. Gleichwohl erhoffte man sich auch hier eine Fortschreibung der Taufliturgie im Sinne des Konzils.
Nach einer provisorischen Übersetzung der wichtigsten Kapitel des OBP in der «Studienausgabe» (1970) erschien schon 1971 die Ausgabe Die Feier der Kindertaufe, erstmals ganz in der Muttersprache. Das Buch zeichnete sich durch freiere Übertragungen der lateinischen Vorlage sowie durch zusätzliche Anpassungen und Auswahlmöglichkeiten mit Rücksicht auf die Situation des deutschen Sprachgebietes und die vorausgehende Collectio Rituum aus. Auch boten die «Pastoralen Vorbemerkungen» nicht eine einfache Übersetzung der lateinischen «Praenotanda», sondern eine Einführung in Theologie, liturgischen Vollzug und pastorale Fragen, die gleichzeitig Gegebenheiten der deutschsprachigen Diözesen berücksichtigte.3
Eine Neuausgabe der Feier der Kindertaufe wurde 1993 im Zuge der umfassender geplanten abermaligen Revision der liturgischen Bücher beschlossen. Die leitende Idee war dabei, die Erfahrungen mit den liturgischen Büchern angesichts der kirchlichen, gesellschaftlichen und liturgischen Umbrüche fruchtbar aufzugreifen, erkannte Defizite zu beheben und insgesamt die Inkulturation der römischen Liturgie in der eigenen Sprache und Kultur fortzuschreiben. Dass dabei die Anbindung an den universalkirchlichen OBP 1969/73 lockerer würde, erschien nicht als problematisch, sondern notwendig, um die muttersprachliche Liturgie weiterzuentwickeln.
Nach der üblichen Prüfung und Korrektur sowie der Approbation durch die Bischofskonferenzen (1997) ergaben sich im Zuge der Konfirmierung bzw. Rekognoszierung durch die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung zahlreiche Anfragen, die das Erscheinen verzögerten. Durch die Übersetzerinstruktion «Liturgiam authenticam» (28. März 2001) wurde die laufende Arbeit auch mit teilweise gewandelten Anforderungen für die Herausgabe muttersprachlicher Liturgiebücher konfrontiert. Nach diversen strukturellen Änderungen konnte ab 2004 die Revision schliesslich zu Ende geführt werden.
Was die Buchgestaltung betrifft, übernimmt dieser Band eine Pionierfunktion, da in den nächsten Jahren mit weiteren Neuausgaben der deutschsprachigen liturgischen Bücher zu rechnen ist. Im Format und Aussehen unterscheidet sich die Ausgabe sowohl von der ersten (meist aus den 70er Jahren) als auch von der zweiten Generation (90er Jahre) der Bücher für die sakramentlichen Feiern. Die Adamas-Antiqua-Schrift, bisher Markenzeichen aller liturgischen Ausgaben, wurde leicht revidiert; nur noch die gesprochenen oder gesungenen Texte sind in dieser Schrift gedruckt, während Titel, Rubriken und einige andere Passagen in einer moderner wirkenden Type gesetzt wurden. Unter Beibehaltung der bisherigen Umschlagfarbe hat man mit den anfangs beschriebenen aussagekräftigen Grafiken zudem ein ansprechenderes Layout gewagt.
2. Inhalt der Neuausgabe
Beim Studium der Neuausgabe stösst man schnell darauf, dass sie, trotz der vom Apostolischen Stuhl geforderten Treue zur lateinischen Vorlage, beachtliche Fortschreibungen und Neuerungen sowohl im Ganzen als auch im Detail bietet.
Die «Praenotanda generalia» und die «Praenotanda» – so jetzt der wenig glückliche Titel dessen, was in den meisten liturgischen Büchern als «Pastorale Vorbemerkungen» oder «Allgemeine/Pastorale Einführung» bezeichnet wird – sind wegen der Vorschriften der genannten Instruktion «Liturgiam authenticaum» eine getreue Übersetzung des lateinischen Textes, nicht mehr eine adaptierte Fassung. Allerdings haben die Bischöfe des deutschen Sprachgebietes gleichzeitig eine ausführliche, liturgietheologisch und pastoralliturgisch wertvolle «Pastorale Einführung» in einem begleitenden Heft publiziert, deren Kenntnisnahme unabdingbar ist; sie nimmt die Situation wahr, thematisiert wichtige Aspekte von Taufliturgie und -pastoral und orientiert für die Zukunft.4 Zwar hätte man sich diese Einführung im liturgischen Buch selbst gewünscht; doch nimmt die getrennte Publikation nichts von ihrer Bedeutung.
Für die Tauffeiern selbst bietet das Buch ein völlig neues, bemerkenswertes Konzept: Es enthält nicht mehr – wie die Vorgängerausgabe – verschiedene Taufordnungen, die sich in erster Linie an der Anzahl der Täuflinge orientieren (Taufe für mehrere Kinder/eines einzelnen Kindes); vielmehr ist das leitende Kriterium jetzt die Feier ausserhalb oder innerhalb der Messe; damit verbindet sich ein gewandeltes liturgietheologisches Konzept, das in die Pastoral hineinwirken soll. Weiterhin gibt es Ordnungen für die Taufe eines Kindes in Lebensgefahr sowie die «Einführung in die Kirche für ein Kind, das die Nottaufe empfangen hat».
Von den Kapiteln des lateinischen OBP wurde, wie schon in der Ausgabe von 1971, die Taufe durch Katechisten, die in den sogenannten Missionsländern bei Fehlen eines Priesters oder Diakons als Möglichkeit eingeräumt wird, nicht wiedergegeben. Forderungen, diesen Ritus mit in die Neuausgabe einzufügen, weil auch im deutschen Sprachgebiet mancherorts, vornehmlich in einigen schweizerischen Diözesen, Laien von ihrem Bischof mit der Taufe beauftragt werden, wurden von der Gottesdienstkongregation nicht akzeptiert.
Ein weiterer innovativer Abschnitt, für den die deutschsprachigen Bischöfe sich stark eingesetzt haben, findet sich im Anhang 1: «Die Feier der Kindertaufe in zwei Stufen: 1. Die Feier der Eröffnung des Weges zur Taufe / 2. Die Feier der Taufe ausserhalb / [dann] innerhalb der heiligen Messe». Diese Form der Taufe ist ohne Vorlage in der lateinischen Fassung. Dahinter verbergen sich die Erfahrungen in der Pastoral, die nach einer solchen Alternative verlangten.5
Der Anhang bietet ausserdem wie zuvor verschiedene Texte zur Auswahl. Nicht mehr aufgenommen sind die bisher 42 Seiten Taufgesänge, da inzwischen sowohl das schweizerische Katholische Gesangbuch als auch das Gotteslob genügend Gesänge zur Taufe enthalten, was bei der Erstausgabe der Feier der Kindertaufe noch nicht gegeben war.
3. Grundsätze bei der Erneuerung
3.1 Taufe und Eucharistie
Vorrangiges Prinzip für den Aufbau des Bandes ist, dass die beiden Hauptkapitel die Feier der Kindertaufe ausserhalb oder innerhalb der Messe bieten. Mit Rücksicht auf die bestehende Praxis und unter realistischer Einschätzung der pastoralen Möglichkeiten hat man die Feier ausserhalb der Messe an die erste Stelle gesetzt, weil sie auch in Zukunft sicher häufiger vorkommen wird. Doch schon mit dem vorrangigen Bezug zur Eucharistie sowie mit der Ausarbeitung einer eigenen Taufordnung «innerhalb der Messe» wird ein liturgietheologisch und pastoral wichtiger Schritt getan.
Auch die Taufe von Kleinkindern ist Feier des Paschamysteriums Jesu Christi, in das die Neugetauften mit hineingenommen werden, um die paulinische Symbolik (vgl. besonders Röm 6) aufzugreifen. Auch die Taufe von Kleinkindern ist vollständige Eingliederung in die Kirche, selbst wenn im Westen die Initiationssakramente der Firmung und Eucharistie erst in späteren Jahren folgen. Dass aber die Taufe nun so markant zur Eucharistiefeier in Verbindung gesetzt wird, zeigt die Hinordnung des sakramentalen Lebens der Kirche wie auch ihres ganzen übrigen Wirkens auf die Eucharistie und ihre Existenz von der Eucharistie her. Selbstverständlich war auch bisher die Taufe innerhalb der Messe möglich und sogar empfohlen, doch wurde darauf nur in den Pastoralen Vorbemerkungen hingewiesen, ohne dass das liturgische Buch diese Praxis nachdrücklich förderte. Mit der Neuausgabe bekommt die Taufe in der Messe erheblich mehr Gewicht.
Bei der Taufe innerhalb der sonntäglichen Gemeindemesse – daran ist primär gedacht – wird für die Eltern, Paten und Angehörigen eines Kleinkindes der Kirchen- und Gemeindebezug der Taufe deutlicher, und zwar gegen die fragwürdige Tendenz zur Privatisierung von Sakramentenfeiern, wie sie im Einklang mit den gesellschaftlichen Trends von Individualisierung und Privatisierung seit längerem verstärkt begegnet. Des Weiteren ist die Kindertaufe innerhalb der Messe von Bedeutung für die Gemeinde selbst: Erleben die meisten Gemeindeglieder eine Taufe nur, wenn sie familiär oder durch Freundschaft und Bekanntschaft eingebunden sind, so lässt die Taufe innerhalb der Eucharistiefeier die getauften Christen miterleben, dass ihre Gemeinschaft wächst, dass die Kirche, zu deren Leib sie selbst gehören, neue, junge Glieder aufnimmt, dass neue Gemeinschaft im Glauben mit den Täuflingen und deren Familien eröffnet wird. Die Getauften werden an ihre eigene Taufe erinnert; ja: die Teilnahme an einer Taufe ist eine herausragende Form des eigenen Taufgedächtnisses und stärkt das Taufbewusstsein. Man darf hoff en, dass dieser Impuls den Gemeinden auch ihre Mitverantwortung für die Eingliederung neuer Mitglieder vor Augen führt und das Klima für eine neue Taufpastoral zu bereiten hilft.
3.2 Berücksichtigung der gewandelten pastoral(liturgisch)en Situation
Die Neuausgabe der Feier der Kindertaufe enthält in grösserer Zahl neue originär deutschsprachige Texte, insbesondere bei den sogenannten Monitionen (Einführungen, Überleitungen), aber auch etwa bei der Oration zum Abschluss der Eröffnung. Diese reflektieren teils das seit Anfang der 70er Jahre gewandelte Sprachgefühl; teils sind sie Ausdruck des Bemühens, auf die veränderte pastorale Situation einzugehen.
Wichtigstes Element dabei ist die genannte Tauffeier in zwei Stufen: mit einer «Feier der Eröffnung des Weges zur Taufe» und – als dessen Ziel – der Taufe selbst. Die erste Feier umfasst im Wesentlichen die taufvorbereitenden Riten bis einschliesslich des Wortgottesdienstes (mit geringfügigen Abweichungen von der normalen Tauffeier). Sodann folgen die Befragung der Eltern nach ihrer Bereitschaft zur Erziehung des Kindes im Glauben und der Paten nach ihrer Bereitschaft zur Übernahme des Patenamtes. Der Täufling wird mit dem Kreuz bezeichnet, was ausgeweitet werden kann, indem neben der Stirn auch die Augen, Ohren, Mund und Hände der Kinder mit dem Kreuz (jeweils mit Begleitwort) bezeichnet werden. An die Anrufung der Heiligen und die Fürbitten schliesst sich das Gebet um Schutz vor dem Bösen (Exorzismus-Gebet) an, das zur Salbung mit Katechumenenöl hinführt. Ein Dankgesang und eine Segnung beschliessen die Feier.
Nach einer längeren Vorbereitung der Eltern zur Klärung und Vertiefung des Glaubens fi ndet die Taufe selbst (ausserhalb oder innerhalb der Messe) statt. Eröff nung (am Eingang der Kirche) und Begrüssung und Wortgottesdienst ähneln der Normalform der Kindertaufe. Nach Lesungen, Homilie und Fürbitten wird die Taufe in der gewohnten Form gehalten.
Diese Ordnung ist in erster Linie für Eltern gedacht, die sich anlässlich der Taufe eines Kindes vielleicht wieder oder neu mit dem christlichen Glauben und dem Leben in der Kirche auseinandersetzen; gerade in Zeiten, in denen die Volkskirchlichkeit an ihr Ende gekommen ist, ist es oftmals angeraten, eine solche Phase der Klärung und der Erschliessung neuer Zugänge zum Christsein zu eröffnen, zweifellos ein richtiger und lohnenswerter Ansatz für die Pastoral.
3.3 Berücksichtigung neuer theologischer Positionen zum Wert des AT
Erwähnung verdient eine Kleinigkeit in den Rubriken, die man leicht übersehen kann. Eine Eigenrubrik für das deutsche Sprachgebiet zur Auswahl der Schriftlesungen hiess bisher: «Eine Lesung aus dem Alten Testament soll nur in Verbindung mit einer neutestamentlichen Lesung ausgewählt werden.»6 Bei der Ausgabe von 1971 war man davon ausgegangen, dass die christliche Taufe mit neutestamentlichem Ursprung eine direkt auf das Christusereignis bezogene Verkündigung aus den Evangelien, Briefen oder der Offenbarung erfordert, der eine alttestamentliche Lesung zugeordnet werden kann. Die neuere theologische Diskussion um den Wert und die Stellung des Alten Testaments im Leben der Kirche und der Liturgie betont stärker die Einheit der Heiligen Schrift, die in ihrer Gesamtheit als Zeugnis der Offenbarung unter dem Anspruch Christi gelesen wird. Aus diesem Grunde hat man die Sonderrubrik aufgegeben.7
3.4 Engere Anlehnung an den Ordo baptismi parvulorum (1969/1973)
In Folge der veränderten Haltung des Apostolischen Stuhls zu den muttersprachlichen Ausgaben der römischen Liturgie ist es bei Texten und rituellen Abläufen verschiedentlich, aber längst nicht durchgängig (!) zu einer engeren Anlehnung an den OBP gekommen.8
«Übersetzung» statt «Übertragung»
Von den eng am lateinischen Text sich orientierenden «Praenotanda» und «Praenotanda generalia» war schon die Rede. Hinzu kommt eine grössere Wörtlichkeit bei einigen Übersetzungen liturgischer Gebete und Formeln. Das Prinzip einer möglichst wörtlichen «Übersetzung» trat an die Stelle des früheren Prinzips der freieren «Übertragung» der liturgischen Texte in die Muttersprache. Dabei sind aber insgesamt Übersetzungen gelungen, die nicht schulmeisterlich noch den lateinischen Urtext durchklingen lassen, sondern man hat alles in allem eine adäquate deutsche Sprachgestalt geschaffen. Über einzelne Formulierungen wird man immer streiten können, auch schon im bisherigen Buch. Verschiedentlich sind die neuen Formulierungen sogar ein Gewinn, weil auch liturgische Sprache nach bald 40 Jahren des Gebrauchs «altern» kann. Eine genaue Durchsicht des Bandes zeigt überdies, dass man längst nicht bei allen Elementen wörtlicher übersetzt, sondern reichlich Spielraum behalten und genutzt hat.
Umstellung der Bezeichnung mit dem Kreuz
Die engere Anlehnung an die lateinische Vorlage hat zu einer rituellen Umstellung geführt: War die Bezeichnung mit dem Kreuz durch Eltern, Paten und eventuell andere Mitfeiernde bisher im Anschluss an die Homilie vorgesehen, so ist sie nun wie im OBP Teil der Eröffnungsriten. Bei der früheren Struktur hatte man das Modell der Katechumenatsriten auf die Tauffeier übertragen und die Bezeichnung mit dem Kreuz nach einer ersten einführenden Katechese vorgesehen. Doch kann man den Wortgottesdienst der Tauffeier nicht parallel zum Katechumenat setzen, vielmehr ist er substantieller Bestandteil der Tauffeier selbst. Insofern ist die Umstellung der Bezeichnung mit dem Kreuz sachgerecht, obwohl damit eine Eigenheit des deutschen Sprachgebietes verlorengeht.
Geändert wurde in dem Kontext auch das Begleitwort: «Mit grosser Freude nimmt dich/euch die christliche Gemeinde (oder: unsere Pfarrgemeinde) auf. In ihrem Namen bezeichne ich euch mit dem Zeichen des Kreuzes.» Diese Wendung war häufiger kritisiert worden, weil sie den Eindruck erwecken konnte, als sei das Kreuzzeichen der Akt der Aufnahme in Kirche und Gemeinde, von der getrennt dann die Taufe stattfände. Tatsächlich meint dieser Ritus aber nur einen Akt der Annahme und der ersten Begrüssung des Täuflings im Kreis der Getauften unter dem Zeichen Christi. Die neue Formel heisst nun theologisch eindeutiger: «Mit grosser Freude empfängt euch die Gemeinschaft der Glaubenden. Im Namen der Kirche bezeichne ich euch mit dem Zeichen des Kreuzes».9
4. Perspektiven
a) Nach entsprechender Hinführung und Begründung (!) für die Gemeinden ist zu hoff en, dass die Taufe in der sonntäglichen Eucharistiefeier regelmässiger Bestandteil des liturgischen Lebens wird. Ausser der Osternacht, in der ebenfalls die Taufe von Kindern und/oder Erwachsenen ihren Platz hat,10 scheint eine Häufigkeit von drei- bis viermal im Jahr angemessen. Doch kann man begründetermassen auch zu einer anderen Häufigkeit kommen.
b) Die Feier der Kindertaufe in zwei Stufen mit einer Feier zur Eröffnung des Weges zur Taufe, einer Art mehrmonatigem «Elternkatechumenat» und der späteren Taufe selbst schaff t in der gegenwärtigen pastoralen Situation neue Möglichkeiten und setzt einen Akzent, der für die Zukunft wegweisend werden könnte. Der seelsorgliche Mehraufwand, den dieser Ansatz verlangt, kann durch die Einbindung von stabilen kleinen Gruppen von Gläubigen in die Taufpastoral aufgefangen werden. Die gute Erfahrung mit solchen Konzepten mancherorts in Frankreich ermutigen auch hier zu solchen Schritten. Hier kann die Berufung der Laien und ihre Mitverantwortung für das kirchliche Leben angemessen umgesetzt werden.
c) Dass die Taufe Feier der Kirche ist, schlägt sich in der Neuausgabe an vielen Stellen noch klarer nieder als im bisherigen liturgischen Buch. Dieser theologische Anspruch ist verstärkt in die Feiergestalt umzusetzen: Bei jeder Kindertaufe müsste deutlich werden, dass das Geschehen die Gemeinde angeht. Neben der Ankündigung in den Pfarrnachrichten, Glockengeläut vor der Feier und der Mitwirkung liturgischer Dienste (wenigstens Ministranten) braucht es dazu die Beteiligung wenigstens einiger Pfarreimitglieder. Die oft bei Eltern begegnenden Primärmotive, dass die Taufe eine Feier der Geburt ist, eine Feier, die die Familie aus einem freudigen Anlass zusammenführt, dass Gott im weitesten Sinn um Schutz für das Kind angerufen wird, sind sinnvoll und gerechtfertigt. Als Sakramentenfeier ist die Taufe aber ebenfalls – und dies gegen alle Bestrebungen zur Privatisierung – eindeutig im Raum der Kirche zu verorten.
d) Die Neuausgabe der Feier der Kindertaufe verlangt von den Verantwortlichen eine konzeptionelle Taufpastoral sowie eine gute Kenntnis der Liturgie, ihrer Strukturen, Worte und Zeichen. Nur wer sich sicher darin bewegt, vermag auch die zahlreichen Möglichkeiten der Anpassung, der Auswahl gleichartiger Texte und der teilnehmer- und situationsentsprechenden freien Formulierung von Monitionen, Einführungen und Überleitungen sachgerecht zu nutzen.
e) Wünschenswert wäre, dass die Mitverantwortung der gesamten Gemeinde für die Taufvorbereitung und die Begleitung von Eltern, deren Kind getauft werden soll und deren Kind getauft worden ist, ernst genommen wird und sich ein neues Klima in der Taufpastoral entwickelt, damit das Sakrament des Christwerdens als Feier des Glaubens und Feier der Kirche von neuem profiliert wird. Nur so kann es gelingen, die Pastoral stärker durch die Eingliederung in Kirche und Gemeinde zu prägen, statt permanent und oft gelähmt auf die vielfältigen Verlusterfahrungen heute zu starren.
f) So möchte man wünschen, dass die Neuausgabe für die Liturgie der Kindertaufe als Buch der Kirche in den Diözesen des deutschen Sprachgebietes bald auf breiter Ebene angenommen wird und ihre Akzente fruchtbringend und impulsgebend in das liturgische Leben und die Pastoral eingehen;11 auch wird sie hoffentlich das hier und da gebräuchliche Ringbuch mit «Privatagenden» zu ersetzen vermögen. Die neue Feier der Kindertaufe ist zweifellos eine Chance: für die Liturgie und Pastoral der Taufe selbst, darüber hinaus aber auch für das kirchliche Leben in seiner Gesamtheit.
Martin Klöckener ist seit 1994 ordentlicher Professor und Inhaber des zweisprachigen Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg/Schweiz. Er ist Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen im In- und Ausland.| 1 | Der vollständige Titel lau tet: Die Feier der Kindertaufe in den Bistümern des deutschen Sprachgebietes. Zweite authentische Ausgabe auf der Grundlage der Editio typica altera 1973. Freiburg/ Brsg. [u. a.]: Herder; Regensburg: Pustet; Freiburg (Schweiz): Paulus; Salzburg: St. Peter; Linz: Veritas 2007 (Rituale Romanum ...) [tatsächlich 2008]. – Ergänzend zur offiziellen Ausgabe ist erschienen: Den Glauben weitergeben. Werkbuch zur Kindertaufe. Hrsg. von W. Hau ner land und E. Nagel. (Dt. Liturg. Institut) Trier 2008 (in der Schweiz Bezug über das Liturgische Institut, Impasse de la forêt 5a, 1707 Freiburg). | |
| 2 | Vgl. Martin Klöckener: Die Reform der Schweizer katholischen diözesanen und interdiözesanen Ritualien im 20. Jahrhundert, in: Liturgie in Bewegung – Liturgie en mouvement. Hrsg. von Bruno Bürki und Martin Klöckener unter Mitarbeit von Arnaud Join-Lambert. Freiburg / CHGenf 2000, 222–255. | |
| 3 | Eine 2. Auflage des Ordo baptismi parvulorum erschien 1973 mit kleineren Änderungen. Weitere Modifikationen ergaben sich in der Folge durch den CIC 1983, die aber nicht mehr in die deutsche Ausgabe eingearbeitet wurden. | |
| 4 | Vgl. Die Feier der Kindertaufe. Pastorale Einführung. [Für die beteiligten deutschsprachigen Länder] Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (= Arbeitshilfen 220). Bonn 2008. In der Schweiz zu beziehen über das Liturgische Institut (s. Anm. 1). | |
| 5 | Das schweizerische Katholische Gesangbuch (1998) enthält unter Nr. 15 bereits eine fast identische Feierordnung. Beim Redaktionsschluss des KG Ende 1996 ging man davon aus, dass die Neufassung der Feier der Kindertaufe bald erscheinen werde, und übernahm deshalb den damals geltenden Entwurf. Dass bis zur Veröffentlichung noch 10 Jahre vergehen würden, war nicht absehbar. | |
| 6 | Vgl. Die Feier der Kindertaufe (1971), 31, Nr. 12. | |
| 7 | Man muss freilich hinzufügen, dass bei den zur Auswahl vorgeschlagenen Lesungen vier alttestamentlichen insgesamt 19 neutestamentliche Lesungen gegenüberstehen, so dass von daher die Präferenz ohnehin beim Neuen Testament liegen wird. | |
| 8 | Auf die wegen exakter Übersetzung umständlicher gewordene Titelei wird hier nicht eingegangen. Sie hat keinen Einfluss auf die Inhalte. | |
| 9 | Vgl. auch W. Haunerland: Den Glauben weitergeben. Zur Neuausgabe von «Die Feier der Kindertaufe», in: Gottesdienst 42 (2008), Nr. 2, 9–12, hier 10. | |
| 10 | Aus diesem Grund sollte in der Österlichen Busszeit/Fastenzeit nur in gewichtigen Ausnahmefällen die Taufe stattfinden. Vgl. auch die bisher offensichtlich kaum wahrgenommene Weisung der Schweizer Bischöfe im KG (S. 36 oben): «In der Österlichen Busszeit sollte möglichst nicht getauft werden.» | |
| 11 | Ab dem 1. Adventssonntag 2008 ist die Neuausgabe verpflichtend. |
Schweizerische Kirchenzeitung • 14-15/2008 • 3. April •
