
Impuls zum Evangelium

1. Advent/B
Hüter der Schwelle
Wachsamkeit für den, der kommt. Das verlangt das Evangelium.
Wie ist sie möglich?
51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage hat Florentino Ariza auf Fermina Daza in Gabriel García Márquez Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ gewartet um die Liebe seines Lebens ein zweites Mal zu erobern.
Und auch jetzt - nachdem Fermina verwitwet ist - braucht Florentino einige Zähigkeit, damit die beiden schlussendlich zueinander finden. Sein ganzes Leben hat er auf diesen Punkt ausgerichtet. Dabei ist er wie nebenbei vom armen Telegraphisten zum reichen Direktor der Karibischen Flussschiffahrtsgesellschaft aufgestiegen und er hat das Leben eines einsamen Don Juan geführt. Denn in der Tiefe seines Herzens hat es für ihn immer nur eine Frau gegeben. Immer ging es ihm nur darum, „sich mit erbitterter Entschlossenheit für den Augenblick am Leben und bei guter Gesundheit zu halten, da sich sein Los im Schatten von Fermina Daza erfüllen“ wird.
51 Jahre auf die Frau zu warten, die man in der Jugend geliebt hat, hat etwas Irrwitziges. Diese Liebe ist der rote Faden in einem langen Leben, das an uns vorbeizieht und am Ende alt und hinfällig wird. Liebe im Zeichen der Vergänglichkeit. Gerade deshalb rührt die Erfüllung, die sie schliesslich findet, so. Aber gerade diese Liebe, die wartet, die sich ganz und gar auf diesen einen und einzigen Punkt ausrichtet, ohne zu wissen ob und wann sie sich erfüllt, sagt etwas über die Kraft menschlicher Liebe. Nur die Liebe kann so warten.
Christinnen und Christen warten seit 2000 Jahren auf den Menschensohn. Nur die Liebe kann so warten. Aber warten wir denn überhaupt? Wäre dies nicht vielleicht noch irrwitziger als das Warten des Florentino Ariza? Und es geht ja nicht allein um ein blosses Abwarten, es geht um gespannte Aufmerksamkeit, es geht um Wachsamkeit, die Wachsamkeit des Türhüters, der auf seinen wiederkommenden Herrn wartet. Denn in diese Haltung weist uns das Evangelium an diesem Sonntag ein. Christinnen und Christen als Hüter der Schwelle - eine unmögliche Position. Menschen, die nicht im Getriebe aufgehen, die sich weigern, sich endgültig in dieser Welt einzurichten. Ist das vergängliche Leben nicht viel zu kurz bemessen und viel zu kostbar um sich solch einen Luxus zu leisten? Grenzposten zum Unbekannten - und das Leben zieht an uns vorbei?
Aber was wäre, wenn der kommende Gott, auf den wir warten, der im Menschensohn Jesus kommen will, das einzige wäre, was schlussendlich lohnt? Aber wir müssen doch leben! Ja, und deshalb müssen wir vielleicht lernen als Bürger zweier Welten zu leben. Unsere Aufgaben erfüllen. Lieben. Leben. Freude finden. Trauer durchleben. Finden und loslassen. Aber uns nicht ganz einrichten. Den roten Faden der Wachsamkeit nicht verlieren. Schwellenwächter sein zwischen Zeit und Ewigkeit, aufmerksam für den kommenden Gott. Immer ein wenig Grenzposten bleiben, den Blick ins Offene freihalten. Nur die Liebe kann so warten.
Aber woher nährt sich die Liebe? Aus der Nähe! Denn die Türhüter und die Grenzwächter, die Christinnen und Christen auf der Schwelle haben das Privileg der Nähe des Kommenden. Fridolin Stier übersetzt Mk 13,29 (aus der ausführlicheren Fassung des Evangeliums) so: „So auch ihr: wenn ihr das geschehen seht, so erkennt, dass er nah ist am Tor“. Das heißt: Er steht schon vor der Tür, sein Licht bricht schon unter der Schwelle hervor, an der wir wachen. Im nächsten Augenblick kann er die Tür öffnen und die Schwelle überschreiten. Dann ist er da und bringt alles zu Ende. Naherwartung.
Naherwartung? Nach 2000 Jahren? War das nicht das Grundproblem der frühen Christengemeinden, dass er gesagt hatte das Gottesreich komme, es sei schon ganz nah und komme bald in Fülle? Und es kam nicht! Und mit ihm komme der Menschensohn. Und er kam nicht! So jedenfalls hat man gesagt. Aber wussten die, die so sagten, nichts von der Feier der Eucharistie? Da ist doch der, der gekommen ist in Jesus von Nazareth, immer wieder neu der Kommende, verborgen zwar, in Brot und Wein, aber doch ganz wirklich, Nähe schenkend, bis er kommt in Herrlichkeit. Können Christinnen und Christen, die Eucharistie feiern, denn überhaupt etwas anderes haben als Naherwartung, wenn sie aus seiner Nähe leben, immer wieder neu? Aus solcher Nähe nährt sich die Liebe. Solche Nähe stellt uns auf die Schwelle. Nur die Liebe kann so warten.
Martin Brüske